von am 18. Februar 2017

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Das Bading ist die Neuköllner Institution, wenn es um Musik geht. Bedeutende Künstler, Opernsänger und Dirigenten gaben sich in der Bergstraße, der späteren Karl-Marx-Straße, in den Zwanziger und Dreißiger Jahren ein Stelldichein. In diesem Jahr feiert das Musikhaus sein 95-jähriges Bestehen. Wir gratulieren und blicken zurück auf eine bewegende Geschichte.

Von Anke Schnabel, Fotos: Constanze Vielgosz/Familie Bading/Museum Neukölln

Karl-Marx-Straße. Ein Schaufenster. Ein Junge und seine Eltern bleiben stehen. Der Blick des Jungen bleibt hängen: Zwischen Musikinstrumenten und unauffälligen Schallplattencovern liegen Jimi Hendrix’ „Axis: Bold as Love“ – bunt und psychedelisch – und Aynsley Dunbar „Retailation’s To Mum“. Von Ansley and the Boys“ – mit einem Foto der Band, die wie eine Gangsterbande in Leopardenhosen und Sakkos vor einem alten englischen Bahnhof steht. Im folgenden halben Jahr spart sich der Junge sein Taschengeld ab und kauft beide Schallplatten.

Diese Anekdote steht exemplarisch für die Erinnerungen von Neuköllnerinnen und Neuköllnern, die im Rahmen des Ausstellungsprojekts „Mythos Vinyl. Die Ära der Schallplatte“ für den Geschichtsspeicher des Museums Neukölln interviewt wurden. Sie reicht zurück in die Zeit um 1970, als Musik-Bading in der Karl-Marx-Straße 186 eine Institution und die Anlaufstelle für musikinteressierte Neuköllner war. Die beiden Schallplatten waren Neuerscheinungen, die sich vom übrigen Repertoire abhoben und eine jüngere Generation ansprachen.

Tauber, Furtwängler, Puccini

Musik-Bading hat eine lange Tradition. Steigt man die Treppe hinab zu den einstigen „Vorführräumen“, lässt sich der Glanz aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg erahnen. Signierte Porträts von Künstlern und Stars zieren den Gang und geben Auskunft über die zahlreichen Verbindungen und das Umfeld des Firmengründers Erich Otto Bading (1891–1952): Darunter finden sich die Namen der bedeutendsten Opernsänger, Dirigenten und Komponisten der Zeit: Richard Tauber, Frida Leider, Christel Goltz, Peter Anders, Leo Blech, Wilhelm Furtwängler und Giacomo Puccini. Mehrere kleine Räume waren als „Vorspielräume“ ausgestattet. Die Kunden konnten es sich auf einer Couch bequem machen, die Wände waren mit Samt verkleidet, Seidenvorhänge schmückten die Fenster. Verkäufer brachten die zerbrechlichen Schellackplatten und ließen die Gäste aus dem breiten Repertoire der Deutschen Grammophon Gesellschaft testhören.

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Treppe zu den ehemaligen Vorführräumen in der Musikalienhandlung Bading, 24. Februar 2014; Foto: Constanze Vielgosz

Am 1. April 1919 öffnet die Musikalienhandlung Musik-Bading erstmals ihre Türen. Der schlichte Name ist insofern Programm, als das Geschäft alles bietet, was man zum Musikhören und zum Musikmachen benötigt: Das Sortiment umfasst Notenblätter vom Schlager bis zum Opernauszug, Instrumente wie Blockflöten, Trompeten, Violinen, Klaviere und Konzertflügel ebenso wie Grammophonschränke und Schellackplatten. Es gibt außerdem Biografien und dekorative Büsten von berühmten Komponisten wie Beethoven, Bach und Mozart. An einer Theater- und Konzertkasse sind Eintrittskarten für Live-Veranstaltungen zu erwerben.

Als Erich Bading sein wohl sortiertes Geschäft in der damaligen Bergstraße 43 eröffnet, ist der Name Bading in Neukölln kein Unbekannter. Die Familie ist eine der ältesten und wohlhabendsten Rixdorfer Bürgerfamilien. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts holt Friedrich Wilhelm I. den Windmüller Joachim Friedrich Bading (1724–1803) aus dem Brandenburgischen nach Rixdorf, damit er für die protestantischen Flüchtlinge aus Böhmen Getreide mahlt. In der Folgezeit sind die Badings Windmüller, Schmiedemeister und Landwirte und ihnen gehören Ackerflächen. Der Bauboom der Gründerzeit macht die weit verzweigte Familie schließlich zu Grund- und Hausbesitzern.

