von am 2. Juli 2017

Massenbesichtigungen, minderwertiger Wohnraum, überzogene Selbstauskünfte, unverschämte Makler und ein Wohnungsmarkt, auf dem nur der Gutverdiener überlebt. Die Geschichte einer Wohnungssuche. Oder: Wenn die schlimmsten Befürchtungen wahr werden.

Fotos: Regina Lechner/Fabian Friedmann

Der Satz, der die folgenden Monate meines Lebens maßgeblich beeinflussen sollte, kommt nüchtern und unverhofft: „Der Besitzer hat sich anders entschieden.“ Es ist wie ein Schlag in die Magengrube. Sicherheit verschwindet, Ungewissheit übernimmt. Ganz langsam wallt Panik in mir auf. „Aber sie haben doch gesagt, dass es kein Problem sei, den Mietvertrag zu übernehmen.“ Pause.

Am anderen Ende der Leitung wird ausgeatmet. Auch ihm scheint die Situation unangenehm. Er ist nur der Überbringer der Nachricht, das war  nicht seine Entscheidung. Der Vertrag wurde gekündigt. Nun sind wir angeschissen. Ich weiß es, er weiß es. Daher möchte der Mann von der Hausverwaltung das Gespräch schnell beenden. „Es tut mir leid, ich kann da nichts machen. In den nächsten Tagen erhalten sie die Unterlagen für die Wohnungsübergabe. Auf Wiederhören.“

Ich lege auf und spüre Übelkeit. Ab jetzt habe ich drei Monate, um eine Wohnung zu finden, die bezahlbar, bewohnbar und günstig gelegen ist. In Berlin. Für meine Freundin, zwei Katzen und mich. „Wir werden schon was finden“, versuche ich gute Stimmung zu verbreiten, als ich meiner Freundin beibringe, dass wir aus der Zweizimmerwohnung ausziehen müssen. Aus unserem Refugium. Sie wird sauer. Sie hatte mich gewarnt. Doch unser Hauptmieter wollte raus aus dem Mietvertrag und hatte nach Absprache mit uns gekündigt. Ich wollte den Vertrag übernehmen und hatte an das Gute geglaubt, an eine faire Hausverwaltung. Ich muss verrückt gewesen sein.

Du brauchst ein Portfolio!

Nach einer Woche der Ohnmacht schaffe ich es, mich aufzuraffen, und die ersten Annoncen zu studieren. Im Internet. Meine Suche: Zwei bis drei Zimmer, bis 1100 Euro warm, mit Keller und Balkon, am liebsten Altbau mit Dielen, in Neukölln oder Kreuzberg. Das, was alle suchen. Knapp 200 Treffer. Ich schreibe die ersten Anfragen für Besichtigungen. Nebenbei suche ich Rat bei Freunden. Hat jemand was gehört? Wird irgendwo bald etwas frei? Worauf muss ich achten?

Ich kriege Tipps, die mir nicht gefallen: Man müsse eine Mappe anfertigen. Ein Portfolio. Wie bei einer Jobbewerbung, mit Anschreiben und Foto. Und: Man müsse alle Unterlagen sofort beisammen haben. „Viel Glück“ und „das wird schon“, sagen sie zwar, aber ich spüre, wie jeder froh ist, nicht in meiner Situation zu stecken. Ich habe ein ungutes Gefühl, als ich meine Schufa beantrage, alle Gehaltsnachweise zusammensuche und meinen letzten Vermieter anschreibe, um eine Mietschuldenfreiheitsbescheinigung zu bekommen.

Die ersten Termine kommen prompt und ich bin vorsichtig optimistisch. Eine Besichtigung ist in Kreuzberg, Bergmannkiez. Zwei Zimmer, 80 Quadratmeter, ohne Balkon. 1200 warm. Eigentlich über unserem Budget, aber wegen der Lage gehen wir trotzdem hin. Mit uns warten etwa zehn Parteien vor dem Haus. Die Maklerin ist jung, nett, aber distanziert. Die Wohnung ist dunkel, nach Norden ausgerichtet und renoviert. Wir sind skeptisch, bewerben uns aber trotzdem.

