von am 7. November 2015
Gibt schlimmeres. AfD zum Beispiel. Foto: Florian Boillot.

Gibt schlimmeres. AfD zum Beispiel. Foto: Florian Boillot.

In Neukölln werden Briefmarken geklaut, die Gropiusstadt ist doch kein Banlieue und eigentlich leben wir hier in einer Nekropole. Am Montag zeigte Fokus Neukölln: Der Vielseitigkeit unseres Bezirks sind keine Grenzen gesetzt. Ein Nachbericht. 

Am vergangenen Montagabend wurde in der Villa Neukölln deutlich: nicht nur die Wissenschaft interessiert sich für Neukölln, sondern die Neuköllner auch für die Wissenschaft. Die erste Ausgabe von Fokus Neukölln, veranstaltet von der Bürgerstiftung Neukölln, Wissenschaft im Dialog und dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, lieferte mit sechs zum Teil sehr unterschiedlichen Studien und Bestandsaufnahmen einen Einblick in die facettenreichen Forschungsfelder, für die unser Bezirk anscheinend ein perfektes Beispiel abgibt. Bis auf den letzten Barhocker war die Villa gefüllt mit Neuköllnern und Neuköllnerinnen, die wissen wollten, was denn da so über uns geforscht wird.

Schaukasten Neukölln

Doch bevor die Wissenschaft zu Wort kommen sollte, versuchte Franziska Giffey über Umwege ihre ganz eigene Beziehung zur Forschung zu erklären. Als Bezirksbürgermeisterin von Neukölln werde sie nämlich überdurchschnittlich häufig um Interviews für Bachelorarbeiten und andere wissenschaftliche Abhandlungen gebeten. Einen Abstecher in ihre immer wiederkehrenden Reden über Kinder mit Migrationshintergrund konnte sie sich dabei nicht verkneifen. Ebenso den unpassenden Kommentar, jetzt müsse man den Vereinen sagen, „Sport ist erst mal nicht“, in Bezug auf die Nachricht, dass die Turnhalle am Buckower Damm 282 am Montagabend kurzfristig zur Notunterkunft für Geflüchtete umfunktioniert wurde.

Irgendwann war Giffey dann fertig und das eigentliche Programm des Abends konnte losgehen. Insgesamt sechs Untersuchungen aus den unterschiedlichsten Forschungsfeldern – von Soziologie bis Architektur – durften in jeweils fünf Minuten von den jeweiligen Wissenschaftlern vorgestellt werden. Nach jedem Vortrag konnte das Publikum Fragen auf Pappkarten stellen, die in darauffolgenden Fragerunden von dem sehr sympathischen Moderatorenteam, Prof. Jutta Allmendinger (Präsidentin vom WZB) und Simon Hauser, an den entsprechenden Wissenschaftler gestellt wurden. Dabei zeigte sich das Publikum äußerst methodenkritisch – viele Studienergebnisse und deren Herleitung wurden hinterfragt.

Solidarität #nkstyle

In Neukölln klaut man gerne Briefmarken. Zu diesem Ergebnis kam Dr. Susanne Veit (WZB) in ihrer Studie „Das Experiment der verlorenen Briefe – Solidarität in Neukölln“. Dafür hat sie adressierte und frankierte Briefe bewusst im Berliner Stadtraum „verloren“ und dann abgewartet, wie viele dieser Briefe ihr Ziel erreichten. Empfänger waren dabei Personen und Organisation aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Das Experiment sollte klären, inwiefern Solidarität und Diskriminierung in Zusammenhang stehen. Insgesamt lag die Rücklaufquote bei 63 Prozent. Von den Briefen, die auf den Gehwegen Neuköllns darauf warteten in den Briefkasten geworfen zu werden, kamen nur 41 Prozent an. Davon allerdings viele ohne Briefmarke – ein Ergebnis, auf das es Dr. Susanne Veit eigentlich gar nicht abgesehen hatte. Immerhin haben sich einige Diebe auf den jeweiligen Briefen mit einer kleinen Notiz für ihre Tat entschuldigt. Ehrliche Briefmarken-Entwendung sozusagen.

Je ne comprends rien.

Inwieweit der Weg in den Beruf sich von deutschen und französischen jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund ähnelt, hat Prof. Dr. Carsten Keller von der Universität Kassel untersucht. In der Studie „Berufliche Strategien und Statuspassagen von jungen Erwachsenen mit Migratonshintergrund im deutsch-französischen Vergleich“ wurden sowohl Personen aus einem innerstädtischen Bezirk (Nord-Neukölln bzw. La Goutte d’Or in Paris) sowie aus einem Randbezirk (Gropiusstadt bzw. Montfermeil bei Paris) untersucht. Der französische Kollege von Prof. Dr. Carsten Keller hat die vermeintlichen Ähnlichkeiten von Gropiusstadt und Montfermeil allerdings nicht sofort erkannt …

Erinnerungskultur

Neukölln – Stadt der Toten? Ja, sagt Prof. Dr. Susanne Junker von der Beuth Hochschule für Technik. Denn hier gibt es über 16.000 Einzelgräber und auf insgesamt 1.600 Quadratmetern Sammelgräber. In dem Projekt „Neukölln als Nekropole – Vergegenwärtigung von Kriegstod“ untersuchte sie mit Studierenden, wie an die Menschen in den Sammelgräbern angemessen erinnert werden kann. Vorgestellt wurde ein mobiler Raum aus fünf Kuben, in denen Fotos der Verstorbenen gezeigt werden sollen.

Außerdem wurden die Studien „Zusammenleben in Nord-Neukölln – Eine Bestandsaufnahme“ von Dr. Albrecht Lüter und Aline-Sophia Hirseland (Camion Berlin), „Ausgrenzungs- und Abwertungsprozesse in einem umkämpften Raum“ von Manuela Freiheit (Universität Bielefeld) und „Regenerierung von Stadtteilen durch migrantische Akteuere“ von Prof. Dr. Felicitas Hillmann (Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung) und Jana Taube (FU Berlin) vorgestellt.

Insgesamt war es ein sehr gelungener, unterhaltsamer Abend mit spannenden Einblicken in die Forschung über Neukölln, wenngleich es leider für eine ausführliche Auseinandersetzung zu den einzelnen Themen des Abends nicht gereicht hat.

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