von am 4. April 2016

Cover_beschnitten»Türken sind doof!« Was tun, wenn die Kinder einen fremdenfeindlichen Reflex haben? Dass sie eine ganze soziale Gruppe wegen der Herkunft der Familien verteufeln, will man den jungen Menschen nicht durchgehen lassen. Aber dass ein paar Rowdys den Jüngeren das Geld abnehmen, ist verdammt noch mal auch nicht okay. Die Straßen unseres so genannten sozialen Brennpunkts haben schon so ihre Mechanismen – Hilfe kommt auch mal von unerwarteter Seite.

Text: Thomas Lindemann

»Papa«, sagt mein Sohn, als wir eines Morgens gemeinsam über die Hermannstraße zu seiner Schule spazieren, »ich hasse Türken.«
Jetzt haben wir den Salat, denke ich.
»Was ist mit Acar, deinem tollen Erzieher, den magst du doch?«
»Ja, den meine ich nicht.«
»Der ist aber Türke. Oder seine Eltern zumindest.«
»Der zählt nicht.«
»Und Karan, dein Freund vom Fußball?«
»Ja, was soll mit dem sein, was hat Karan damit zu tun?«
»Türke.«
»Ach ja? Der ist aber anders.«
In den folgenden Wochen etabliert sich im Kinderzimmer ein Spiel. Der eine Sohn sagt: »Türken sind total bescheuert.« Der andere: »genau, das sind die Blödesten von allen.« Und dann erfinden sie immer weitere fantastische Minusqualitäten, die man ihren türkischstämmigen Mitbürgern auf der Grundschule nachsagen könnte. Habe ich wirklich zwei Pegida-Trottel gezeugt?

Es fing an im Körnerpark, ausgerechnet in dieser schönen neobarocken Anlage. Ein paar Tage zuvor waren wir nach Neukölln gezogen. Ich war gerade aus dem langweiligen Bürger-Biotop Prenzlauer Berg hierher gezogen, hatte angefangen, mein Buch zu schreiben, über mein Leben mit Familie in Neukölln, und beobachte alles besonders genau. Im Zentrum des Parks bildet die große, rechteckige Wiese, ganz baumlos. Toll. Aber ich sehe auch gut und deutlich, dass mein kleiner Sohn Quinn am nordwestlichen Ausgang des Gartens steht und weint. Um ihn herum sechs Jungs, etwa drei Jahre älter als er, die ihn anrempeln und herumschubsen. Ich fühle mich bei der Papa-Ehre gepackt und sprinte aus dem Stand hin. Als die Kids mich sehen, suchen sie das Weite, es beginnt eine alberne Verfolgungsjagd durch die umliegenden Straßen. Irgendwann packe ich mir einen, immerhin ist er der Mutigste von allen, denn er bleibt stehen und stellt sich. »Ich war das nicht, das war Hassan«, sagt er gleich. Und dann nötige ich ihn, mir die Hand zu geben, einzuschlagen, erzähle ihm etwas in dem Sinne, dass das unfair war und er den Kleineren doch lieber helfen soll, und er sagt: »Tschuldigung.«

Lindemann, Thomas(c) Susanne Schleyer

Der Journalist Thomas Lindemann hat die Erlebnisse seiner Familie rund um den Umzug nach Neukölln zu einem Buch verarbeitet. Foto: Susanne Schleyer

Ganz gut gelaufen, finde ich! Aber mein Sohn merkt sich, dass das Türken waren. Ich weiß nicht einmal, ob es stimmt, und vermutlich sind es ja, wenn überhaupt, sowieso junge Deutsche. Die zweite, leider ähnliche, nur dramatischere Begegnung ein paar Wochen später, findet mitten auf dem Gehweg der Hermannstraße statt. Leo und Quinn waren beim Legogeschäft, aber das Spielzeuggeschäft in dieser Gegend unterscheidet sich doch arg von dem, was sie aus dem Prenzlauer Berg gewohnt sind. Im Keller eines kleinen Einkaufszentrums, rumpelig und ohne Konzept mit Spielzeugkartons vollgestellt. Das Personal kommt nicht etwa einfühlsam auf die Kunden zu, sondern popelt hinter einer breiten gelben Theke in der Nase, bis man schon selbst etwas gefunden hat. In einem Nebenraum gibt es ein Outlet (dabei sieht der Hauptladen schon aus wie ein Outlet). Dort liegt dann endgültig alles wie Müll aufeinander.

