von am 13. September 2017

Regina Weidner nach erledigter Arbeit. Sie kümmert sich um die Grünanlagen in Gropiusstadt. (Foto: „Trabanten“ / Daniel Seiffert)

Mit seiner Kamera möchte Dokumentarfotograf Daniel Seiffert hinter die Fassade der Gropiusstadt schauen. „Trabanten“ heißt seine Fotoserie, die zeigt, dass dieser mit Klischees beladene Ort gar nicht so leicht zu fassen ist.

Interview: Cara Wuchold / Alle Fotos: Daniel Seiffert

Das erste Mal fotografierte Daniel Seiffert im Auftrag der „Zitty“ in der Gropiusstadt. Das war 2012 zum 50. Jubiläum. Dann führte ihn die Anfrage eines Fotofestivals in Portugal wieder dorthin. Schon ganz zu Beginn entschied sich der Dokumentarfotograf im quadratischen Mittelformat zu arbeiten, weil es seiner Meinung nach gut passt zu dem Statischen der Betonwürfel und -rechtecke, die in den 60er und 70er Jahren als Wohnutopie auf die Felder am Rande Berlins gesetzt wurden.

„Trabanten“ hat Daniel Seiffert seine Serie über diese Satellitenstadt genannt, an der er weiter arbeiten wird. Auszüge daraus sind derzeit in der Fotogalerie Friedrichshain zu sehen. Er möchte hinter die brutale Fassade schauen, porträtiert Bewohner und macht sich auf die Suche nach Poesie und Schönheit, die er dort von Anfang an vermutete. Daniel Seiffert ist fasziniert von diesem gar nicht leicht zu fassenden Ort, mit dem ihm auch etwas ganz Persönliches verbindet.

Der Blick auf Gropiusstadt über Felder von Großziehten in Brandenburg aus. Hier verlief die Mauer zwischen West und Ost. (Foto: „Trabanten“ / Daniel Seiffert)

neukoellner.net: Du bist Berliner! Wie kam die Gropiusstadt in deinen Blick?
Daniel Seiffert: Ja, das ist eigentlich auch der Schlüssel zu dieser Gropiusstadt-Geschichte. Ich bin tatsächlich Ost-Berliner und komme aus Johannisthal. Ich bin 200 Meter Luftlinie von der Mauer groß geworden. Wir hatten den ersten Q3A-Block hinter der Mauer. Q3A, denen sieht man den Plattenstatus nicht so an, aber das sind Gebäude aus den 50er-Jahren, die man eigentlich in Berlin so am Rand ziemlich viel hat. Das sind Viergeschösser, mit zwischen vier und sechs Eingängen, je nachdem. Und auf der anderen Seite kam Rudow und die Gropiusstadt. Und das war auch so mein Bild vom Westen: diese großen weißen Häuser. Die waren unerreichbar, aber faszinierend, denn die sahen ja edel aus für uns. Ich habe die auch als schön empfunden, als etwas unerreichbares Schönes.

Das klingt nach einem sehr persönlichen Zugang zur Fotografie.
Natürlich hoffe ich, dass in meinen Bildern etwas von mir steckt. Es gibt unter Fotografen dieses Ding, dass man sagt, es gibt die, die in den Spiegel gucken, und es gibt die, die aus dem Fenster schauen. Ich bin mit Sicherheit einer, der eher aus dem Fenster schaut, aber wenn ich mich ein bisschen in dem Fenster spiegele, ist es schon schön. Aber ich möchte trotzdem was erzählen. Was hält Gesellschaft zusammen, und wo sind die Brüche, das interessiert mich. Also Brüche sind, glaube ich, ein ganz wichtiges Ding.