Ein Bading brilliert bei den Philharmonikern

Als in den 1870er- und 1880er-Jahren im prosperierenden Rixdorf eine Kleinstadtkultur entsteht, sind Veranstaltungsorte in der Bergstraße Treffpunkte der bürgerlichen Oberschicht. Zu dieser Zeit betritt der erste Musensohn der Badings die Bühne: August Bading (1837 bis ca.1885) spielt 1881 auf einem „Wohltätigkeits-Concert“ in Niesigk’s Salon (dem heutigen Saalbau Neukölln) die Klarinette, mit ihm vier königliche Kammermusiker und am Klavier sein Sohn Paul. August Bading besitzt eine Klavierhandlung und unterhält eine private Musikschule, das „Conservatorium der Musik“, im zweiten Stock der sich im Familienbesitz befindlichen Bergstraße 34. Bereits sieben Jahre später ist sein Sohn ein gefeierter Musiker. Paul Bading (1864–1904) wird Erster Klarinettist bei den Berliner Philharmonikern. Neben ihm machen zwei weitere Badings eine bemerkenswerte Karriere als Klarinettisten: Pauls Cousin Heinrich Bading (1864–1943) und dessen Sohn Walther Bading (1899 bis ca.1970) spielen am renommierten Leipziger Gewandhaus.

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Das Stammhaus der Familie Bading in der Bergstraße 43, heute Karl-Marx-Straße 186. Die Musikalienhandlung gehört zu den bestsortierten Fachgeschäften Berlins, o. J.; Foto: Museum Neukölln

Musik ist auch Erich Badings Leidenschaft. Während seine Onkel als Orchestermusiker brillieren, macht er eine Gesangsausbildung mit dem Ziel, Opernsänger zu werden. Er stellt jedoch fest, dass seine Stimme nicht gut genug ist für die große Kunst. Mittelmaß möchte er nicht sein. Bevor er als 23-Jähriger in den Ersten Weltkrieg zieht, verspricht ihm sein Vater, einen Wunsch zu erfüllen, wenn er wieder lebend zurückkehren sollte. Sein Vater, der Schankwirt Hermann Albert Bading (1866–1936), ist Eigentümer des Wohnhauses in der Bergstraße 43 und führt eine Kneipe im Erdgeschoss. Als Erich aus dem Krieg heimkehrt, eröffnet er im Ladengeschäft seiner Eltern Musik-Bading.

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Erich Bading bei seiner Hochzeit mit Hildegard Schiebeck, 1924, Foto: Privatbesitz Familie Bading

Eine der ersten Angestellten im Geschäft ist Hildegard Schiebeck, sie absolviert eine Ausbildung als Musikalienhändlerin. Voraussetzung für ihre Anstellung ist, dass sie Klavier spielen kann. Weil die Kunden wissen wollen, wie die Noten klingen, die sie kaufen, spielt Hildegard Schiebeck sie ihnen vor. Über sechzig Jahre später erinnert sie sich, dass sie Erich Bading schon als junges Mädchen auf der Straße sah: „Da fand ich ihn so schön. Ich wusste aber nicht, wer er ist. Nicht, dass ich gedacht habe, dass er mal mein Mann werden wird!“ 1924 heiraten die beiden geborenen Rixdorfer Hildegard Schiebeck und Erich Bading. Sie bekommen drei Töchter und einen Sohn.

Die Hochkultur kommt nach Neukölln

Erich Bading versteht es nicht nur, sein Geschäft zu der Institution für Musikwaren in Neukölln zu machen, sondern ist musikbegeistert und umtriebig genug, um zuvor nie dagewesene Hochkultur nach Neukölln zu bringen. Als Veranstalter organisiert er Anfang der zwanziger Jahre Konzerte und Opernaufführungen in der Neuen Welt in der Hasenheide. Ein 1902 neu entstandener Saalbau, der als Ort für Theateraufführungen und politische Versammlungen genutzt wird, verfügt über 3000 Plätze. Erich Bading gewinnt mit Leo Blech von der Staatsoper und Arthur Nikisch von den Berliner Philharmonikern die führenden Dirigenten der Zeit. Auf dem Programm der Abonnementskonzerte stehen Wagner, Beethoven und Weber, aber auch moderne Komponisten wie Richard Strauss und Max Schilling, dargeboten vom Blüthner-Orchester und den Berliner Philharmonikern. Die Konzerte sind beliebt und in der Regel ausverkauft.

