von am 21. März 2016
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Foto: Lea Albring

Hier isst man noch selbst gemachten Apfelkuchen und wohnt in zweistöckigen Bauernhäuschen. Das Böhmische Dorf zwischen Karl-Marx-Straße und Donaustraße ist ein Kleinod-Kuriosum – wie auch sein Museum im alten Schulhaus.

Ein lang gezogenes „Maaamaaaa!“ hallte durch den Neuköllner Richardkiez, bevor Brigitta Polinnas Kinder um die Ecke geflitzt kamen und ihr aufgeregt erzählten, dass drüben an der Kirche die ganzen alten Hauben weggeschmissen würden. Polinna überlegte nicht lange, eilte zum Kirchensaal und kam mit einem vollem Wäschekorb zurück. „Seitdem habe ich angefangen zu sammeln, was andere in der Nachbarschaft ausrangierten“, sagt die Ur-Neuköllnerin. Über 40 Jahre sei das nun her.

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Foto: Lea Albring

Heute sind einige dieser alten Gebetshauben in einer Museumsvitrine zu sehen, auf Ständer drapiert oder auf die Köpfchen alter Puppen gesetzt. Hier sind Gegenstände versammelt, deren Geschichten auf eine Vergangenheit verweisen, in der selbst die berühmte Musike von Rixdorf noch Zukunftsmusik war. 1737 siedelten sich böhmische Glaubensflüchtlinge in Rixdorf an, das Vor-Berliner Örtchen teilte sich fortan in Böhmisch-Rixdorf und Deutsch-Rixdorf. 1874 dann wurden beide Ortsteile wieder zusammengelegt, 1912 folgte – um den mittlerweile frivolen Musike-Ruf Rixdorfs zu tilgen – die Umbenennung in Neukölln. Die Eingemeindung nach Groß-Berlin kam schließlich 1920.

Im Jahr 2016 kann man über zwei Unwahrscheinlichkeiten staunen. Zum einen, dass das Gebäude-Ensemble des Böhmischen Dorfes tatsächlich noch erhalten ist und zum zweiten, dass rund 60 bis 70 Nachfahren der damaligen Siedler noch immer hier leben. Hier gibt es tatsächlich so etwas wie ein ländliches Dorfleben, mitten in Neukölln. Keine 500 Meter vom U-Bahnhof Karl-Marx-Straße entfernt, wo sich Bling-Bling-Läden an Ein-Euro-Discounter mit ihren Ramschauslagen reihen.

Eine von denen, die schon immer hier ist, ist Brigitta Polinna. Gemeinsam mit vier anderen Frauen konnte sie im Jahr 2005 endlich ihr Herzensprojekt, das kleine Böhmische Museum in der Kirchgasse 5, eröffnen und ihren Fundus, der längst nicht mehr nur aus Gebetshauben besteht, hier einquartieren.

Importschlager Religion

Wie alle Gebäude hier steht auch das alte Schulhaus von 1754, welches das Museum beherbergt, mittlerweile unter Denkmalschutz. In zwei Räumen, auf circa 40 vollen, aber nicht vollgestopften Quadratmetern, erzählen Miniatur-Webstühle, Nudelhölzer und Schwarzweißaufnahmen in Ausschnitten die Geschichte des Ortes. Roter Faden ist hier weniger die Chronologie, als die Religionsgeschichte der damaligen und heutigen Bewohner: Sie gehören zu den Herrnhutern, einer evangelisch-freikirchlichen Version des Christentums, das die Böhmen mit nach Rixdorf brachten. „Es ist eine pazifistische, auf Gleichheit fußende Glaubensrichtung mit missionarischer Ausrichtung“, erklärt Archivar Stefan Butt, der adrett gekleidet und allwissend auf sehr behagliche Weise durch das kleine Museum führt. Er arbeitet hauptamtlich, sonst betreibt ein Verein das Museum ehrenamtlich. Das geht auch deshalb, weil die Räumlichkeiten im historischen Schulgebäude von der Berliner Gemeinde der Herrnhuter – die evangelische Brüdergemeine (ja, absichtlich ohne ‚d‘) – zur Verfügung gestellt werden.

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Foto: Lea Albring

Während kontinuierlich Besucher hereintröpfeln, serviert Brigitta Polinna selbst gemachten Apfelkuchen und schwarzen Kaffee vor dem Museum. Ihre Cousine, die um die Ecke wohnt, ist auf ein Schwätzchen vorbei gekommen. Dazu gibt es Geschichten aus der Vergangenheit, etwa vom großen Feuer 1849. Ein Storchennest und eine Schrotflinte hätten eine fatale Rolle dabei gespielt.

Nach etwa einer halben Stunde sind alle Vitrinen angeschaut und alle Infoschilder weggelesen, die Besucher kommen wieder heraus und lassen sich von Brigitta Polinna noch eine Anekdote von Früher mit auf den Heimweg geben. Während einer halben Stunde Besuch taucht man in eine halbe Ewigkeit Böhmisches Dorf ein. Für drei Euro Eintritt ein guter Deal.

Museum im Böhmischen Dorf. Öffnungszeiten: Jeden Donnerstag zwischen 14 und 17 Uhr, jeden ersten und dritten Samstag zwischen 12 und 14 Uhr und auf Anfrage. Eintritt 3 Euro, mit Dorfführung 10 Euro.

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