Interessiert sich für Brüche, und hat als „Mauerkind“ auch selbst einschneidende erlebt – der Fotograf Daniel Seiffert. (Foto: Daniel Seiffert)

Das ist ja auch Teil meiner Biografie, diese Erfahrung in diesem anderen deutschen Land, obwohl ich noch sehr klein war, aber da womöglich auch durch die Nähe zur Mauer. Ich glaube, da hängt auch viel Erinnerung dran, auch kindlich-naive Erinnerung, auch Faszination, und daher kommt auch mein Interesse für die Gropiusstadt, und vielleicht auch für diese Menschen. Auch wenn ich nicht richtig begreifen kann, wieso man da wohnt.

Und dann ist die Mauer gefallen…
Die Mauer ist gefallen, da war ich neun. Das war dann auch so die Zeit, wo man nachmittags selber anfängt mit dem Fahrrad und den Kumpels zu cruisen. Und da kann ich mich noch gut erinnern, dass meine Eltern schon gesagt haben, fahrt mal nicht in den Westen, vor allem nicht dahin, wo diese großen Hochhäuser sind. Für die war natürlich die Gropiusstadt schon auch beladen, die hatten schon auch von Christiane F. gehört. Und was haben wir gemacht? Wir sind natürlich da hingefahren. Und wurden sofort angepöbelt von einer älteren Dame, weil wir zwar auf dem Fahrradweg gefahren sind, auch eine Sache, die wir nicht kannten, aber auf der falschen Seite der Straße. Es ist eigentlich die spießigste Gegend, die man sich so vorstellen kann.

Die 80-jährige Frau Meister vor dem Wohnhaus in der Fritz-Erler Allee, sie wohnt seit 1965 dort. (Foto: „Trabanten“ / Daniel Seiffert)

Hans-Georg Miethke, 75 Jahre alter Pensionär, gehörte 1969 zu den ersten Bewohnern der Gropiusstadt. (Foto: „Trabanten“ / Daniel Seiffert)

Spießig ist wahrscheinlich nicht das erste, was einem einfällt zu der Gropiusstadt…
Das ist aber auch der Eindruck, den ich jetzt gewonnen habe. Wenn man heute durch Gropiusstadt läuft, das ist ja irre. Es gibt schon eine Menge „Bio-Deutsche“, wenn man das so sagen kann, das sind aber alles Rentner. Es gibt auch sehr viele kleine Hunde. Es gibt plötzlich auch so eine spießige Kleingartensiedlung mitten zwischen diese Hochhäusern, also wenn man sich da erstmal reintraut, ist man auch überrascht, da ist doch sehr viel Grün, man kann sich regelrecht verlaufen, es ist ja auch ein riesiges Gelände, mit drei U-Bahn-Stationen. Und dann gibt es jetzt diesen sehr hohen Migrationsanteil und da prallen ja so die Welten aufeinander, mit diesem spießigen deutschen Vorgartenliebhaber – aber irgendwie funktioniert es eben, und das ist eigentlich das, was mich fasziniert hat.

Was glaubst du, wie lebt es sich dort?
Herr Miethke war der erste Gropiusstädter, den ich kennengelernt habe. Ein Erstmieter, der wirklich ’69 dort hingezogen ist, und mir dann erzählte, dass er vorher am Zickenplatz gewohnt hat, in der Boppstraße, in der Nähe von da, wo ich jetzt wohne in Kreuzberg. Er wohnte im Hinterhof, und fand es fürchterlich, und war extrem glücklich, in diese moderne Wohnung ziehen zu können, und sich das als junger Student und angehender Postbeamter leisten zu können.

Und eigentlich war der Tenor der Leute, mit denen ich mich unterhalten habe immer, dass sie glücklich sind. Dass sie zufrieden sind. Eine arabische Mutter mit ihren vier Kindern und Freunden, die vorher auch in Kreuzberg gewohnt hatten, die meinten, dass die Strukturen auch einfach besser sind. Natürlich wird auch viel gemacht, gerade für Kinder. Die Anbindung ist gut, in 15 Minuten ist man am Hermannplatz. Und kurz hinter Gropiusstadt gibt es ja auch Pferdehöfe und man ist wirklich auf dem Land. Im Ideal-Hochhaus gibt es jede Woche eine Sprechstunde von der Genossenschaft für die Bewohner, da kommen natürlich nur die Senioren, und die gucken dann über ihre Gropiusstadt, ich meine, wo hat man das sonst?

