von am 1. Juni 2013

Ramon Schack erregte zuletzt großes Aufsehen mit der Geschichte über eine polnische Putzfrau, die von einem Neuköllner Ehepaar gefeuert wurde, weil sie keine veganen Putzmittel benutzt hatte. Wir sprachen mit dem Journalisten über den Wahrheitsgehalt der Geschichte, seine Meinung zu Buschkowsky und die Faszination des Bezirks.

Der Journalist Ramon Schack wird im Juni sein neues Buch „Neukölln ist nirgendwo“ veröffentlichen. Der potentielle Gegenentwurf zu Heinz Buschkowskys „Neukölln ist überall“ vereint Anekdoten, die er bei seinen Streifzügen durch Neukölln erlebt hat. Vorab veröffentlichte er eine Geschichte auf seiner Facebookseite über die Putzfrau Anka, die von sogenannten „Öko-Rassisten“ ein Kündigungsschreiben auf dem Küchentisch vorfand. Die Nachricht verbreitete sich rasend schnell und brachte dem Buchprojekt Schacks große mediale Aufmerksamkeit. Über „Anka“ wurde unter anderem im Stern, im Berliner Kurier, sogar in der Neuen Zürcher Zeitung berichtet.

neukoellner.net: Es gibt Gerüchte, dass die Geschichte von Anka einfach gute Pressearbeit war, allerdings nicht der Realität entspricht. Was ist da dran?

Ramon Schack: Nichts. Ich habe den“Kündigungsbrief an Anka“, zunächst ohne jeden Hinweis auf mein Buch auf meinem Facebook-Profil veröffentlicht. Ich ging schon davon aus, dass das Diskussionsstoff ist. Allerdings war mir nicht bewusst, welchen medialen Tsunami ich damit auslösen würde. Um eine PR-Aktion für mein Buch handelte es sich dabei ursprünglich also nicht. Allerdings wurde dann eine daraus. Es wurde auch behauptet, ich hätte die Geschichte gezielt an Zeitungen verschickt, aber das entspricht nicht den Tatsachen. Die Betreiber von Ruhrbarone und Publikative.org baten mich darum, den Brief auf ihren Seiten veröffentlichen zu dürfen wogegen ich nichts einzuwenden hatte. Danach stand dann mein Telefon nicht mehr still.

Gibt es denn eine Möglichkeit Anka kennenzulernen?

Sicherlich, wenn man sich auf dem Schwarzmarkt für polnische Putzfrauen umhört, hier in Neukölln, dann kann man „Anka“ sicherlich kennenlernen, mit etwas Glück und Geduld. Allerdings werde ich Ihre wahre Identität nicht preisgeben, weil ich ihr dieses versprochen hatte. Ansonsten hätte sie mich ja auch nicht mitgenommen.

Haben Sie mit den sogenannten Öko-Terroristen, also Ankas Arbeitgebern, nach der Veröffentlichung gesprochen?

Der Begriff „Öko-Terrorist“ stammt nicht von mir. Nein, das Ehepaar hat sich bei mir nicht gemeldet, wahrscheinlich war es ihnen zu peinlich (lacht). Und ich werde natürlich auch nicht sagen, wo das war, denn ich habe ja undercover recherchiert und hätte natürlich nicht in der Wohnung sein dürfen. Und auch Anka möchte ich schützen. Ich habe das nicht als PR-Kampagne gestartet und möchte ja auch, dass mir die Menschen, die in dem Buch erwähnt werden, weiterhin vertrauen. Alles weitere lässt sich dann nachlesen, schon sehr bald.

Angst vor den negativen Kommentaren, wenn das Buch veröffentlicht wird? Im Internet herrscht ja eine rege „Kultur des Beschimpfens“.

Nein, ich bin nicht ängstlich veranlagt, ich rühme mich dessen nicht. Ich arbeite seit zehn Jahren als freier Journalist. Da habe ich schon ganz andere Dinge erlebt. Drohungen, Verleumdungen etc. Mir wurde auch schon eine Erziehungstour bei Nacht und Nebel angedroht, in einem Wald, und ähnliches. Die Leute, die sich aufregen, fühlen sich angegriffen. Und wenn sich Leute aufregen, muss man irgendwas richtig gemacht haben. Wichtig ist mir auch, dass das Buch nicht von Anka handelt. Es ist lediglich eine kleine Geschichte unter vielen.

