von am 24. November 2014

Michaela Müller und Moritz Reichelt haben dem Bus M41 einen Song gewidmet. Foto: Regina Lechner

Die Buslinie M41 folgt ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten und neigt des öfteren zu Rudelbildung. Ein paar leidgeplagte Neuköllner hat das veranlasst, der Linie eine eigenes Lied zu komponieren.

Neukölln ist eine Berliner Blase, Neukölln ist Osten und Westen. Neukölln ist ein Stadtteil, in dem unterschiedliche Menschen leben. Unterschiedlich, das heißt: Unterschiedliche soziale Situationen, unterschiedliche Kulturen und Sprachen, Alteingesessene und Zugezogene, Arbeitslose, Künstler, Studenten, Träumer, Rumtreiber, Familienväter, Start-Up-Unternehmer. Was bringt all diese unterschiedlichen Menschen nach Neukölln, was haben sie gemeinsam?

Die Antwort auf diese Frage ist einfach: Es ist ihr Alltag. Wenn man einen gemeinsamen Ort hat, dann teilt man notgedrungen Sorgen und Nöte, Freude und Rituale.

Wer hätte gedacht, dass eine Aktion, die die Metrobuslinie 41 besingt, genau das so treffend auf den Punkt bringt? Richtig. Niemand.

An einer M41-Haltestelle in der Sonnenallee an der Ecke Pannierstraße steht Michaela Maria Müller. Zusammen mit dem Künstler und Musiker Moritz Reichelt hat sie den Song „M41, du kommst nie allein“ produziert, der vielen leidgeplagten Neuköllnern aus dem Herzen spricht. „Die Linie M41“, erzählt Müller, „ist schrecklich unzuverlässig. Der Bus ist ständig zu spät, du wartest zwanzig Minuten und auf einmal kommen gleich drei hintereinander.“ Tatsächlich stehen gerade zwei Busse der gleichen Linie an der Haltestelle. Ein älterer Herr, graumeliertes Haar, eine Einkaufstasche in der Hand, kommt auf Müller zu. „Machen Sie hier Fotos von der M41?“, fragt er. „Einen schlimmeren Bus gibt es nicht, der ist immer voll, keinen Fuss bekommt man rein.“

M41 – Du kommst aus Neukölln und riechst würzig

Als Müller ihre Tochter einmal mit der M41 in den Kindergarten brachte und die Fahrgäste bei jedem Zwischenhalt auf der Sonnenallee aufstönten, weil wieder ein BMW-Fahrer in der zweiten Reihe stand, da kam ihr die Idee zu dem Song. „Ich musste an Rio Reiser denken, der singt über die M29“, sagt Müller. Inhaltlich also hat man sich von dem Sänger von Ton Steine Scherben und Liedermacher Rio Reiser inspirieren lassen. Der Sound allerdings klingt deutlich nach Bands der Neuen Deutschen Welle wie zum Beispiel Trio. „Das ist durchaus gewollt“, erklärt Moritz Reichelt, der Anfang der 1980er Jahre ein Mitglied der NDW-Band Der Plan war und heute als Künstler in Berlin lebt. „Viele Genres haben so komplizierte Codes, die verstehen nur eingeweihte, wir wollten etwas für die Straße machen, für den normalen Fahrgast; Musik und Texte im Stil der Neuen Deutschen Welle versteht jeder, das kommt an.“

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Michaela Müller, die Erfinderin des „M41-Songs“. Foto: Regina Lechner

Es ist gut möglich, dass der Song bald besser ankommt, als die M41 selbst. „Du bist der Bus, der im Rudel fährt und an unseren Nerven zerrt“, heißt es da. Und wer lässt sich schon gerne an der Nerven zerren? Allerdings ist der M41-Song auch ein Symptom der Marke Berlin im Kleinen: So wie Berlin im Sinne des unsäglichen Wowi-Ausspruchs „arm, aber sexy“ versucht, aus der Not eine Tugend zu machen und so aus Versehen die Not rechtfertigt, wird in Neukölln aus einem Busdesaster ein Elektropop Hit. Niemanden würde es wundern, wenn bald in London oder Amsterdam über die M41 gesprochen wird.

Der Song ist mittlerweile auch auf einem Berlin-Sampler vertreten, die Straße zum Ruhm ist gepflastert. Vielleicht trällern Berlin-Touristen bald also: „M41 – Du kommst aus Neukölln und riechst würzig.“ Der Text und die Musik stammen im Übrigen von Moritz Reichelt. „Mein Anspruch war es“, erzählt er, „für keinen Arbeitsschritt länger als einen Tag zu brauchen. Das hat geklappt.“ Nur die Suche nach einer Sängerin hat etwas länger gedauert. Mit der Berlinerin Sophia Scalpel haben Müller und Reichelt jedoch wirklich jemanden gefunden, der es schafft, den M41-Song mädchenhaft-keck zu veredeln.

Wem die Online-Version im Netz nicht reicht, der kann sich sogar die Platte kaufen. Gepresst wurde das gute Stück in Hamburg, zu kaufen ist es in Berliner Plattenläden. Möglich gemacht wurde das nicht nur durch das Engagement von Michaela Maria Müller und Moritz Reichelt, sondern auch dank einer Crowdfunding-Plattform. „Wir haben es einfach ausprobiert“, sagt Reichelt, „es war ja kein professionelles Ding.“ Und Müller fügt an: „Ich war skeptisch, ich dachte mir, das muss funktionieren, sonst ist es zu peinlich.“ Vor allem wegen einer Großspende eines Mannes des Spandauer Fahrgastverbands konnte das Projekt realisiert werden. Die Bedingung war aber, dass noch ein Song über eine weitere Linie geschrieben wird. Dieser Song ist als B-Seite auf der Platte.

Kann man nun davon ausgehen, dass es einen Bedarf für den M41-Song gab? Immerhin ist über das Crowdfunding genug Geld zusammengekommen. Gewartet hat auf den Song in Neukölln sicher niemand. Trotzdem: Er ist ein gelungenes Stück, produziert mit einem Augenzwinkern. Und während er auf den Bus wartet, wird sich der ein oder andere Fahrgast bestimmt dabei ertappen, wie er singt: „M41, du kommst nie allein, meistens zu zweit oder zu drein. Manchmal kommst du einfach zu viert, und dann, dann bin ich zutiefst gerührt. Du tickst wie du tickst, ich hab’ es kapiert.“

 

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