Eine junge Frau mit Hund in einer der Grünanlagen (Foto: „Trabanten“ / Daniel Seiffert)

Ein türkischer Junge, aufgenommen nach der Schule vor der Kneipe „Buckower Tönnchen“ (Foto: „Trabanten“ / Daniel Seiffert)

Die Menschen erstrahlen fast ein bisschen auf deinen Bildern, auch wenn sie nicht wirklich lächeln, aber sie weichen die wenig menschenfreundliche Architektur auf.
Eigentlich war auch die Idee, als das Projekt gereift ist, dem Ganzen doch ein positives Anlitz zu geben, Das Bild mit den Sonnenreflektionen, das ist ja ein poetisches Bild. Das ist der Versuch, diese schönen Seiten, die es sehr wohl gibt, zu akzentuieren. Und eigentlich in den Fotos zu zeigen, was die Menschen mir ja auch gesagt haben, dass sie da zufrieden sind, dass es für sie eine schöne und auch eine gute Umgebung ist. Es gibt natürlich auch das Porträt einer Frau, die sehr gezeichnet ist. Die arbeitet da in den Gärten, sorgt dafür, dass dieser Ort schön ist und schön bleibt. Das war auch etwas, was mir auffiel in der Gropiusstadt, wenn man durch die Parkanlagen geht, die ja dazu gehören, die sich gar nicht wie Parkanlagen anfühlen, es ist alles sauber, es ist zehn Mal sauberer als in meiner täglichen Umgebung.

Das hört sich fast nach heiler Welt an?
Es ist natürlich schon auch ein angespannter Ort. Ich habe mich jetzt nicht immer supersicher gefühlt, muss man auch sagen. Drogen sind ein Problem in der Gropiusstadt. Es gibt ein Bild, das sieht aus wie ein Sternenhimmel. Ich erinnere mich noch an die Situation. Das war ein Tag, da bin ich dahingefahren, musste mir die Zeit auch aus dem Ärmel klemmen, war dann da, und irgendwie passierte nichts, die zwei, drei Leute die kamen und die ich interessant fand, wollten sich nicht fotografieren lassen, und eigentlich war ich relativ genervt.

Und dann habe ich mich auf so eine Betonfläche gesetzt, und guckte um mich und die Sonne stand schon ein bisschen tiefer, und um mich herum leuchteten auf einmal diese ganzen bronzenen Dinger auf, die ich vorher nicht wahrgenommen habe – ich saß auf einmal zwischen zig, zig, zig Patronenhülsen. Und fragte mich, was ist hier passiert? Aber es gibt eben auch diese andere Welt, und eigentlich existiert das alles parallel. Und irgendwie funktioniert es. Und das ist für mich natürlich was Faszinierendes, also ein langweiliger Ort ist es eben nicht!

Auszüge aus „Trabanten“ sind bis zum 22. September in der Ausstellung „Ein Tag in Berlin – 30 Jahre danach“ in der Fotogalerie Friedrichshain zu sehen, Helsingforser Platz 1, 10243 Berlin, Eintritt frei

Patronenhülsen auf dem Asphalt nahe der Fritz-Erler Allee 16 (Foto: „Trabanten“ / Daniel Seiffert)

Lichtspiele an einer Hauswand (Foto: „Trabanten“ / Daniel Seiffert)

Ein Hausbewohner vor einem Eingang mit Blick über die Stadt (Foto: „Trabanten“ / Daniel Seiffert)

Pflanzen auf Beton (Foto: „Trabanten“ / Daniel Seiffert)

Fast ein Stillleben: Rotes Motorrad vor einem gelben Gebäude. (Foto: „Trabanten“ / Daniel Seiffert)

Ein Durchgang mit Graffiti in der frühen Nachmittagssonne (Foto: „Trabanten“ / Daniel Seiffert)

 

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