Das schöne Lego, das meine Söhne im Sinn hatten, ist nicht zu finden. Keine Polizeistation und kein Kampfnashorn von „Chima“. Also ziehen wir unverrichteter Dinge wieder ab. Das letzte Stück wollen die Kinder allein laufen, einen kleinen Umweg, und ich gehe schon vor. Kurz darauf schleichen meine Söhne mit hängenden Köpfen die Treppe zu unserer Wohnung hoch. Ein paar Jungs (»Türken oder Araber«) hätten sie auf der Straße bedrängt, geschubst und ihnen das Geld abgenommen. »Was?«, schreie ich. Denn Leo hatte ja sein ganzes Taschengeld dabei, gut sichtbar im Brustbeutel um den Hals gehängt. Bin ich bisher zu gutgläubig durch diese Viertel gegangen? Habe ich meine Kinder nicht gut genug auf das raue Leben da draußen vorbereitet?

Die beiden sind so durcheinander, dass ihnen erst Minuten später einfällt, dass die Diebe irgendwann Angst bekommen haben und das Geld, so erzählen sie, auf den Boden geschmissen hätten und geflüchtet seien. »Ich hole die Polizei«, habe Leo gerufen. Und dass genau in dem Moment ein Erwachsener an der Gruppe vorbeigegangen sei, war wohl ein Glück. Vorher aber habe Leo noch Frage und Antwort gestanden und preisgegeben, wo er wohne. Jetzt geht bei uns erwachsenen die Panik los. »Das darfst du doch nicht machen, Leo!«, insistiere ich und male mir aus, wie am nächsten Tag sechs ältere Brüder vor unserer Haustür stehen und fragen: »Wohnt hier das Kind, das mit 60 Euro in der Tasche herumläuft?«. Idiotische Klischee-Gedanken sind offenbar auch aus meinem Kopf nicht ganz zu löschen. Oder nur bewusst. Das mache ich also.

Spurensuche im nächsten Späti

Ein prüfender Blick ins Portemonnaie zeigt, dass fünf Euro fehlen. Weil Leo sich nicht erinnern kann, ob die Jungs bei ihrer Flucht nicht vielleicht doch einen Schein zurückbehalten haben, nehme ich ihn kurzentschlossen an die Hand und laufe mit ihm die Treppen runter und auf die Straße. Wir durchkämmen ein paar Seitenstraßen. Vielleicht treibt sich die Bande ja noch irgendwo herum. Leider Fehlanzeige. Unser letzter Versuch, etwas herauszufinden, führt uns in den Spätkauf an der Hermannstraße. Dort holen wir regelmäßig eine Flasche Wasser, ein Radler oder die Kinder süße Schnüre – das ist Süßkram aus rotem Gummi, mit dem ich schon als Kind meinen Zähnen auf den Schmelz ging. Wir erklären dem türkischen Ladenbesitzer, dass wir vier Jungs im alter von circa sieben bis zwölf Jahren suchen, und erzählen ihm die Geschichte, wie sie sich kurz zuvor zugetragen hat. Der Verkäufer reagiert spontan. Er spricht Leo direkt an: »Ich hab dir doch gesagt, du sollst dein Portemonnaie unter das T-Shirt stecken!« Und zu mir: »Ich kenne ihn ja, er war vorhin gerade hier und hat was gekauft. Da habe ich ihm das schon gesagt.« Und wieder zu Leo: »Und? Hast du nicht gemacht?«

Leo guckt verschämt zu Boden. Somit klärt sich immerhin auf, wo ein Teil des verlorenen Geldes geblieben ist. Dann sagt er noch: »Und, warum kommst du nicht zu mir?«, fragt er ihn und schaut ihm eindringlich in die Augen. »Du weißt doch, dass ich hier bin. Das nächste Mal rennst du einfach in meinen Laden. Und wenn die Jungs dir hinterherlaufen, dann kommst du in meine Arme.« Als er dann noch anfügt »Das musste ich früher auch lernen. Und du lernst das auch«, fange ich fast an zu heulen. Leo hat seine Lektion in Sachen Streetlife gelernt. Mit stolzgeschwellter Brust verlässt er das Geschäft. Er weiß jetzt, wo er Hilfe finden kann, wenn es brennt.