Seit wann leben Sie in Neukölln und was fasziniert Sie an diesem Bezirk?

Seit zweieinhalb Jahren, vor zehn Jahren bin ich nach Berlin gezogen. Meine erste Adresse war auch hier in Neukölln. Damals war der Bezirk noch ein ganz anderer und Berlin noch einen ganz andere Stadt. Man wird mir sicherlich vorhalten, dass ich noch nicht so lange hier lebe. Aber ich behaupte mal, ich habe hier mehr gesehen, als so mancher, der jeden Tag im Café sitzt.

Ich halte Neukölln zur Zeit für den aufregendsten Bezirk Deutschlands, denn Neukölln ist auf einer Reise – daher auch der Titel „Neukölln ist nirgendwo“ – mit unbekanntem Ziel aber beschleunigter Geschwindigkeit. Keiner von uns weiß, wohin die Reise geht. Ob es in zwei Jahren der neue Prenzlauer Berg wird, oder ob es weiter ein Spannungsfeld bleibt, oder ob es aufgrund der wirtschaftlichen Lage nach hinten kippt, man weiß es nicht. Dass man Neukölln gerade nicht klar definieren kann, macht das Thema um so spannender.

Ist denn Ihr Buch ein klarer Gegenentwurf zu Buschkowskys Werk?

Nein, eher eine kritische Ergänzung, eine Momentaufnahme. Ich betrachte Journalismus, und das übertrage ich auch auf meine schriftstellerische Arbeit, so, dass ich beschreiben möchte, wie etwas ist, nicht wie ich es mir erträume. „Neukölln ist nirgendwo“ ist kein wissenschaftliches Buch, nichts liegt mir ferner, als den erhobenen Zeigefinger rauszukehren. Auf meinen Touren durch Neukölln, bei den Gesprächen und Begegnungen mit den Bewohnern, wurde mir schnell bewußt, dass es ein Neukölln nicht gibt. Die Vielfalt, die verschiedenen Lebenswelten, die Widersprüchlichkeiten, die hier auf kleinstem Raum aufeinander treffen, das ist wirklich spannend und dafür ist es unglaublich friedlich. Es gibt hier Toleranz. Das heißt nicht, wir haben uns alle lieb, sondern leben und leben lassen.

Was genau stört Sie an „Neukölln ist überall“?

Die gestrigen Klischees, die in dem Werk breitgetreten werden, flankiert von Buschkowskys Alleinvertretungsanspruch. Heinz Buschkowsky hat sicherlich seine Verdienste. Er ist ein Sozialdemokrat vom alten Schlag, wie es Kurt Schumacher einst war. Ein Politiker, der noch die Menschen anspricht, die sich heute von Politik im Allgemeinen, von sozialdemokratischer Politik im Speziellen, nur noch sehr peripher angesprochen fühlen. Allerdings beschreibt er für mich das Neukölln der letzten 30 Jahre. Ich habe das Gefühl, in der Abgeschiedenheit seines Amtssitzes, hat er nicht ganz mitbekommen, was gerade alles so passiert. Bei seinem Buch handelt es sich doch eher um eine Abrechnung mit seiner Partei, wobei er jedoch unter anderem die Migranten als Sündenböcke nutzte.

Was möchten Sie mit Ihrem Buch erreichen?

Wenn überhaupt, dann möchte ich mit meinem Buch erreichen, dass die Vielschichtigkeit Neuköllns einmal gewürdigt wird, ohne ein Alleinstellungsmerkmal herauszukehren, wie es Buschkoksy in seinem Buch tat. Wie wir aktuell beobachten können, ist Neukölln heute ein Anziehungspunkt für junge Menschen aus aller Welt, die es zu schätzen wissen, dass hier so viele Menschen zusammen kommen, dass hier ein konstanter Austausch stattfindet, der es ermöglicht, bei allen vorhandenen Problemen, gesellschaftliche Fragen auf engstem Raum auszuhandeln.

Manche Menschen wünschen sich immer, dass man ihre Wirklichkeit wiedergibt. Aber das geht nicht, dann müssen sie selber ein Buch schreiben.

Herr Schack, wir danken für das Gespräch.

„Neukölln ist nirgendwo“ von Ramon Schack erscheint im Juni 2013 beim Verlag Zsolt Majsai, als Edition “BUCH+eBook” mit der ISBN 978-3-944343-74-7.

 

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