von am 19. Juli 2016
Bild: Elisa Heidenreich

Bezirksstadtrat Falko Liecke säbelt um die Gunst der Wähler. (Bild: Elisa Heidenreich)

Wenn der CDU-Bürgermeisterkandidat am Dönerspieß schwitzt und der ehemalige Zuhälter Karate-Andy seine Kinder für die Selbstverteidigung anbrüllt, weiß der kundige Neuköllner: Es ist Wahlkampf!

Text: Marlene Brey
Fotos: Elisa Heidenreich

Die Sonne knallt auf Neukölln herab. Falko Liecke, der Neuköllner Bürgermeisterkandidat der CDU, schwitzt. In Ali´s Gemüse Kebap im Süden des Bezirks steht er hinter einem rotierenden Dönerspieß. Er verkauft hier gegrilltes Fleisch im Brot für nur einen Euro pro Portion. Dem potentiellen Wahlvolk scheint es zu gefallen. Es wartet geduldig in einer bewegungslosen Schlange. Liecke ist neu im Geschäft und nicht der Schnellste.

Vor dem Laden stehen Kinder in Karate-Montur aufgereiht. Durch diese Reihen läuft Karate-Andy. Sein richtiger Name ist Andreas Marquardt. Er war mal Berlins berüchtigster Zuhälter, kam mit Mitte 40 für achteinhalb Jahre ins Gefängnis, fand dort zu sich selbst und führt heute eine Sportschule in Neukölln. Dort unterrichtet er Kinder vor allem in Karate. Mit dem Sport will er ihr Selbstbewusstsein stärken und Alternativen zu Gewalt und Kriminalität aufzeigen. Dieser Karate-Andy ist im Übrigen nicht zu verwechseln mit dem Neuköllner Rapper Karate Andi. Marquardt war zuerst da. Er ist das Original. Rapper benennen sich nun mal gerne nach Gangstern, sagt der Andi mit -i dazu.

Karate-Andy hat alles im Griff

Karate-Andy mit seinen Karate-Kids. (Bild: Elisa Heidenreich)

Karate-Andy und seine Karate-Kids. (Bild: Elisa Heidenreich)

„Wo ist er denn, unser Bürgermeister?“, fragt Andy mit -y und holt Liecke aus der Dönerbude. Karate-Andy ist braungebrannt und hat weiße Zähne. Er hat alles im Griff: die Schüler, die Zuschauer und Liecke. Der ist wohlgemerkt nur Bürgermeisterkandidat. Aber das soll sich, zumindest wenn es nach ihm selbst geht, bald ändern. Die nächste Wahl steht kurz bevor. Sie findet am 18. September statt. Auf seiner Webseite präsentiert sich derzeitige Bezirksstadtrat schon extrem optimistisch mit dem Schriftzug „Ihr Bezirksbürgermeister 2016“. Etwas unauffälliger, dafür aber realitätsnäher ist darunter zu lesen „Kandidat für Neukölln“. 

Auf der Straße hat der CDU-Mann an diesem heißen Samstag allerdings noch Probleme sich Gehör zu verschaffen. Andy übernimmt und brüllt: „Ruhe jetzt!“ Die Zuschauer parieren. Liecke, Bezirksstadtrat für Jugend und Gesundheit, und Karate-Andy sammeln mit Döner und Pommes Geld dafür, dass Kinder, deren Eltern sich den Beitrag nicht leisten können, in Andys Schule trainieren können,. Liecke erzählt, dass Andy sowieso schon einige Kinder kostenlos mittrainieren lässt, aber das habe natürlich seine Grenzen. Andy prahlt damit nicht. „Fresst so viel ihr könnt!“, ruft er stattdessen den Anwesenden zu. Das Publikum verzehrt Döner und Pommes-Schranke in rauen Mengen, während Karate-Andy seine Schüler anbrüllt: „Spannung! Liegestütze! Eins, zwei, drei, vier, fünf!“ Und sie brüllen leidenschaftlich zurück: „Karate!“

Was macht eigentlich der Bürgermeisterkandidat hinterm Dönerspieß hier?

Diese Kinder haben ernsthaft Spaß. Da muss etwas raus. Andy geht mit einem roten Schlagpolster rum. Die Kinder schlagen beseelt zu. Sie haben keine Angst vor diesem Mann, sie strahlen ihn an, sie himmeln ihn an. Und Andy strahlt zurück. In regelmäßigen Abständen streicht er über Köpfe. Andy scheint eine Art Übervater-Figur zu sein. Wenn er mit jemandem streng ist, dann mit dem Publikum. Es soll mehr klatschen. Aber was macht eigentlich der Bürgermeisterkandidat hinterm Dönerspieß hier?

Falko Liecke ist der CDU-Bürgermeisterkandidat für Neukölln. (BIld: Elisa Heidenreich)

Falko Liecke sonnt sich im Glanze der Karate-Kids. (Bild: Elisa Heidenreich)

Auf die Frage, ob das hier eine politische Veranstaltung sei, antwortet Karate-Andy mit einem klaren „Nein“. Liecke sei auf ihn zugekommen, weil er ein soziales Projekt mit ihm machen wollte. „Der redet nicht nur, der macht. Und so bin ich auch. Wenn wir alle nur ein bisschen was tun, dann passiert ganz viel.“ Er lacht und verteilt einen väterlichen Klopfer auf die Schulter. Auch ein kurzes Gespräch mit dem Bürgermeisterkandidaten ergibt sich im Anschluss beim Pommes-Kauf. „Wie ist es, bei 25 Grad Döner zu schneiden?“ Liecke sagt: „Extrem anstrengend. Gefühlt sind es 40 Grad. Die Profis müssen übernehmen, weil ich zu langsam bin.“ Das ist wahr. Die Schlange wächst. Auch der Bürgermeisterkandidat betont, dass das keine Wahlkampfveranstaltung sei. Der Besitzer von Ali´s Gemüse Kebap sei auf ihn zugekommen, weil er zusammen mit ihm etwas für Kinder tun wollte. Und er mache das einfach von Herzen gern.

Kiloweise Dönerfleisch für nur einen Euro pro Portion

Was dafür spricht, ist, dass niemand das CDU-Material auf dem Tisch beachtet. Seine Parteikollegen sind anscheinend auch außer Dienst. Sie stehen abseits und holen sich Bier vom Späti. Die Schlange ist ihnen zu lang. Die Frage ist nur, ob Falko Liecke hier umsonst schwitzt, denn wie viel Geld kann zusammenkommen, wenn kiloweise Dönerfleisch für einen Euro pro Portion über den Tresen gereicht wird? Auf seiner „Facebook“-Seite postete der Bürgermeisterkandidat nach dem Event folgenden Kommentar: „Macht Döner schöner?! Vielleicht. Aber bestimmt auch ein bisschen glücklicher, denn wir haben heute für den guten Zweck 400€ gesammelt…“

Glücklich dürften am Ende nicht nur die Kinder sein, die von einem Training bei Karate-Andy profiteren, sondern auch Liecke selbst. Wegen des guten Zwecks und der guten PR.

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Ein Kommentar:

  • Bla sagt:

    Cooler Bericht. An manchen Stellen blitzt die Verachtung für die Konservativen noch etwas hervor, aber insgesamt nett und ausgewogen. Gefällt mir!

    Döner für einen Euro… wäre ich mal auch da gewesen.

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