von am 17. Februar 2016

kirchner_sw_kleinIm Alltag sind sie kaum mehr sichtbar, weil sich viele von ihnen in der Anonymität verlieren. Helmut Kirchner kümmert sich mit seinem Pflegedienst um die alten Menschen des Bezirks. Ein Gespräch über das Gefühl nicht mehr gebraucht zu werden und die Möglichkeiten sozialer Brücken zwischen Jung und Alt.

Über die Pflege im Alter machen sich die meisten erst Gedanken, wenn es um die eigenen Eltern oder Großeltern geht. Über das eigene Leben im Alter wird kaum nachgedacht, gesprochen schon gar nicht.

In Nord-Neukölln verändert sich vieles, vor allem zu Gunsten der jungen Leute. Alte Menschen sind kaum mehr sichtbar. Viele leben zurückgezogen, verlassen ihre Wohnung nur noch selten, manche über Jahrzehnte nicht. Vierzig von ihnen betreut Helmut Kirchner und sein Team. Bereits seit zwölf Jahren betreibt der diplomierte Pflegewirt den Ambulanten Pflegedienst in der Altenbraker Straße.

„Das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, ist ein brutales Problem“

Helmut Kirchners Team hilft älteren Menschen bei ganz alltäglichen Dingen, bei der Körperpflege und der Bewegung, im Haushalt und bei den Ausscheidungen. Doch allein den Grundbedürfnissen der alten Leute nachzukommen, das reicht Kirchner nicht aus. Oftmals finden die Pfleger die alten Menschen, die sie betreuen, in tiefer Einsamkeit vor. „Das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, ist ein brutales Problem“, sagt Kirchner. Es führe dazu, dass die Menschen sich als wertlos empfinden. Einem alten Menschen in einer solchen Situation richtig zu begegnen und zu helfen ist nicht einfach. „Menschen verlieren die Beziehung zu sich selbst, wenn sie mehr und mehr an Fähigkeiten einbüßen“, erzählt Kirchner. Solche Probleme seien der Grund dafür, dass einige sich das Leben nehmen.

Kirchner möchte dem vorbeugen. Brücken bauen, wie er es nennt. Diese Brücken sind Teil seines Pflegeverständnisses. „Die Pfleger sind ja in den Alltag integriert und können so eine Brücke für den älteren Menschen bauen“, erklärt Kirchner. Wo es nötig ist, kümmert er sich auch darum, dass weitere Helfer, wie Ärzte und Sozialdienste, zu Rate gezogen werden.

Lebensgeschichten sind wichtig

Doch wie kann man einem alten Menschen helfen, das eigene Selbstwertgefühl wieder aufzubauen? Diese Frage könne nicht pauschal beantwortet werden, meint Kirchner, man müsse den Menschen kennenlernen, ihm zuhören, ihn von seinem vergangenen Leben erzählen lassen. Kirchner möchte ihm signalisieren, dass seine Geschichten wichtig sind, dass sie sogar gebraucht werden, „denn solche Erzählungen verschaffen uns das Bild einer Zeit, das uns selbst nicht zur Verfügung steht, da wir viel zu jung dazu sind“. Durch die Lebensgeschichte des Menschen findet Kirchner im Idealfall einen Anknüpfungspunkt zum Hier und Jetzt und versucht so zu erreichen, dass der Mensch wieder in ein seelisches Gleichgewicht kommt, dass er wieder Achtung vor sich selbst hat.

Im Straßenbild kaum mehr sichtbar

Die alten Neuköllner sind im täglichen Straßenbild kaum mehr sichtbar. „Viele haben sich zurückgezogen. Manche leben Jahre und Jahrzehnte ohne ihre Wohnung zu verlassen“, weiß Kirchner. Die Ursache hierfür könne man in der Geschichte des Bezirks finden. In den Jahren als Neukölln noch „ein Abschiebeort für türkische Mitbürger“ gewesen sei, habe es wenig Integration, dafür viele Veränderungen im direkten Umfeld gegeben. Während sich die türkischen Migranten in Neukölln ein neues Zuhause aufgebaut hätten, wären viele Alteingesessenen von der fremden Kultur überfordert und hätten sich verunsichert zurückgezogen. Einige seien zu Ausländerfeinden geworden.

Besonders die Veränderung der Geschäftswelt habe den alten Neuköllnern zu schaffen gemacht. Die Einzelhändler auf der Karl-Marx-Straße, seinerzeit beliebte Flaniermeile und wichtigste Anlaufstelle für Dinge des täglichen Bedarfs, verschwanden nach und nach.

Mehrgenerationenfamilie als Seltenheit

Auch der gegenwärtig stattfindende Wandel verunsichert besonders die alten Bewohner. Und nicht nur das räumliche Umfeld, auch die Gesellschaft verändert sich. Die Veränderungen greifen auch in das Soziale. Dem modernen Menschen fehle immer häufiger der soziale Verband. Die Familie, der vielleicht wichtigste soziale Verband, würde heutzutage kaum mehr noch bestehen. Das liege zum einen am modernen, individualistischen Lebensstil, zum anderen aber auch an den fehlenden räumlichen Möglichkeiten. Denn wo gibt es in Neukölln schon ausreichend großen, bezahlbaren Wohnraum? Eine Mehrgenerationenfamilie gemeinsam unter einem Dach – das, was früher ganz normal war, ist heute eine Seltenheit.

„Neukölln ist sozial ziemlich instabil“ sagt Kirchner, er selbst kann sich gut vorstellen, später in das anatolische Hinterland auszuwandern. Wenn er  an das eigene Altsein denkt, beschleicht Kirchner eine Furcht, dass hier ein Leben entsteht, das er selbst so nicht leben möchte.

Die Oma zum Kaffee bitten

„Um mich herum passieren ganz viele Dinge und keiner fragt mich, wie ich das denn finde, dass hier zum Beispiel kleine Clubs entstehen“, versucht Kirchner die Probleme vieler Neuköllner Senioren in Worte zu fassen. Auch in der bisher eher ruhigen Altenbraker Straße, in der der Pflegedienst seit zwölf Jahren beheimatet ist, hat vor einigen Monaten eine Bar eröffnet. Für die alten Mieter aus dem Nachbarhaus ganz unverkennbar eine „Spelunke“.

Kirchner ist überzeugt davon, dass die sich neu ansiedelnden Gewerbetreibenden eine Menge tun können, um sich in den Kiez zu integrieren: „Sie könnten die Tür aufmachen, die älteren Leute mal reinholen. Die Oma, die mit ihrem Hund vorbeiläuft, zum Kaffee bitten.“ Solch kleine Gesten hält Kirchner für enorm wichtig. Als soziale Brücken zwischen Jung und Alt.

Helmut Kirchner ist immer auf der Suche nach motivierten Pflegekräften.

Kirchner & Team – Ambulanter Pflegedienst Berlin: www.kirchner-pflegedienst.info

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