von am 8. September 2015

leserpost_07Wir leben in Zeiten von „Man wird ja noch mal sagen dürfen …“ oder „Ich bin ja kein Rassist, aber …“. In Reaktion auf einen „Das ist hier eben so!“-Gedanken in einem nknet-Artikel plädiert unser Leser Robert Birnbauer dafür, genauer darauf zu achten, was wir da eigentlich sagen.

Von Robert Birnbauer

Die Bedeutung von Sprache ist nicht immer so eindeutig, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Das zeigt sich derzeit häufig auch dann, wenn es darum geht wie wir mit Fremden umgehen. Jüngst begegnete mir in einem Artikel auf neukoellner.net einmal wieder – wenn auch nicht wörtlich – das altbekannte „Das ist hier eben so!“.

Das sagen wir gern, wenn es darum geht, dass sich jemand in einem Bereich, den wir als unseren wahrnehmen, nicht so verhält, oder nicht so aussieht, wie es dort üblich ist. Insgesamt ist das ziemlich salonfähig, weil der Satz so harmlos daherkommt und so selbstverständlich klingt. Klar ist das hier so, war ja auch schon immer so! Und dennoch: Wenn man darüber nachdenkt, stellt sich heraus, dass auch hier das gesprochene Wort wesentlich problematischer ist als es zunächst scheint.

Aber warum? Was soll so schlimm daran sein, wenn hier eben etwas so ist wie es ist? Anders gefragt: Wie stehen die „Das-ist-hier-eben-so-Menschen“ den „anderen“ gegenüber?

Zunächst gilt es festzuhalten, dass wir es hier mit zwei Gruppen zu tun haben. Mit uns und den Fremden, oder ganz allgemein: den „anderen“. Das sind alle diejenigen, die nicht die geordnete Vorstellung unseres „Wir“ passen: Alle die, die anders sind und nicht dazugehören – dürfen. Denn schließlich sind wir es – der innere Zirkel –, der diese soziale Grenze zieht und dem etwas diffusen „anderen“ konfrontativ gegenübersteht.

Kultur ist veränderlich – auch durch den „anderen“

Wer nun also findet, dass „das hier eben so ist“, der stellt Kontinuität zwischen dem „Hier“ und der Kultur dieses Ortes her. Dabei ist die Vorstellung von Kultur, die an Räume gebunden ist, in der anthropologischen Forschung lange überholt. Kultur ist erlernt und situativ. Klar abgrenzbar ist sie beim Blick auf die Alltagspraxis nur dann, wenn man sich kruder Vorurteile bedient, im Stile eines „In Deutschland ist man pünktlich“. Der ‚Spanier an sich‘, der hat’s zwar nicht so mit der Pünktlichkeit, aber hier, bei uns, da ist das eben so. Das war schon immer so, und das bleibt bitteschön auch so.“

Dieser gleichzeitige Versuch der Konservierung eingeübter Denk- und Verhaltensmuster übersieht ein zweites grundlegendes Merkmal von Kultur, nämlich ihre Veränderlichkeit. Kultureller Wandel passiert ständig, nicht zuletzt im Austausch mit „den anderen“.

Besonders intensiv ist dieser Austausch im urbanen Raum. Dies trifft umso mehr auf so dynamische Gebiete wie Neukölln und dessen Norden zu, wo es so viele verschiedene Formen von Unterschieden gibt. Das Problem erschöpft sich nämlich nicht darin, dass jemand „ethnisch anders“ ist. Beate Binder, Professorin für Europäische Ethnologie an der HU, weist darauf hin, dass soziale, geschlechtliche, generationelle oder sexuelle Differenz in solchen Zusammenhängen allzu oft ausgeblendet wird. Bei dieser Vielfalt handelt es sich also um ein besonders städtisches Phänomen. Denn, so lehrt uns der Soziologie und Philosoph Zygmunt Bauman, das Stadtleben findet vor allem unter Fremden statt.

Ständiger Wandel schürt irrationale Ängste

Die Konfrontation mit Diversität bringt jedoch ambivalente Erfahrungen mit sich. Den besonderen Reiz und die Förderung der Kreativität einerseits, andererseits aber auch Unvorhersehbarkeiten, die Ängste wecken. Durch ihre Diversität bedroht die Stadt individuelle Lebensentwürfe in besonderem Maße. Die Großstadt begünstigt also kulturellen Wandel und bedroht möglicherweise gar unsere Lebensphilosophie. Und wie reagieren wir? Im Wunsch, dass alles möglichst so bleiben solle wie es war, äußert sie sich: Die Angst, die irrationale. Die Aversion gegenüber Veränderung. Die Reaktion auf unsere eigene Angst vor Veränderung und auf die Bedrohung unseres individuellen Lebensentwurfes ist ein Verteidigungsreflex, wie er im „Das ist hier eben so!“ zum Ausdruck kommt. Denn „wenn‘s dir nicht passt, dann geh doch, oder komm gar nicht erst!“.

Zur Angst gesellt sich im Moment der Selbstverteidigung der Glaube an die Überlegenheit der eigenen Philosophie. Wir versuchen die homogenen Bilder in unseren Köpfen zu ihren Gunsten in Übereinstimmung mit der diversen Welt da draußen zu bekommen. Daher verlangen wir Anpassung von denjenigen, die dann doch hier sein wollen. Der omnipräsente Ex-BM Heinz Buschkowsky formulierte das einmal so, dass Integration eine Bringschuld sei. Der eine oder die andere mag sich erinnern.

Sich über den anderen stellen

Ungut daran ist unter anderem: So entsteht eine Hierarchisierung von Denk- und Handlungshorizonten in Qualität und Wert. Als wären unsere besser oder mehr wert als die der „anderen“, nur weil wir schon zweieinhalb Jahre länger im Schillerkiez wohnen. Dies entlarvt das ursprünglich so banale „Hier ist das eben so“ als ethnozentristische Aussage, und von dort aus ist es nur noch ein Katzensprung bis zum Rassismus.

