von am 16. Januar 2013


Der Neuköllner Fußball-Profi Andreas Vogler wird in den 90er Jahren zum Volkshelden in Venezuela. Rückblick auf die ungewöhnliche Karriere eines Rütli-Schülers.

Seine Erlebnisse reichen für zwei Leben. Und doch ist Andreas Voglers Geschichte wohl nur Wenigen bekannt. Aktuell ist er Stammtorwart beim Ex-Bundesligisten Blau-Weiß 90 Berlin, und das im stolzen Alter von 47 Jahren. In seiner Zeit als Profi ist Vogler Angreifer. Ein klassischer Strafraumstürmer, ein Knipser. Einer, der immer richtig steht.

Sein Talent und die Lust am Unbekannten bescheren ihm eine ungewöhnliche Karriere. Andreas Vogler ist das, was man ein Berliner Original nennt: anpassungsfähig, neugierig, immer auf der Suche, ausgestattet mit großem Herz und großer Schnauze.

Begonnen hat alles in Neukölln. Dort im West-Berliner-Randbezirk ist Andreas Vogler aufgewachsen. Er geht auf die allseits bekannte Rütli-Schule, wo es schon in den Siebziger Jahren äußerst rau zugeht. Auf dem Pausenhof wird sich häufig geprügelt, in seiner Freizeit lungert der Junge mit der großen Klappe am Hermannplatz herum. Seine überschüssige Energie verbraucht er beim Fußball. Sein erster Verein wird der NFC Rot-Weiß – beheimatet im Reuterkiez gleich neben seiner Schule.

Ein Rütli-Schüler mit großem Torriecher

Schon in der Jugend zeigt sich sein Torriecher. „Ich war immer der Typ, den du 90 Minuten lang nicht siehst, aber kurz vor Schluss das entscheidende Ding macht“, sagt Vogler über sich selbst. Er geht in die Jugend des VfB Neukölln und bleibt dem Verein viele Jahre treu, steigt mit dem Klub sogar in die Oberliga auf und verpasst als 20-Jähriger mit 18 Treffern nur knapp die Torjägerkrone. Tennis Borussia wird auf ihn aufmerksam und Vogler wechselt schweren Herzens, aber auch weil er sich ein besseres Auskommen verspricht, an den Eichkamp.

Nach einer erfolgreichen Saison und 28 Toren für Tebe wird für Vogler ein Traum wahr. Hertha BSC will ihn verpflichten. Doch die Vorzeichen sind schlecht: Der Klub hat den Aufstieg in die Zweite Liga verpasst und muss ein weiteres Jahr in der Oberliga absolvieren. Mit Jürgen Sundermann sitzt dazu ein Trainer auf der Bank, mit dem Vogler nicht zurechtkommt. Und so bleibt ihm in diesen zwei Jahren der große Durchbruch verwehrt. Trotzig sucht sich Vogler eine neue Herausforderung. Sein Motto: „Dann guckste dir eben die Welt an.“

Sein Spielervermittler Wolfgang Fahrian legt ihm ein Angebot aus Zypern vor. Vogler sagt kurzerhand zu und fliegt mit seiner Ehefrau Manuela auf die Mittelmeerinsel. Bei EPA Larnaca unterschreibt er einen Zwei-Jahresvertrag. Die Zeitungen titeln: „Kronprinz Vogler ist da“, doch die Saison 1988/89 wird zu einem Desaster für den Klub. Vogler erzielt in Meisterschaft und Pokal zwar 22 Tore, aber es reicht nicht. EPA muss absteigen. Der Stürmer löst seinen Vertrag auf, auch weil Söhnchen Dennis unterdessen das Licht der Welt erblickt hat. Die Familie kehrt heim nach Deutschland. Vorerst.

Der erste West-Profi, der in den Osten geht

Vogler geht in die Oberliga Westfalen zum FC Gütersloh, aber auch dort wird er nicht glücklich. Der Klub steigt ebenfalls ab. Für den Familienvater steht fest, er will zurück ins wiedervereinigte Berlin. Das einzige Angebot kommt kurioserweise von einem Ost-Klub. Stahl Brandenburg spielt in der Oberliga Nordost und würde Vogler gerne verpflichten. „Der finanzielle Aspekt spielte damals sicher eine Rolle“, sagt Vogler heute zu dem Transfer, der ihn in die Geschichte eingehen lässt: Als erster West-Spieler macht er 1990 rüber in den Osten. Aus welchen Kanälen die Gelder für sein üppiges Gehalt genau kommen, kann er nur vermuten. Einige Offizielle hatten wohl noch Rücklagen aus alten Stasi-Zeiten. Das örtliche Stahlwerk tut sein Übriges dazu.

Vogler wohnt in Berlin und pendelt jeden Tag in die Stadt an der Havel. Nach einer „heißen“ Relegationsrunde gegen den FC Berlin, Magdeburg und Union schafft Stahl den Aufstieg in die 2. Liga – auch dank der Tore seines Mittelstürmer, der danach aber nur einen Vertrag zu schlechteren Konditionen angeboten bekommt. Vogler lehnt ab. Ob er nicht Lust auf Venezuela habe, fragt ihn sein Berater eines Tages am Telefon. Der FC Caracas sei gerade bei Hannover im Trainingslager und er könne sich dort vorstellen. Durch den WM-Titel von 1990 haben deutsche Spieler gerade Hochkonjunktur bei ausländischen Klubs. Vogler trainiert mit, schließt im Testspiel alle vier Tore und unterschreibt im Beisein von Klub-Besitzer Guillermo Valentiner seinen Vertrag.