Ein Raum riecht wie drei Tage Festival

Am nächsten Tag geht es weiter. Wieder Kreuzberg: Drei Zimmer, Parterre, dunkel. Leute, die im Hof ihr Fahrrad abschließen, können in die Räume schauen. Der Handwerker ist noch da. Während die Besichtigung läuft, stoppt er das Fliesenlegen und geht eine rauchen. Ein Raum ist feucht. Es riecht wie ein Zelt nach drei Tagen Festival. Eine Gruppe Zwanzigjähriger ist interessiert. Sie wollen eine WG gründen. Sie fragen, wie es mit den Bürgschaften läuft. Die Wohnung kostet 820 Euro/warm. Ich nehme meine Unterlagen wieder mit.

Die folgenden Wochen bis Ende Februar ziehen schnell an uns vorüber. Ich muss arbeiten, meine Freundin hat Prüfungsphase an der Uni. Die Zeit, die wir übrig haben, widmen wir der Suche. Die Wochenenden sind mit Besichtigungsterminen verplant. Wir haben ein neues Hobby, das uns komplett vereinnahmt. Auf manchen Besichtigungen treffen wir altbekannte Gesichter. Ich schlafe schlecht.

Die Absage für die Wohnung im Bergmannkiez kommt telefonisch. Man habe sich anders entschieden. Wir haben zu wenig Einkommen. Der Makler sagt, man müsse immer das Dreifache der Nettowarmmiete verdienen, um in die Auswahl zu kommen. Meine Freundin bekommt BAföG, ich verdiene nicht schlecht, aber dennoch sind wir weit weg von den 3600 Euro/Netto, die offenbar für solch eine Zweizimmerwohnung in Kreuzberg vorausgesetzt werden.

Meldebögen auf dem Fußboden ausgefüllt

Aus der ersten Verzweiflung heraus erweitern wir unsere Suche nach Treptow, Schöneberg und Friedrichshain. In F’hain ist es besonders schlimm. Zu einer offenen Besichtigung einer bezahlbaren Zweizimmerwohnung in der Krossener Straße kommen über 50 Leute. Das Dach des Hauses wird gerade neu gemacht. Ein Baugerüst versperrt den Blick aus den Fenstern. In den Zimmern stehen alte Öfen. Den Meldebogen füllen viele auf dem Fußboden aus. Fast alle bewerben sich.

Am folgenden Wochenende: Sonnenallee. Dreizimmerwohnung für 1000 Euro. Vor der Tür warten 50 Leute. Viele Pärchen. Im Treppenhaus bildet sich eine Schlange. Die Maklerin ist überfordert. Sie fragt, ob alle eine Bestätigungs-E-Mail des Termins erhalten hätten. Einige schütteln den Kopf. „Dann dürften Sie nicht hier sein“, sagt sie. Doch die Maklerin hatte Adresse und Zeit in der Annonce angegeben. Das war ein Fehler. Auf dem Balkon ist eine Pfütze. Unachtsam laufen viele hinein und verteilen den Dreck in der Wohnung. Die renovierten Dielen werden eingesaut. Am Ende hat die Maklerin 20 Bewerbungsmappen auf dem Arm. Wir schicken unsere Bewerbung per Mail.

Von den ersten 15 Bewerbungen, die wir abschicken, kriegen wir drei Absagen, der Rest meldet sich nicht. Erst auf Nachfrage gibt man uns zu verstehen, dass es nicht gereicht habe. Man solle bitte verstehen, dass bei einem so hohen Bewerberaufkommen, es unmöglich sei, jedem abzusagen. Wir diskutieren, streiten. Mittlerweile sind sechs Wochen vergangen. Ich werde nervös.

Wenn der Makler Kalt- und Warmmiete verwechselt

Tags darauf klingelt mein Telefon. „Wir würden Ihnen gerne einen Mietvertrag anbieten“, sagt eine Stimme und ich frage naiv: „Welche?“ Bei den vielen Bewerbungen habe ich mittlerweile den Überblick verloren. Es geht um eine Zweizimmerwohnung in der Harzer Straße: 60 Quadratmeter, dunkel, im ersten Stock über einer Bushaltestelle, kleines Bad, Altbau, Dielen, Einbauküche und Keller für 930 Euro/warm. Wir diskutieren und entscheiden uns dagegen, weil wir denken, für den Preis etwas besseres zu bekommen. Und da wäre die Option F’hain.

