von am 22. Oktober 2013
Frau mit Maßkrug

Alphornbläserin Monika

Am vergangenen Wochenende war Rudow in Oktoberfestlaune. Bei bayerischer Gemütlichkeit und viel Bier konnte man einen Einblick in die dörfliche Gemeinschaft des Ortsteils gewinnen. 

Monika Schönicke steht lächelnd und leicht angeschickert mit ihrem lila-weißfarbenen Dirndl vor der Band „Feuer und Eis“. Die Gäste feuern sie an. „Monika, gib‘ alles!“, brüllt der Moderator mit breitem bayerischem Dialekt. „Brust raus, Bauch rein, Beine auseinander und blaaasen“, ruft er. Monika macht einen Spitzmund, holt tief Luft und stößt in das Alphorn kräftig hinein. Heraus kommt ein trötender Laut wie bei einem Elefanten, der das weiße Partyzelt erfüllt. Monika läuft rot im Gesicht an und setzt ab. „Und noch einen – für die CDU“, brüllt der Moderator. Monika Schönicke pustet erneut. Das Partyzelt bebt vor Jubelrufe. Die Gäste sind außer sich. Im hüpfenden Gang kehrt sie in die Menge zurück. „Dit is gar nich so schwer. Nur alle machen immer ’ne Kunst draus“, berlinert sie und schwankt zu den Dixiklos, die am Ende des Hofes vor der Gaststätte „Zum Alten Krug“ stehen.

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Tanzen bis die Garnitur sich biegt

Inzwischen dröhnt die Musik wieder aus den Boxen und beschallt die halbe Hauptstraße Alt-Rudow. Das Repertoire der Band reicht von „Anton aus Tirol“ über „Cotten Eye Joe“ und „Tränen Lügen nicht“. Aber auch bayerische Schlagermusik lässt die knapp 120 Gäste ausflippen. Gegen viertel vor zehn abends stehen sie auf den Biertischen und Bänken und tanzen, dass sich die Garnituren biegen. Maßkrüge schwingen gen Zeltdecke, Dirndlröcke flattern durch die verrauchte Luft und große Männerhände klatschen zum Rhythmus der Musik. Die Frauen werfen ihre Arme in die Höhe. Textsicher sind sie alle, vor allem bei den einsilbigen Refrains wie „Lalala“. Der Musikantenstadl wirkt dagegen wie ein müder Abklatsch der volkstümlichen Feierkultur.

Immer eine Tracht im Schrank

Draußen scharren sich einige Männer in Lederhosen, Trachtenstrümpfen, rot-weißen Karohemden und Seppelhut. David Gansel ist einer von ihnen, der seine Maß lieber draußen an der frischen Luft trinkt. „Auf dem richtigen Oktoberfest in München war ich bisher noch nicht. „Aber nächstes Jahr, da soll’s was werden“, sagt er mit einem breiten Grinsen und gönnt sich einen tiefen Schluck Bier. Obwohl er bei der Mutter aller Volksfeste noch nicht war, hat er seit längerem eine Tracht im Schrank hängen. Die Rudower sind auf alles vorbereitet. Genauso wie Frank. Er trägt eine dunkle Trachtenjacke mit Knöpfen aus Horn. In der Brusttasche ein Einstecktuch, das akkurat gefaltet ist. Franks Nachnamen kennt David Gansel nicht. „Ich kenne hier bestimmt jeden dritten beim Namen und jeden zweiten vom Sehen“, sagt er und klopft Frank zur Begrüßung auf die Schulter.

Man ist gern unter sich in Rudow. Man grüßt sich. Man kennt sich. Sei es aus geschäftlichen oder politischen Gründen. An diesem Abend ist der „Alte Krug“ nur Angehörigen eines Verbands Mittelständischer Unternehmer vorbehalten, der alle Karten gekauft hat. Teilweise sind sie auch CDU-Kreisverband Neukölln. Die Leute wissen, wie sie ihre politischen und geschäftlichen Netzwerke pflegen. Aufträge werden gern auf Empfehlungen dieser Bekannten vergeben, die auf privaten Geburtstagsfeiern dann noch mal diskutiert und zum Abschluss gebracht werden. „Ich könnte mir nicht vorstellen, in einem Nobelviertel zu wohnen“, sagt David Gansel. Er liebt den dörflichen Charakter des Ortsteiles. Frei stehende Häuser, große Gärten, kleine Straßen − gut bürgerliche Mittelschicht. „Gentrifizierung? Nie von gehört“, sagt David ernst und zieht die Stirn kraus. „Naja, das Problem haben wir wirklich nicht“, ergänzt Frank mit dem roten Einstecktuch. Über solch ein polarisierendes Thema am Oktoberfestabend zu sprechen, behagt beiden nicht. Lieber stellen sie sich mit „Elektro Krause“, der gerade mit einer leeren Maß aus dem Zelt kommt, an den Tresen und bestellen gleich Nachschub.

Tanzen, gröhlen, trinken bis Mitternacht

Das dritte Fass von insgesamt neun (je 50 Liter) wurde bereits angeschlagen. Während die Männer weiter gekühltes Bier hinunter stürzen, packt der Hähnchenbrater Piotr Pajak die Schweinshaxen in seinem fahrenden Stand zusammen. Mit einem Spachtel kratzt er Fett und Bratkrusten von den Stangen, auf denen sich das Fleisch dreht und von allen Seite gleichzeitig saftig-kross brät. Alles was übrig geblieben ist, hat er in Papiertüten gepackt. Der Abend ist für ihn allerdings noch nicht vorbei. Zusammen mit seiner Freundin wird er nachher noch das Fett vom Boden schrubben und die Verkaufsflächen reinigen. „Noch gut zu tun“, sagt er in brüchigem Deutsch und hantiert weiter. Bis nach Mitternacht wird das Fest gehen. Draußen auf der Hauptstraße herrscht Leere. Keine Menschen. Keine Autos. Wummernd dröhnt die Partymusik weiter aus dem Zelt und schallt von Hauswand zu Hauswand.

 

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