Die politische Haltung von Erich Bading während der NS-Zeit beschreibt eine Anekdote, die seine Ehefrau 1984 in einem Interview erzählt: Eingeladen bei Freunden zu einer Geburtstagsfeier, sitzen sie zu Tisch, an der Wand hängt ein Porträt von Adolf Hitler. „Wenn ich das sehe, schmeckt mir das Essen nicht“, äußert Erich Bading bestimmt. Der Gastgeber steht auf und kündigt an, den Vorfall zu melden. In der Folgezeit ängstigt Hildegard die Vorstellung, dass ihr Mann eines Tages abgeholt werden könnte. Für die Wehrmacht ist Erich Bading nicht einsatzfähig, weil er im Ersten Weltkrieg verwundet wurde. Für das Geschäft kauft er alte Instrumente, Schallplatten und Noten auf oder macht Tauschgeschäfte. Ein gepachtetes Grundstück im Grünen versorgt die Familie in den vierziger Jahren mit Obst und Gemüse. Nach Kriegsende befiehlt die sowjetische Besatzungsmacht, das Geschäft bis in die Abendstunden offen zu halten, um die Kultur zu fördern.

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Trauerzug für Erich Bading auf der Karl-Marx-Straße, 1952, Foto: Privatbesitz Familie Bading

1952 stirbt Erich Bading im Alter von 61 Jahren. Der Trauerzug besteht aus Tausenden Neuköllnerinnen und Neuköllnern, die ihm die letzte Ehre erweisen. Mit seinem leidenschaftlichen Engagement für die Musik, mit der er das Musikleben in Neukölln mitgestaltete, hat er den Ruf von Musik-Bading weit über den Bezirk hinaus geprägt. Nach seinem Tod übernimmt seine Ehefrau Hildegard Bading, später ihre Kinder die Geschäftsführung. Anfangs hält die Familie die musikalischen Zusammenkünfte weiterhin aufrecht. Der einstige Glanz von Musik-Bading geht mit dem Tod des Firmengründers jedoch verloren.

Nur der Mauerfall bringt kurzfristigen Aufschwung

In den fünfziger und sechziger Jahren wird das Geschäft erweitert. Es entsteht eine Fernsehabteilung, eine dazugehörige Reparaturwerkstatt befindet sich im Keller, ein Orgelstudio mit Orgelschule ist im dritten Stock des Wohnhauses untergebracht. Mit dem veränderten Angebot werden alte Leuchtschriften durch neue ersetzt. Im Geschäft arbeiten weiterhin um die 25 Mitarbeiter. In den achtziger Jahren geht der Verkauf infolge des Aufkommens von Handelsketten wie WOM und Media Markt zurück. Sortiment und Geschäft von Musik-Bading verkleinern sich. Allein der Mauerfall bringt kurzfristig neue, kauffreudige Kundschaft.

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Blick in den Schallplatten-Raum von Musik-Bading, 24. Februar 2014; Foto: Constanze Vielgosz

Heute führt die 90-jährige Tochter des Firmengründers Brünhilde Schibille das Geschäft, unterstützt von ihrer Schwägerin Liane Bading und Herrn Götz, der mit seinen knapp fünfzig Arbeitsjahren im Laden schon fast zur Familie gehört. Wenn man heute Musik-Bading einen Besuch abstattet, plaudert man gern über alte Zeiten, bekommt Schokolade und Selters angeboten und es schauen hin und wieder Menschen herein, die sich mit dem Laden verbunden fühlen. Musik-Bading ist eines der letzten traditionsreichen Einzelhandelsgeschäfte in Berlin überhaupt. Dieses Jahr feiert das Familienunternehmen sein 95-jähriges Bestehen – und auch wir gratulieren!

Archivmaterial ©Museum Neukölln – In Zusammenarbeit mit dem Geschichtsspeicher des

Anke Schnabel ist freie Autorin und Kuratorin.

 
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