Ein Makler hatte uns kurzfristig eine Wohnung nahe der Modersohnbrücke gezeigt. Ich hatte seine Karte bei einer Besichtigung bekommen und ihn immer wieder angerufen, bis er etwas für uns hatte: Drei Zimmer, Balkon, Keller, Dielen für 1150 Euro/warm. Eine Woche später finde ich eine E-Mail in meinem Postfach. Es ist der Makler. Es tue ihm sehr leid, aber er habe da Kalt- und Warmmiete verwechselt. Die Eigentümerin habe ihn darauf hingewiesen, dass diese renovierte 74-Quadratmeterwohnung 1400 Euro warm koste. 1400 Euro! Ich sage ab. Milieuschutz und Mietpreisbremse kommen mir erst gar nicht in den Sinn. Wir brauchen eine Wohnung.

Eine Massenbesichtigung in der Friedelstraße im März 2017.

Wenn über 100 Leute zur Massenbesichtigung kommen

Ich suche weiter: Immoscout, Immowelt, Immonet. Ich kenne sie alle. Bei mancher Selbstauskunft soll ich bestätigen, dass ich eine gültige Hausrat- und Haftpflichtversicherung habe, andere wollen für einen Besichtigungstermin bereits die Schufa-Auskunft. Ich lege mir Profile an, verbringe drei bis vier Stunden täglich mit der Suche, auch auf der Arbeit. In unserer Verzweiflung gehen wir auch wieder auf Massenbesichtigung. Die schlimmste passiert uns im Reuterkiez.

An einem Samstagmorgen stehen wir mit über 100 Leuten vor einer Zweizimmerwohnung in der Friedelstraße. Passanten laufen vorbei und fragen uns, was hier los sei. Eine Party? Eine Ateliereröffnung? Eine Demo? Viele schütteln ungläubig den Kopf, als sie von der Wohnungsbesichtigung erfahren. Ein Mann Mitte 40 mit kleinem, grauen Kinnbärtchen sagt: „Vor zehn Jahren musste ich mich vor meinen Freunden rechtfertigen, dass ich nach Neukölln ziehe. Und jetzt? Verrückt.“ Wahrhaftig. Eine der beiden Maklerinnen meldet sich vom Balkon aus und spricht zu uns wie eine Amtsträgerin zu ihrem Volk. Bald würde es losgehen. Man solle bitte geordnet nach oben kommen.

Wir warten eine halbe Stunde, bis die ersten 50 Leute durch sind. Dann besichtigen wir die Wohnung. Sie hat 50 Quaratmeter, ist renovierungsbedürftig und kostet knapp über 600 Euro/warm – wohl der Hauptgrund, weshalb sich so viele herbemüht haben. Sie ist günstig. In der Küche prangt im Linoleum-Boden ein Loch, das notdürftig mit Holzplatte und Gaffer zugeflickt wurde, die Tapeten sind verstaubt. Die beiden Maklerinnen werden umringt, geben Auskunft und nehmen zahlreiche Bewerbungsmappen an sich. Wir gehen.

„Wie viel sind Sie bereit, zu bezahlen?“

Auf dem Nachhauseweg bekomme ich einen Anruf. Eine Frau fragt mich, ob ich Zeit für eine Besichtigung habe. Die Wohnung ist in der Nähe des Weigandufers in Neukölln. Es ist ein Einzeltermin. Einzeltermin? Ich kann es kaum fassen. Die Maklerin sagt: „Wir wollen die zukünftigen Mieter schließlich kennenlernen.“ Fast muss ich laut lachen. Das einzige, was Makler und Hausverwaltungen bisher von uns kennenlernen wollten, waren unsere Gehaltsabrechnungen. Bislang gestaltete sich die Suche wie eine Mischung aus Jobbewerbung und Auskunft ans Finanzamt. Der Mensch zählte nichts.

Am Nachmittag telefoniere ich Bewerbungen hinterher. Zu Beginn kassiere ich die üblichen Absagen. Dann rufe ich eine Hausverwaltung an, die sich zuletzt in Neukölln groß eingekauft hat, vor allem nördlich der Sonnenallee. Sie hat keinen guten Ruf und ist bekannt dafür, Kautionen nicht zurückzuzahlen und überhöhte Betriebskostenabrechnungen zu verlangen. In meiner Verzweiflung will ich zumindest mal hören, ob wir Chancen auf ihre Wohnung haben. Sie war immerhin renoviert.

