von am 7. Februar 2017
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Denkt Kino anders: Marcin Malaszczak ist Teil des Wolfkollektivs. Er studierte an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Sein Dokumentarfilm „Sieniawka“ lief 2013 auf der Berlinale.

Pünktlich zur Berlinale öffnet im Neuköllner Weserkiez ein Kino mit sagenumwobenem Namen: „Wolf“. Der Berliner Regisseur Marcin Malaszczak ist Teil des „Wolf Rudels“, einer Gruppe von Leuten, die das Kino und Filmzentrum ins Leben gerufen haben. Beim Interview spricht er mit uns über das neue Filmgehege jenseits der großen Multiplexe.

Fotos: Mariana Jočić

neukoellner.net: Der „Wolf“ ist dieses Jahr Kiezkino bei der Berlinale und die ist ja bald. Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie hoch ist Dein Stresspegel gerade?

Marcin Malaszczak: Joa, schon bei neun. Konstant neun (lacht). Während der Berlinale laufen an einem Tag in beiden Sälen Filme, außerdem werden die Filmemacher dazukommen. Zusätzlich haben wir die Filmsäle an die Filmindustrie vermietet, die wird dann auch ihre Filme zeigen.

Ihr lauft also so langsam an…

Genau. Als allererstes wollen wir einen Nachbarschaftsumtrunk machen, so ganz nonchalant. Und dann wird die Berlinale stattfinden und später irgendwann machen wir dann auch mal die offizielle Eröffnung. Die ist für März anberaumt. Wir möchten uns mit der Eröffnung aber herantasten und den Ball gerne eher flach halten.

Wie kam es zu der Idee, das Kino mit einer Bar, einem Workspace und einer Filmwerkstatt zu verknüpfen?

Ich glaube, das war erst mal ganz naiv. Es war Verena von Stackelbergs Traum, ein Kino zu bauen. Verena und ich sind eng befreundet. Das Projekt Wolf kenne ich schon, seitdem es nur eine Idee in Verenas Kopf war und wir haben viel darüber gesprochen. Das wurde dann konkreter, als Verena die Investoren für das Projekt gefunden hatte. Es gab aber auch andere Gründe. Das Kino als Institution oder als Raum hat sich aus unserer Sicht lange Zeit – ich will nicht sagen angepasst – aber eben auch nicht verändert. Wir denken, dass man Kino mehr zu einem sozialen Raum machen sollte, wo eben Praxis und Theorie sowie Publikum aufeinander treffen. Die Idee ist, Kino neu zu denken oder zu fragen, was kann denn ein Kinoraum anbieten, was kann man hier erleben? Wie kann man hier verweilen? Ist es nur das Konsumieren von Film? Aber eben nicht auf so eine akademische Art. Uns ist schon wichtig, dass das Aufeinandertreffen auf Augenhöhe bleibt. Uns ist auch der Kiez hier sehr wichtig. Das ist ja quasi unser erster Bezugspunkt.

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Das Wolfkino eröffnet zur Berlinale seine Pforten.

Wie siehst du denn die Entwicklung hier im Kiez im Zusammenhang mit der Eröffnung des Wolfkinos?

Ich wohne jetzt seit sechs/sieben Jahren hier im Weserkiez und er hat sich natürlich wahnsinnig verändert. Ich will jetzt auch nicht so tun, als könnten wir von der Entwicklung im Kiez nicht profitieren. Das tun die meisten, die hier ein Geschäft oder ähnliches haben. Wir möchten aber auch sehr bewusst damit umgehen. Es gibt verschiedene Ideen, zum Beispiel günstigere Kinotickets für frühere Vorstellungen. Uns ist es auf jeden Fall wichtig, dass das Kino für alle zugänglich bleibt. Während der Crowdfunding-Kampagne haben wir auch Leute aus der Nachbarschaft eingeladen. Da waren auch einige ältere, die so ihre Geschichten erzählt haben, wie es früher hier war. Aber die klangen nicht besorgt oder kritisch, sondern haben einfach aus ihrem Leben erzählt. Ich habe oftmals das Gefühl, es sind eher jüngere Leute, die noch gar nicht so lange in Berlin wohnen, die sich beschweren. Und als Berliner finde ich eigentlich nicht, dass sich die Stadt immer so verteidigen muss. Ja, sie verändert sich, aber das hat die Stadt auch immer ausgemacht. Andererseits hatte Berlin als Großstadt auch immer was Provinzielles, das sieht man auch am Flughafen.

Stichwort Flughafen: Das Wolfkino sollte ja schon längst eröffnet haben. Was war da los?

Ja, ursprünglich wollten wir Anfang 2016 aufmachen. Das hat sich extrem verzögert, aber das war nicht nur unsere Schuld. Es gab vom Bauamt und der Brandschutzordnung viele Auflagen und Hindernisse. Dann hatten wir auch ein bisschen Unglück mit dem ersten Architekten und Bauleiter. Da kam einiges zusammen, womit wir vorher nicht gerechnet haben. Es ist sehr schwierig, in einem Altbau ein Kino mit dieser Infrastruktur zu bauen. Manchmal war es auch schwierig, gute und verlässliche Bauleute zu finden. Da haben wir echt alles erlebt. Natürlich hat sich der Raum seitdem sehr verändert. Auch, weil ich diesen rohhaften Berliner Stil mit kahlen Wänden nicht so mag. Ich finde, die Umgestaltung eines Raums muss nicht immer gleich nach Mitte aussehen.

Under construction: Der Wolf soll ein Heim für Filmliebhaber und Filmemacher werden.

Under construction: Der Wolf soll ein Heim für Filmliebhaber und Filmemacher werden.

Was bedeutet Kino denn für dich persönlich?

Als ich noch jünger war, war Kino für mich ein bisschen Flucht vor der Realität. Oder auch ein zweites Zuhause oder eine zweite Heimat. Das hat vielleicht auch was mit meiner persönlichen Geschichte zu tun, ich bin ja in Polen geboren. Und wenn man als Kind entwurzelt wird, versucht man eben Fuß zu fassen und sich eine neue Heimat aufzubauen. Als Jugendlicher bin ich die ganze Zeit ins Kino gegangen. Filme haben mir sehr geholfen und mich vielleicht auch ein bisschen therapiert. Kino ist Rückzugsort und gleichzeitig Eintauchen in eine andere Welt.

Welchen Film möchtest du auf jeden Fall hier zeigen?

Mir persönlich liegen polnische Filme sehr am Herzen, auch ältere. Das ist etwas, das mich sehr stark geprägt hat. Wenn es um meinen Lieblingsfilm geht, oder einen Film, den ich sehr schön finde, ist das „Punch-Drunk Love“ von Paul Thomas Anderson. Das ist einer dieser Filme, die ich toll finde, weil er zugängliches und anarchisches Kino miteinander verbindet.

 

 
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