Immer wenn wir die Geschichte erzählen, findet sich jemand, der von ähnlichen Erlebnissen aus seiner Kindheit zu berichten weiß. Ich selbst erinnere mich auch daran. Und die Täter waren Türken, Russen oder, am häufigsten, Deutsche. Interessanterweise dachte man bei den deutschen Kindern blöde Dinge wie: Die sind halt »asi«, weil die Mutter alleinerziehend ist und arbeitslos. Bei den Türken von der angrenzenden Schule war unfaires Verhalten nicht durch soziale Gründe gerechtfertigt. Da denkt man dann: Na die sind eben Türken. Seien wir ehrlich, so tief sitzt der Alltagsrassismus. Die große Ausnahme waren auch früher schon die Kinder in unserer Klasse, denn das – und jetzt höre ich schon meinen kleinen Sohn – sind ja meine Freunde gewesen. Da rückte das Nationalitäten-Pingpong total in den Hintergrund.

Meist gingen die Übergriffe glimpflich aus. Rechts bin ich deswegen noch lange nicht geworden. Und wir alle haben die Lehre gezogen: Wenn es brenzlig wird, am besten die Beine in die Hand nehmen. Das wiederholen wir jetzt mantrahaft, wenn Leo und Quinn mal übermütig werden und sagen: »Wenn ich Karate kann, dann gebe ich diesen Arschlöchern eins auf die Nase.« Dazu, nämlich dass das Unsinn ist und dass die auch keine »Arschlöcher« sind, sondern Jungs, die man einfach noch ein bisschen besser erziehen muss, haben wir dann gleich wieder neuen Gesprächsstoff.

»Die Türken sind alle aggressiv«

Und dann war da ja noch das unangenehme Ereignis mit den Fußtritten auf dem Bolzplatz. Auch wenn der Junge Diego heißt und damit einen für mich eher spanisch oder südamerikanisch klingenden Namen hat, oder einen, den Deutsche (vielleicht Fußballfans?) genauso gut ihrem Sohn geben könnten, gilt für Leo weiter: »Die Türken sind alle aggressiv.« Was bleibt, ist die traurige Erkenntnis, dass es ein gewisses Maß an Gewalt auf den Straßen gibt. Nach intensivem Grübeln über das Thema geht mir auf, dass ich im Grundschulalter auch mindestens zweimal grundlos von Älteren geschlagen wurde – auf der Straße und auf dem Schulhof. Mir kommt auch wieder in den Sinn, wie unsere Lehrerin damals überhaupt nichts Sinnvolles dazu sagen konnte und wollte, als die Klasse sie um Hilfe bat wegen eines Rowdys, der ab und zu anderen eine scheuerte. Und ich bin in der erschreckend ruhigen Hamburger Vorstadt aufgewachsen.

Trotzdem: Bei den Straftaten an Schulen führen die Stadtteile Neukölln und Mitte die Statistik der Berliner Polizei an. Im Schuljahr 2013/2014 wurden an Neuköllner Schulen 546 Straftaten begangen, das ist noch nicht einmal besonders viel im Vergleich mit anderen Gegenden der Stadt. Allerdings: Zu 209 sogenannten Rohheitsdelikten ließen sich Neuköllner Schüler hinreißen, diese Deliktgruppe umfasst Körperverletzung, Nötigung, Bedrohung und Raub. Sie sind um 25 Prozent angestiegen. in Pankow dagegen, dem Verwaltungsbezirk, in dem auch Prenzlauer Berg liegt, sinkt die Zahl der Roheitsdelikte an Schulen, es waren dort nur 76. Wer daraus alarmistisch eine »Verrohung« Neuköllns ableiten will, ist trotzdem auf dem Holzweg, denn diese Zahlen schwanken von Jahr zu Jahr stark. Während die Annahme, dass Pankow immer harmloser wird, eine gewisse Signifikanz besitzt, ist die umgekehrte Annahme, Neukölln werde härter, nicht haltbar. Wohl aber die, dass es in Neukölln grundsätzlich ein wenig rüder zugeht. (Und in Marzahn noch viel mehr – dort leben viel weniger Ausländer als sonst in Berlin, unter fünf Prozent.)

