von am 1. Juli 2015

GeschichtenueberOMA_TF02Oma ist die Beste, da sind wir uns sicherlich einig. Großmütter sind herzlich und eigensinnig, besitzen ganz spezielle Hobbys und haben in ihrem Leben naturgemäß eine Menge erlebt. Irina Marjell schreibt für uns regelmäßig Geschichten über ihre Oma aus Neukölln auf.

Collage: Katrin Friedmann

Ein nützliches Utensil

Sonntagnachmittag, kurz nach drei, Kaffeetrinken bei meiner Oma.
Der Tisch wird gedeckt. Zunächst wird die helle Tischdecke auf dem Wohnzimmertisch ausgebreitet. Danach die bunten, goldrandverzierten Teller, winzigen Kaffeetassen und Untertassen platziert. Der Kuchen wird aufgetischt. Meine Oma hat ihn selbst gebacken. Er weist eine starke Bräunung auf. Das kommt vom Strom, meint meine Oma, der würde in ihrer Wohnung einfach zu stark fließen und dies würde sich negativ auf ihren Ofen auswirken. Aus der großen Kaffeekanne, sie mag schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel haben, wird der Kaffee eingegossen. Man muss höllisch aufpassen, damit der Kaffee nicht zur anderen Seite wieder hinausschwappt, so klein und eigentümlich geformt sind diese Tassen. Jede hat ein anderes, aber sehr hübsches Muster und sie sehen aus, als dürfe man sie nur mit sehr spitzen Fingern anfassen. Meine Oma trinkt nie aus einer solchen Tasse. Sie selbst benutzt einen großen Kaffeepott in dem sie sich, seit ich denken kann, Tag für Tag ihren Getreidekaffee mit heißem Wasser und Milch zubereitet.
Wenn alle Tassen gefüllt sind, wird die Kaffeekanne auf dem Tisch abgestellt. Andere Leute – gewöhnliche Leute – hätten nun einen Fleck auf der Tischdecke hinterlassen, der von einem, den Kannenhals hinabgerollten Tropfen hergerührt hätte. Nicht so bei meiner Oma. Sie ist eine der wenigen Menschen, die für eine solche Situation gerüstet ist. Sie ist im Besitz des Tropfenfängers.
Der Tropfenfänger ist ein nützliches Utensil, bestehend aus einem kleinen Schwämmchen und einem Gummiband mit Haken. Der Haken wird am Griff, das Schwämmchen unterhalb des Kannenausgusses, der so genannten Tülle angebracht. Hinabrollende Tropfen werden somit ganz einfach aufgefangen und können keine Tischdecke mehr bekleckern. Nicht selten ist der Tropfenfänger mit einem kleinen Dekor versehen, das ihn besonders attraktiv macht. Sehr beliebt ist der Schmetterling aus Plastik.
Wenn es nach meiner Oma geht, dann hat der Tropfenfänger auch einen ökonomischen Nutzen, denn wo kein Fleck ist, da ist auch kein Waschen nötig. Das spart Ressourcen und nicht zuletzt Geld!
Obwohl der Tropfenfänger nur Vorteile mit sich bringt, in einem anderen Haushalt, als in dem meiner Oma, konnte ich ihn bislang noch nicht entdecken.
Die Weisheit kommt bekanntlich erst mit dem Alter.

Wohnen und Leben

Im Haus, in dem meine Oma wohnt, ist vor einigen Wochen eine alleinstehende alte Dame gestorben. Kurze Zeit später wurde die Wohnung kernsaniert. Die Neugier verlangte es, das Mietangebot nach Fertigstellung der Renovierungsarbeiten im Internet aufzuspüren. Was dort als Mietpreis zu lesen war, hat nicht nur meiner Oma die Sprache verschlagen. Zwar kommt die Wohnung auf stolze 120 Quadratmeter, aber der monatliche Preis von knapp 1.400€ scheint uns dennoch ungerechtfertigt. Denn auch wenn die Annonce etwas anderes behauptet, die Ecke, in der meine Oma wohnt, ist im Gegensatz zu vielen anderen Teilen Neuköllns noch recht wenig der Gentrifizierung zum Opfer gefallen, das heißt konkret: Hier ist Neukölln noch richtig dreckig, laut und zuweilen kriminell. Hier tummeln sich zwielichtige Gestalten, der Müll häuft sich auf den Straßen und ab und an wird der ein oder andere im Hausflur geparkte Kinderwagen von irgendeinem Vollidioten angezündet oder die Mittagsruhe durch eine kleine Schießerei direkt vor der Haustür gestört.
Wir alle sind sehr gespannt, wer dort einziehen wird.

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