von am 14. August 2012

Eine Ausstellung in der Galerie im Saalbau untersucht das Böhmische Dorf und blickt damit auch in die Geschichte von Migranten in Neukölln.

Von Regina Lechner und Cara Wuchold

Der Rundgang durch die Ausstellung „Keine Urbanität ohne Dörflichkeit“ beginnt im Jetzt: In den Fotos der Bewohner des Böhmischen Dorfes wird die Vielfalt spürbar, die den Kiez rund um den Richardplatz heute prägt. Auf den Fotos inszenieren sich bunte Paradiesvögel und unscheinbare, aber wichtige Kiezköpfe gleichermaßen. Auf den beigefügten Zitaten kommen die Porträtierten zu Wort und geben ein kurzes Statement dazu ab, was sie im Böhmischen Dorf machen und was diesen Ort für sie besonders macht.

Ruhe und Frieden

Künstler, Migranten, Gemüseverkäufer, Eckkneipenbesitzer, Pfarrer – alle leben hier offenbar friedlich und zufrieden zusammen. Die abgelichteten Orte wie der Comenius Garten und der Böhmische Gottesacker strahlen zusätzlich eine Ruhe aus, von der man beispielsweise in der Karl-Marx-Straße, wo sich die Galerie im Saalbau befindet, nur träumen kann. Fast wie auf dem Dorf eben – und tatsächlich kann man in den gepflasterten Straßen mit den niedrigen alten Häuschen manchmal vergessen, dass man sich mitten in Berlin befindet. Was ist noch Dorf, wo fängt die Stadt an? Um diese Fragen zu beantworten, wurden markante Zitate von Sozialwissenschaftlern von Richard Sennett bis Max Weber ausgewählt, die die subjektiven Momentaufnahmen wissenschaftlich unterfüttern sollen.

Ausstellungsansicht von "Keine Urbanität ohne Dörflichkeit"

Im nächsten Raum analysieren die Ausstellungsmacher – angeführt durch Prof. Dr. Cordelia Polinna, die das Fachgebiet Architektursoziologie an der TU leitet – das dörfliche Gefüge in einem sehr anschaulichen Modell. In der Mitte des Raumes befindet sich eine Karte, von der viele Fäden ausgehen, an dessen Enden Informationen zu den jeweiligen Orten angebracht sind. Eine Runde um die Karte gleicht einer Zeitreise – angefangen beim veganen Café bis zu den ersten Bauernhöfen, die auf den Märkischen Sand gebaut wurden. Hier erfährt der Besucher mehr über die Böhmischen Flüchtlinge, die den protestantischen Glauben in ihrer Heimat Tschechien nicht mehr ausüben konnten.

Das doppelte Rixdorf

Kaiser Friedrich Wilhelm I. bot ihnen schließlich an, vor den Toren Berlins eine Gemeinde zu gründen. Neben Deutsch-Rixdorf gab es dann ab 1737 auch Böhmisch-Rixdorf, wo bis Anfang des 20. Jahrhunderts teilweise noch tschechisch gesprochen worden sein soll. Über das Zusammenleben der ersten Migranten in Neukölln mit der Urbevölkerung wissen wir heute wenig, einen schweren Start hatten sie aber in jedem Fall. Die Böden, die man ihnen als Äcker zur Verfügung stellte, waren so schlecht, dass viele Siedler von der Landwirtschaft allein nicht leben konnten und in den Berliner Fabriken anheuerten.

Der letzte Raum der Ausstellung wird von einem Zeitstrahl ausgefüllt, der die Geschichte des Böhmischen Dorfes noch einmal ganz klassisch chronologisch erzählt. Viele Informationen doppeln sich, und es gibt durchwegs viel zu lesen. Dafür kommen oftmals Konflikte zu kurz, wobei sich anzweifeln lässt, dass das Zusammenleben hier immer so reibungslos funktioniert, wie es uns weisgemacht wird.

Ein Dorf ohne Gemeinschaft

In Zitaten von Protagonisten wie dem 28-Jährigen Dervis Hizarei klingt an, dass das Böhmische Dorf heute kein Ideal darstellt, denn „ irgendwie schaffen es auch Menschen, die in kleinen Mikro-Gruppierungen leben, wenig in Berührung miteinander zu kommen und unter sich zu leben.“ Der dörfliche Charakter hat sich bewahrt, aber eine Gemeinschaft scheint hier nicht zu existieren. Die Sozialanthropologin Sharon Macdonald hat jedoch eine allgemeinere Erklärung dafür parat, wenn sie festhält, dass sich Menschen in Dörfern „nicht besser als anderswo (verstehen), sie laufen sich allerdings häufiger über den Weg.“ Arnold Mengelkoch hält das als Migrationsbeauftragter Neuköllns in einem Interview in der Ausstellung für „gewöhnlich“, der Mensch strebe nunmal „zum Homogen.“ Optisch wie kuratorisch ist die Ausstellung gut gemacht, doch hinterlässt sie insgesamt leider den Beigeschmack einer Werbeveranstaltung zum 275. Geburtstag des Böhmischen Dorfes. Kritische Aspekte zu vertiefen, hätte ihr gut getan. Dann hätte es vielleicht sogar Hinweise auf Antworten auf die Schlüsselfrage von Comenius gegeben: „Nun, wie kann es gelingen, ein neues Paradies zu pflanzen?“

Galerie im Saalbau
Karl-Marx-Straße 141
bis 22.9., Di-So 10-20 Uhr
Webseite

 

2 Kommentare:

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