Zunächst ist die junge Frau am Telefon freundlich und geht meine Bewerbung mit mir durch. Sie sagt, dass es sehr viele Bewerber für die Zweizimmerwohnung in der Finowstraße gebe. Ich würde zwar genug verdienen, aber der Besitzer wolle gerade sondieren, ob er nicht mehr Miete erzielen könne. „Könnten Sie denn auch mehr bezahlen als die Angebotsmiete?“ Bitte was? Ich spiele mit und sage, dass ich 50 Euro hoch gehen würde. Dann sagt sie, es sei eine Staffelmiete. Acht Prozent auf zehn Jahre! Ob das okay sei. Ich sage verhalten „Ja“ und bin bestürzt. Davon stand nichts in der Annonce. Und: Das hier ist illegal. Sie würde mit dem Eigentümer reden und mich wieder anrufen.

Wer als erster kommt, der schließt ab!

Eine halbe Stunde später ruft sie zurück: „Sie können morgen den Mietvertrag unterschreiben.“ Allerdings habe sie auch zwei weiteren Personen die Wohnung angeboten. Wer als erster kommt, der kriegt dann die Wohnung, sagt sie. Es soll so laufen: Man bekommt morgens einen Anruf, dann müsse man den Termin bestätigen. Wer als erster vor Ort bei der Firma erscheint und die Kaution hinterlegen kann, der kriegt die Wohnung – quasi ein Wettlauf. Sie will größtmöglichen Druck ausüben.

Ich heuchle Interesse, sage, dass ich interessiert sei. Nachdem ich mit ihr einen Telefontermin für den nächsten Tag ausgemacht habe, recherchiere ich über die Firma und finde einen TV-Beitrag des RTL-Nachtjournals. Titel: „Die Graus-Verwaltung“. Am Abend erzähle ich alles meiner Freundin. Sie ist entsetzt. Am nächsten Morgen nimmt sie den Anruf entgegen. Das Gespräch mündet in einer Schimpftirade. „Wir werden auf keinen Fall einen Mietvertrag mit Ihnen abschließen. Sie sind das Allerletzte“, schreit sie in den Hörer. Ich empfinde Schadenfreude. Offenbar hatte die „Graus-Verwaltung“ gedacht, dass wir abschließen würden. Jetzt sind sie angepisst.

Die Euphorie über diesen kleinen Sieg ist bald verflogen. Die Uhr tickt. Knapp drei Wochen bleiben uns noch. Ich ziehe einen Plan B in Betracht: Zwischenmiete. Nur, was wird dann aus den Katzen? Wo stellen wir unsere Möbel unter? Seit ein paar Tagen spüre ich einen seltsamen Druck auf der Brust. Kleine Stiche an der Stelle, wo mein Herz sitzen müsste. Die Suche bereitet mir körperliche Schmerzen. Ich kann an nichts anderes mehr denken. Beim Aufstehen, beim Zubettgehen. Sie hat mein Leben vereinnahmt. Meine Freunde habe ich seit Wochen nicht mehr gesehen.

Hatte der Berliner Wohnungsgott ein Einsehen?

Warum wir am Ende doch noch eine bezahlbare Wohnung finden, kann ich abschließend nicht mehr genau sagen. Vielleicht wurden wir für unsere Beharrlichkeit belohnt, oder wir waren einfach dran, zur richtigen Zeit am richtigen Ort, oder der Berliner Wohnungsgott, so fern es einen gibt, hatte ein Einsehen mit uns. Der Einzeltermin am Weigandufer läuft gut. Die Wohnung ist frisch renoviert, bezahlbar und die Maklerin ist nett. Wir verstehen uns auf Anhieb. Es passt alles. Es war die 29. Besichtigung. Und sie ist erfolgreich. Vor Erschöfpung kann ich mich kaum noch freuen.

Eine Woche später sitzen wir im Büro der Maklerin. Zuvor habe ich meiner Freundin gesagt, dass ich so etwas nie mehr erleben möchte, eher ziehe ich aufs Land oder ich wandere aus. Wir werden diese Wohnung, diesen Mietvertrag halten, komme, was wolle. Dann unterschreiben wir. Am Abend sitze ich alleine auf dem Sofa, das bald mit uns umziehen wird. Meine Freundin ist bereits eingeschlafen. Der Druck fällt langsam ab. Ich weine ein bisschen.

Diese Geschichte basiert auf wahren Tatsachen. Der Autor hat sie zwischen Januar und April 2017 genauso erlebt. Makler und Hausverwaltungen wurden bewusst nicht mit Namen genannt, um rechtlichen Schritten vorzubeugen. Einige Leser werden trotzdem wissen, von wem hier die Rede ist. Tipp an alle Wohnungssuchenden: Informiert Euch vorab, mit wem Ihr da einen Mietvertrag abschließt. Und: Viel Glück!

 

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