von am 7. Mai 2012

Das Archiv der Jugendkulturen hat ein Buch über die Jugend Neuköllns kompiliert. Herausgekommen ist ein Streifzug durch ein Viertel, das alle Klischees mit Alltäglichkeit und Normalität bekämpft. Und früher war sowieso alles krasser.

In Neukölln, so scheint es, muss man hauptsächlich eines tun: Herumgehen. Durch die Straßen wandeln, die Vielfalt in sich aufsaugen.  Zumindest ist dies der Eindruck, der im Buch „Jugend in Neukölln“ vom Archiv der Jugendkulturen entsteht. Nicht nur im Kapitel „Spaziergänge durch Neukölln“, auch in den Einzelportraits von hier wohnenden Jugendlichen, wird der Leser immer wieder eingeladen, die Straßen „ihres“ Viertels zu erkunden. Das gibt zum Anfang einen schönen Einblick in die Vielfalt und klingt an vielen Stellen arg schwärmerisch, wird aber aufgefangen durch den Hinweis, dass es hier ja auch Probleme gebe. Die eingesperrte Frau, der machohafte Araber, Ehrenmord, Parallelgesellschaften, Sozialmissbrauch und vieles vieles mehr.

Fragen jenseits der in den letzten Jahren omnipräsenten Kriminalität werden nur kurz angesprochen. Etwa die Gentrifizierung und die daraus folgende Verdrängung der Alteingesessenen. Hier lernt man, dass die überall aufpoppenden Galerien, Cafés und Bars, samt ihrer internationalen Künstler- und Studentenszene, für die Jugendlichen keine größere Rolle spielen. Sie nehmen es wahr, aber mehr als Parallelwelt denn als ein Teil ihres eigenen Lebens.

…fotografieren wollen wir uns selbst…

Neukölln in den Augen der Jugendlichen: Alltag im Problembezirk

In gestalterischer Hinsicht ist „Jugend in Neukölln“ vornehmlich geprägt von langen Strecken von Amateuraufnahmen, die das Leben in Neukölln aus der Sicht der Jugendlichen dokumentieren. Ein ebenso charmanter wie konsequenter Ansatz, der jedoch für Bewohner Neuköllns keine besonders neuen Perspektiven bieten dürfte. Konstrastiert werden diese durch die eindringlichen Portraits der Jugendlichen von Ester Vonplon. Diese setzen sich in ihrer Nähe und ihrem  Detailreichtum von den sonst grobkörnigen und verschwommenen Arbeiten der bemerkenswerten Schweizer Fotografin ab.

Die Geschichten, die die 13 portraitierten Jugendlichen erzählen, sind abwechslungsreich. Es wird erzählt von der inneren Wut, die im Kampfsport ausgelebt wird, von lange vergangenen Geburtstagsfeiern, vom exzessiven Computerspielen und davon, wie man mal in der Schule Scheiße gebaut hat. Das gibt einen Einblick in die Lebens- und Gefühlswelt der Portraitierten. Gleichzeitig hapert es an der immer gleichen Hürde, gesprochenes Erzählen, gerade von Jugendlichen, in Textform zu bringen. Zu häufig klingt das gekünstelt. Zudem wäre es, bei den ganzen Bezügen zur Kriminalität, in jedem Fall interessant gewesen, auch die Stimmen derjenigen zu hören, die daran beteiligt sind.

…früher war alles krasser…

Besonders stechen deshalb die Erzählungen von zwei Ur-Neuköllnern heraus – Horst Bosetzky und Klaus Feldmann –, die in den Nachkriegsjahren ihre Kindheit erleben. Sie erzählen aus einer Zeit voller Aufregung, von Gangs, von Schlägereien. Von der Notwendigkeit, seinen Mann zu stehen. Und irgendwie klingt alles so idyllisch, als handele es sich um vergnügliche Episoden aus einem Roman Erich Kästners. Befürchtet die Gesellschaft zu viel, was die Gewalt unter Jugendlichen angeht? Sie scheint ein beständiger Teil dieses Viertels gewesen zu sein. „In jedem Bezirk gibt es starke Kerle, aber in Neukölln ein bisschen mehr als anderswo“, liest man im Kapitel über Klaus Feldmann.

Ab und an finden sich auch Gedichte der Jugendlichen. Diese sind, wenig überraschend, geprägt von einer Mischung aus Alltagsleben und existenzieller Sinnsuche, wie sie auch die Jugend außerhalb Neuköllns problemlos formulieren könnte.

„Ich kann nicht ausbrechen.
Nein, das stimmt nicht.
Ich kann ausbrechen.
Ich wünsche es mir.
Keine Grenzen.
Keine Erwartungen“,

heißt es etwa im Gedicht „Ein Tag“ von Ranya Allouch, während sich Batikan Gönül sich mit seinen Wünschen fürs Leben auseinandersetzt. Er wünscht sich zunächst erstmal Geld. Und wenn er noch einen Wunsch hätte?

„Hmmm…mal überlegen.
Ich hab’s. Eine sehr heiße Frau.
Oder doch nicht. Ich könnte mir mit dem Geld
eine kaufen.
Nein,mehrere…?
Was soll ich mir wünschen?
Mehr Geld?
Ja, das mache ich.“

An Stellen wie dieser zeichnet sich die Stärke dieses Buches ab. Gnadenlos ehrlich, unverkopft, schön. Ein bisschen, wie man sich Neukölln zu behalten wünscht.

Klaus Farin (Herausgeber): „Jugend in Neukölln“
Archiv der Jugendkulturen, Februar 2012
Hardcover, 204 Seiten, 20,00 € 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.