Zumal Ausgrenzung in allen Fällen auf denselben Mechanismen basiert und dieselben Folgen hat. Ob Moslems, die nicht genug Deutschland sind, weil sie kein Schweinesteak grillen, Schwaben, die nicht genug Berlin sind, weil sie keine Schrippen bestellen oder Yuppies, die nicht genug Neukölln sind, weil sie keine Vollbärte tragen. Willkommenskultur sieht anders aus.

Dennoch gibt es gute Gründe für Optimismus. Schon Georg Simmel wusste, dass es Großstädtern möglich ist Vielfalt zu organisieren. Vor allem aber wusste er, dass das beste Schutzorgan gegen die vermeintliche Bedrohung durch die „anderen“ nicht des Gemüt, sondern der Verstand ist.

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5 Kommentare:

  • Bla sagt:

    Liebe Menschen von neukoellner.net, ich mag Euch ja. Wisst Ihr was super wäre? Wenn Ihr diesen Artikel

    http://www.neukoellner.net/macht-marchen/ahoj-gentrifizierung/

    mal mit dem vorliegenden Artikel in Verbindung bringt und dann auch mal aufschreibt, welche Art von ethnozentristischer Aussage bzw. Rassismus da auftaucht. Andere Menschen auszugrenzen wird nämlich nicht dadurch okay, weil sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen.

  • Louis sagt:

    …. und wieder kommen die Verteidiger der Wohlhabenden mit dem beliebten Strohmann-Argument, dass ein gewisser, ich nenn’s ruhig mal: Klassengroll in Gentrifizierungsgebieten ja quasi strukturell rassistisch, zumindest aber derbe konservativ und rückwärtsgewandt sei.
    Die Ablehnung von Muslimen aus Deutschtümelei mit der Ablehnung von „Yuppies“, sprich Gewinnern des Kapitalismus, die am liebsten jeden kleinsten Aspekt des Lebens noch dem Diktat des Marktes unterwerfen würden, gleichzusetzen, ist bestenfalls naiv, schlimmstenfalls – und in den meisten Fällen – reine Demagogie.

    Wer hier von wem ausgeschlossen wird, zeigt sich sehr deutlich an der Entwicklung des Mietspiegels innerhalb des S-Bahn Rings. Und dass jemand, der/ die hier aufgewachsen oder hergezogen ist, weil er/ sie eben nicht so viel Geld hat und jetzt wo der Fluglärm weg ist und eine teure Schicki-Kneipe nach der anderen aufmacht (und oft genug dadurch bestehendes Kleingewerbe verdrängt, siehe etwa die Rolle der Schillerbar im Schillerkiez) aus dem gleichen Grund an den Stadtrand ziehen muss, darüber alles andere als erfreut ist, dürfte wohl nachvollziehbar sein.

    Und eine völlig durchkommerzialisierte, auf die Bedürfnisse der Tourismusindustrie, der oberen Mittelschicht und der Oberschicht zugeschnittene Stadt ist alles andere als vielfältig, sondern Teil einer kapitalistischen Monotonie, in der jede Stadt und jedes Viertel am Ende gleich aussehen.
    Vielleicht ist Ihnen bei Gelegenheit aufgefallen, dass sich die von Ihnen angeblich geschätzte Vielfalt in der Regel in ehemaligen Arbeitervierteln mit hohem Migrationsanteil findet, und eher nicht im gutsituiertem Dahlem oder der durchgentrifizierten Rosenthaler Vorstadt.

    P.S.: Und bitte, Herr Birnbaum, zitieren Sie nicht Zygmunt Bauman. Damit tun Sie diesem, bis heute ein Sozialist, unorthodoxer marxistischer Denker und Kritiker der kapitalistischen Moderne, doch gewaltig Unrecht. Vielleicht ist es ja ein Denkanstoß für Sie, dass Leute wie „Bla“, laut dem oder der GentrifizierungsgegenerInnen arbeitsscheues Gesindel sind (s.o.), Ihnen zustimmen…..

  • Bla sagt:

    Lieber Louis, Sie haben mich offenkundig falsch verstanden. Absicht? Ich schrieb an keiner Stelle, dass „GentrifizierungsgegnerInnen“ (fehlt da nicht ein Sternchen oder so?) „arbeitsscheues Gesindel“ sind.

    Was ich geschrieben habe – darauf beziehen Sie sich vermutlich – ist, dass es keine soziale Mischung ist, wenn sich der halbe Kiez im Jobcenter trifft. Und das ist so. Was ich außerdem geschrieben habe ist, dass man andere Menschen nicht ausgrenzen soll, weil sie eben nicht auf Transferleistungen angewiesen sind. Ist irgendetwas davon in Ihrem Weltbild falsch? Sehr bemerkenswert.

    Btw: Ihr aggressiver, belehrender Unterton trägt nicht dazu bei, dass Ihre Argumente verständlicher werden. Toll wäre gewesen, wenn Sie sich auch gegen Ausgrenzung und Drangsalierung von Menschen ausgesprochen hätten. Schade drum.

  • Robert Birnbauer sagt:

    Louis, zurecht kritisieren Sie Gentrifizierungsprozesse und weisen darauf hin, dass auch diese Ausschlüsse produzieren. Allerdings handelt es sich dabei um eine andere Form als ich sie im Artikel beschreibe. Hier geht es mir vor allem um soziale Mechanismen und um die Funktion von Sprache und nicht darum, dem „Markt“ in einer prokapitalistischen Streitschrift zur Hilfe zu eilen.

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