von am 3. Mai 2017

In Neukölln findet man das Glück auf einem Balkon. Und die „Seele“ des Bezirks gleich dazu. Mandy jedenfalls gelingt das in der neuesten Rollberger Geschichte. Oder?

Text: Filippo Smerilli, Zeichnungen: Frauke Boggasch

Endlich gab es diesen einen ersten angenehm warmen Frühlingstag. Mandy hatte mich eingeladen. Wir saßen auf ihrem Balkon, zwischen uns auf dem Tisch zwei gut gekühlte Flaschen Sterni. Sie blies über ihre frisch lackierten Fingernägel – der rosafarbene Nagellack passte tatsächlich zum Rot ihres Freizeitanzugs -, ließ sich im Liegestuhl langsam nach hinten sinken und schloss die Augen. Im Park vor uns stritt sich lautstark und lallend ein Paar, das wir von unserem Platz aus nicht sehen konnten. „Du hast schon wieder von meinem Geld Bier gekauft!“ „Du hast doch schon seit einer Woche kein Geld mehr!“ Ein Krankenwagen fuhr mit Blaulicht direkt am Haus vorbei, ihm folgten ein Polizeiauto, ein Feuerwehrwagen und noch ein Polizeiauto -Mand alle mit ohrenbetäubend lauter, sich überschlagend schriller Sirene. Als das Heulen leiser wurde, hörten wir aus dem Park nichts mehr, dafür vom Balkon unter uns das leise Blubbern einer Wasserpfeife und dann ein lang anhaltendes keuchendes Husten. Es roch stark nach hochgezüchtetem Gras aus Treibhauskellern und Mandys Nasenflügel zitterten leicht. Auf dem Gehsteig begrüßten sich drei Jungs mit klatschendem Handschlag: „Habibi, was hast du g’macht?“ „Isch komm Hermannplatz, wallah.“ „Bruda, was geht?“ Unter uns klingelten mindestens drei Handys gleichzeitig los; die jugendlichen Söhne der türkischen Nachbarn und ihre Freunde konnten für mehrere Minuten nicht aufhören zu lachen. Die italienische Mutter aus der Nachbarwohnung schimpfte währenddessen kreischend mit ihrem kleinen, laut weinenden Sohn. „Besoffenes Schwein!“ „Dumme Schlampe!“ fing das Paar aus dem Park wieder an; unter uns Blubbern und Husten; auf dem Gehsteig „Salam‘ alaikum.“ und „Alaikum salam.“; vom Balkon der Airbnbler über uns das Ploppen mehrerer Kronkorken und „Berlin is so cool, you know, so cool!“; jetzt brüllte die kleine Tochter der italienischen Nachbarin laut los; in der Ferne neue näherkommende Sirenen; auf dem Spielplatz fauchendes Bellen von zwei sich dort balgenden Füchsen, und Jan Klode, der bisher still unter Mandys Liegestuhl gelegen hatte, richtete sich mit einem Ruck auf und knurrte. Die Straßenbeleuchtung ging an, und in diesem Moment fiel mir auf, dass Mandys Gesicht im Dunkel des unbeleuchteten Balkons hell schimmerte: seine klaren Züge entspannt und ruhig, die mit Kajal umrandeten Lider weiter geschlossen, um ihre fein geschwungenen Mundwinkel die Andeutung eines Lächelns – Mandy war offensichtlich glücklich.

 

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