Meisterschaften und Pokalsiege mit Caracas

Seine erfolgreichste Zeit als Profi beginnt. In den kommenden drei Jahren erzielt der  Mann mit dem Schnauzbart 83 Tore für den Klub und wird zweimal bester Torschütze Venezuelas. Er führt den FC Caracas zu zwei Meisterschaften und zwei Pokalsiegen. Vogler wird der Liebling bei den Fans und bekommt den Spitznamen „El bombero“ (Der Feuerwehrmann) verpasst. Er steht einfach immer richtig, immer dort im Strafraum wo es „brennt“. 1993 folgt der Höhepunkt. Caracas spielt in der Copa Libertadores. Vor 64.000 Zuschauern geht es in Lima gegen Sporting Cristal. Schon beim Warmlaufen bekommt der damals 27-Jährige Gänsehaut von der Atmosphäre im Estadio Nacional: „Es war eine feurige Stimmung. Alles hüpfte, auch wenn der Ball gar nicht im Spiel war.“

Während Vogler seine sportlichen Erfolge feiert, lernt er aber auch die Schattenseiten Südamerikas kennen. Beim Pokalendspiel gegen Anzoategui kommt es zu einer Massenschlägerei auf dem Platz. Vogler mittendrin: „Danach sah ich aus, als wäre ich aus dem Krieg heimgekehrt.“ Auch die Lebensumstände sind schwierig. In Caracas herrscht große Armut und Kriminalität. Vogler kann gut Spanisch und lädt einige Straßenkinder öfter zum Essen ein. Doch sobald es dunkel wird, traut sich die Familie nicht mehr auf die Straße. Vogler selbst wird zweimal überfallen, bekommt unter anderem eine Waffe an die Schläfe gedrückt. Man raubt seine Kleidung und er muss in Unterwäsche zum Training laufen.

Weil die politische Lage zudem äußerst instabil ist – die Voglers erleben zwei Putschversuche – ist im Dezember 1994 Schluss mit Venezuela. Der Abschied fällt äußerst emotional aus. Klubchef Valentiner will ihn nicht gehen lassen, doch Vogler hat genug. So kehrt die Familie nach Berlin zurück und Vogler heuert beim Oberligisten Spandauer SV an. Nach einem Jahr geht er zurück nach Neukölln zur Tasmania und spielt dort Verbandsliga. Er lernt nebenbei Industriekaufmann und erleidet seine erste schwere Verletzung – einen Schien- und Wadenbeinbruch. Der Neuköllner fängt an kürzer zu treten und geht 1999 zur alten Liebe Hertha BSC zurück. Bis ins Jahr 2007 ist er dort bei den Senioren aktiv. Eines Tages beginnt er sich ins Tor zu stellen.

Die zweite Karriere als Torwart

Mit 42 Jahren wechselt er als Keeper zu Blau-Weiß und wird mit den Senioren zweimal Berliner Pokalsieger. Zu Beginn der Saison 2011/12 verletzt sich der Stammtorwart der 1. Mannschaft und Vogler springt ein, hält bravourös. Und so überreden ihn Trainer und Mitspieler weiterzumachen. Damit hat er bei allen vier Berliner Bundesligavereinen aktiv gespielt, nur eben nicht als diese in der 1. Bundesliga waren. Sein großes Manko? „Nein! Ich kann zufrieden sein. Vielleicht fehlte mir etwas das Glück. Es war schwieriger zu meiner Zeit. Wäre ich später geboren worden, hätte ich alles daran gesetzt Bundesliga zu spielen“, sagt er.

Mittlerweile lebt Vogler in Tempelhof, joggt wöchentlich über das Tempelhofer Feld und hält sich von Alkohol weitgehend fern. Schon deshalb ist er mit 47 Jahren immer noch topfit. Im September 2012 kommt zum Leben des Andreas Vogler eine weitere Fußball-Anekdote hinzu. In der 1. Runde des Berliner Pokals steht er mit Blau-Weiß seinem alten Verein Tennis Borussia gegenüber. Bereits in der 16. Minute kassiert Vogler das 0:1. Erst als er auf die Anzeigentafel blickt, stellt er mit Schrecken fest: Torschütze ist kein anderer als sein Sohn Dennis. „Schon bei der Auslosung haben wir gelacht. Ich habe ihm aber verboten jemals in meiner Anwesenheit über dieses Tor zu sprechen“, scherzt Vogler heute. Es passt irgendwie zu seiner Laufbahn.

Auch dass Vater und Sohn gemeinsam mit dem Lichterfelder FC im Dezember 2012 Berliner Meister im Futsal (eine Form des Hallenfußballs) werden. Dort ist Andreas Vogler seit ein paar Jahren Torwart und Teammanager. Das große Ziel ist jetzt die Deutsche Meisterschaft. Schafft der LFC dieses Kunststück, spielt Vogler mit Ende 40 nochmal Champions League. In der Halle. Mit Blau-Weiß will er obendrein in die Landesliga aufsteigen. Ob er danach genug hat? Andreas Vogler sagt: „Ich bin so verrückt, ich kann mit dem Fußball nicht aufhören.“

Der Artikel ist im Original am 14.01.2013 in der Fußball-Woche erschienen.

 

Ein Kommentar:

  • […] In der aktuellen Spielzeit 2013/14 befinden sich 22 Vereine mit ihren Fußballabteilungen im Spielbetrieb der 1. Herren. Von der Oberliga bis zur Kreisliga C ist alles vertreten und so mancher Traditionsverein mit beeindruckender Geschichte siecht in den Niederungen des Berliner Amateurfußballs vor sich hin. Aber Neukölln war auch immer ein Ort solider Jugendarbeit, wo so mancher Straßenfußballer seine professionelle Laufbahn begann. […]

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