Ein Freund, der ähnliche Erfahrungen mit seinem Sohn hatte, ist resigniert. Er sieht nur zwei Möglichkeiten, sagt er mir: Entweder du gibst klein bei und bist dann eben die blöde Kartoffel, die immer den Schwanz einzieht und schneller rennt. Oder du gewöhnst dich an die Kultur des rüden Umgangs und der Brutalität. Beides will man nicht. Er hat noch keine Lösung, Überlegt aber weiter. Wegziehen kann es nicht sein. Denn das wäre das andere Modell, das leider auch viele wählen: Man geht in ein Paradies der gleichgesinnten, wie Prenzlauer Berg (oder jede kleinere Stadt) eines ist. Erstens langweilt man sich dort aber möglicherweise zu Tode. Und es kann gut sein, dass Deutschland sich davon ein wenig wird verabschieden müssen, jetzt, da so viele Flüchtlinge ins Land kommen, eine Million allein im Jahr 2015. Will man sie wirklich integrieren, wird man eine Aufteilung der Stadt, in der es gediegene, urdeutsche Zonen für Besserverdienende gibt, vielleicht aufgeben wollen. Insofern ist Neukölln eben wirklich überall – das legte das etwas reißerische Buch des Ex-Bürgermeisters Heinz Buschkowsky qua Titel nahe. Gewöhnen wir uns schon einmal daran.

BuchcoverÜber Das Buch:
Dieser Text ist ein leicht modifizierter Auszug aus dem Buch „Keine Angst, hier gibt’s auch Deutsche!“, das heute im Berlin-Verlag erscheint (290 S., 14,99 Euro). Der Autor Thomas Lindemann liest daraus am Dienstag, 5.4. im Valentinstüberl, Donaustr. 112, ab 20 Uhr. Simi Simon leitet ein.

Tschüss, Mittelschicht! Eine Familie geht ins Problemviertel. Wenn man mit Kindern nach Neukölln zieht – in diesen Symbolstadtteil, der etwa auf „Pegida“-Demos immer wieder genannt wird – sieht man mehr als eine schöne Hipsterwelt. Die Armut ist hoch, jeder Dritte bezieht Hartz IV, die Stadtreinigung sammelt jährlich 800 Tonnen Müll von den Gehwegen. Trotzdem kommen die jungen Amerikaner und eröffnen Bars und Ateliers. Hier leben Menschen aus über 150 Nationen. Die berüchtigte Al-Nur-Moschee ist hier und der beste Elvis-Imitator der Welt auch. Thomas Lindemann besucht sie alle. Eine Stadtreportage aus der Zukunft Deutschlands.

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2 Kommentare:

  • bla sagt:

    Das liest sich schon anders als der Auszug in der FAZ – oder war es die SZ?

    Da wurde eher das romantisierende Klischee des hippen Multikulitbezirks bedient. Der Gentrifizierer, der nach Neukölln kommt und sich mal die „Straßenhärte“ abholt. Aber eben alles ganz entspannt und irgendwie sympathisch.

    Dass es eben nicht hipp oder sympathisch und auch keine tolle Lebenserfahrung ist, wenn Kindern auf dem Schulhof als Kartoffel (Deutsche Michel 2.0 sagte mal jemand zu mir) bezeichnet, beraubt und verprügelt werden, weiß nicht nur der, der selber Opfer war. Und wenn selbst die Berliner Polizei keine Lust mehr hat, sich in der Sonnenallee wegen falsch geparkter Luxuskarossen von 30 Menschen, die aus einem Shishacafé stürmen, die Nase blutig hauen zu lassen, ist ein Punkt erreicht, an dem nur noch wenig besonders lustig ist.

    Das Buch mag nett zu lesen sein. Eine realistische Zustandsbeschreibung der sozialen und demographischen Problemlagen des Bezirks ist es – anhand der Auszüge beurteilt – wohl nicht. Und ganz sicher ist Neukölln nicht der Vorzeigebezirk für Integration, wie er in der Zeitung betitelt wird. Ganz. Sicher. Nicht.

  • Neuköllnerin sagt:

    Danke. Ist schon ne Herausforderung das ganze auseinanderzuhalten, was in Neukölln passiert. Herr Lindemann spricht mir aus der Seele, wenn er ganz klar unterscheidet zwischen „asozial“ und „ausländisch“. und mein Eindruck von Neukölln ist: ja, es gibt viele nicht erzogene und sich asozial verhaltende Menschen hier. Aber nein, das hat mit kulturellem Background am wenigsten zu tun.

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