von am 10. Juli 2013

Foto: Eva Karcher

Die Tür um die es hier geht, befindet sich im  sehr ruhigen Herrnhuter Weg, eine Minute vom unruhigen Dasein der Karl-Marx-Straße und des gleichnamigen U-Bahnhofs entfernt. Es ist die Eingangstür des Zeitungs-Kiosks von Herrn Budzinski. Und sie ist kaputt, mal wieder.

Herr Budzinski ist 63 Jahre alt. Jeden Tag steht er in seinem Kiosk in Rixdorf, nur sonntags nicht, da hat er frei. Seit sieben Jahren ist er Inhaber dieses Geschäftes, das unweit seiner Wohnung liegt. In seinem Kiosk verkauft er Zeitungen und Magazine, Zigaretten, Lottoscheine, BVG-Tickets, Getränke und was es in einem Kiosk sonst so gibt. Er hat viele Stammkunden, mit denen er gern ins Gespräch kommt.

Eine seiner Stammkundinnen und Leserin des Neukoellner legte die Spur zur besagten Tür. Für sie gehört der Laden von Herrn Budzinski schon lange zum Alltag, sie kauft dort ihre Tageszeitung. In gemeinsamen Gesprächen sei ihr der Besitzer ans Herz gewachsen, erzählt sie. Deshalb berichtete die Leserin neukoellner.net  vergangene Woche von einem Überfall des Ladenlokals, bei dem die Tür nicht zum ersten Mal zu Bruch ging. Sie würde Herrn Budzinski gerne helfen, irgendwie.

Die Überfälle auf den Kiosk seien bereits seit längerem ein großes Problem, berichtet Herr Budzinski, sie passieren ungefähr zweimal pro Jahr, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Sechs Uhr früh, zwölf Uhr mittags oder Viertel vor zwei in der Nacht, die Einbrecher scheinen sich nicht in der Dunkelheit der Nacht verstecken zu müssen. Bald konnte Herr Budzinski die Versicherungsbeiträge nicht mehr bezahlen, die mit jedem Anschlag teurer wurden. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als die Schäden aus eigener Tasche zu bezahlen, sagt er uns.

Herr Budzinski wohnt bereits seit 30 Jahren in Neukölln, immer im gleichen Kiez, nahe der Karl-Marx-Straße. Die Mischung aus harter Betonung und latentem Berliner Dialekt offenbart seinen Lebenslauf zwischen Berlin und dem osteuropäischen Posen, seiner Heimatstadt.

„Es sind immer die gleichen Idioten“

Auf die Frage, was er an Neukölln mag, antwortet er, dass seine Familie vor Ort ist. Und wenn er etwas ändern könnte, um den Alltag in Neukölln ruhiger und sicherer zu gestalten, würde er mehr Polizisten auf die Straßen schicken: „Tag für Tag, 24 Stunden, tausend Polizisten.“ Denn auch von anderen Kioskbesitzern hört er, dass sie von Überfällen betroffen sind. „Die Kioske in der Richardstraße würden alle zwei Wochen komplett ausgeräumt“, erzählt er. Auch Lokale in der Fuldastraße, den Neukölln Arkaden sowie in der Herrmannstraße seien immer wieder Ziele von Dieben.

Herr Budzinski glaubt, es handelt sich um Serientäter: „Also ich weiß nicht, ob das nur Langeweile war. Aber es war auf jeden Fall vorbereitet. Es sind immer die gleichen Idioten! Ich hoffe, dass es jetzt das letzte Mal war.“

Umziehen in eine andere Gegend, die mehr Sicherheit verspricht, möchte er nicht: „Das ist doch überall gleich. Aber schade, dass die Nachbarn hier taub sind und nichts hören. Das muss doch ein Knall gewesen sein als die Scheibe zerstört wurde.“ Die Polizei habe sich auch gewundert, warum niemand etwas wahrgenommen hat. Die fehlende Unterstützung von Anwohnern ärgert Herrn Budzinski: „Ein Anruf bei der Polizei reicht doch! Aber naja, die wollen nicht. Die sagen, ich sehe nichts, ich höre nichts, ich sage nichts.“

Herr Budzinski sehnt sich nach Ruhe und etwas Sicherheit, für sein Geschäft und die Menschen, die hier leben: „Viele alte Leute haben hier einfach Angst. Zwei Häuser weiter wohnt eine 75-jährige Frau. Sie wurde an einem Sonntag tagsüber überfallen. Sie weiß nicht, wie viele es waren und wer sie angegriffen hat. Die Täter haben die Frau geschubst und ihr 45,-€ geklaut. Danach war sie drei Monate im Krankenhaus. Bis heute kann sie nicht richtig laufen, sie hat gebrochene Knochen und sie hat Angst.“

Herr Budzinski wiederholt das Gesagte: „Viele Leute – vor allem alte Leute – haben Angst.“ Und nach einer Pause sagt er: „Ich auch. Das ist Stress pur.“

 

4 Kommentare:

  • Snokie sagt:

    Jeder weiss doch, wer dahinter steckt: der Nachwuchs der bekannten Banden, die selbst mittlerweile die meisten Späties kontrollieren ! Die kommen bald und werden versuchen, den Laden billig zu kaufen…

    (…) Sucht Euch einen Laden des Vertrauens, werdet regelmäßige Kunden und unterstüzt Eure Kietze.

    [gekürzt. Bitte vermeiden sie unsachliche Verallgemeinerungen. Die Redaktion]

  • otto sagt:

    Einbruch, Überfall oder beides? Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob man Opfer eines Diebstahls (Verlust des Besitzes) oder eines Raubes (zusätzlich Gefahr fürs eigene Leben) wird. Es erscheint wenig glaubwürdig, dass bei einem Überfall die Tür beschädigt wird und der Kioskbesitzer sich nur über den materiellen Schaden, nicht aber über die Bedrohung für sein Leib und Leben äußert. Versuchen Sie, das noch mal zu präzisieren.

  • Whelmut sagt:

    @ die Erwiderung von @otto – sehr sachlich scheinbar hilfreich, aber typisch deutsch. Sich auf nichts einlassen, drüberstehend nüchtern rationalisieren und auch keine Vorschläge liefern, wie man jetzt zur Hilfe ansetzen könnte. Ich nehme an, dass @otto wenn der Ladenbesitzer wirklich verletzt wird oder wegen Pleite schliessen muss, ganz radikal in den Urlaub fährt, das Leben geniesst, und wenn er sich unwohl fühlt, dann Yoga zur Entspannung macht. Solche sachlichbleibende Menschen brauchen wir, zur Deeskalation, damit den Tätern dann gut geholfen werden kann, würde man sie denn erwischen.

    Jeder Deutsche zusammenhalt gilt als Rassismus. Falls denn unsere Leute mit Migrationshintergrund irgendwelche Macken haben sollten, gilt das als netter folkloristischer Brauch, der unser Verständnis verdient.

    Armes Deutschland.

  • […] sich in ihrer Klinik in der Richardstraße den altersbedingten Beschwerden von Puppen an. “Einbrüche sind Alltag” (10.7.): Der Kiosk von Herrn Budzinski wird regelmäßig überfallen. Dass die Nachbarn […]

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