von am 3. Januar 2018

Schnabel_03_nk In der Silvesternacht ist das Musikhaus Bading in der Karl-Marx-Straße Opfer von Brandstiftung geworden. Mutmaßlich hatte eine Horde Randalierer die Fenster eingeschlagen und mit Hilfe von Pyrotechnik den Brand gelegt. Wir wollen daran erinnern, was die manische Pyromanie in dieser Nacht zerstört hat. Bedeutende Künstler, Opernsänger und Dirigenten gaben sich im Bading in den Zwanziger und Dreißiger Jahren ein Stelldichein und machten es zu einer Neuköllner Institution. 2018 liegt es in Schutt und Asche.

Von Anke Schnabel, Fotos: Constanze Vielgosz/Familie Bading/Museum Neukölln

Karl-Marx-Straße. Ein Schaufenster. Ein Junge und seine Eltern bleiben stehen. Der Blick des Jungen bleibt hängen: Zwischen Musikinstrumenten und unauffälligen Schallplattencovern liegen Jimi Hendrix’ „Axis: Bold as Love“ – bunt und psychedelisch – und Aynsley Dunbar „Retailation’s To Mum“. Von Ansley and the Boys“ – mit einem Foto der Band, die wie eine Gangsterbande in Leopardenhosen und Sakkos vor einem alten englischen Bahnhof steht. Im folgenden halben Jahr spart sich der Junge sein Taschengeld ab und kauft beide Schallplatten.

Diese Anekdote steht exemplarisch für die Erinnerungen von Neuköllnerinnen und Neuköllnern, die im Rahmen des Ausstellungsprojekts „Mythos Vinyl. Die Ära der Schallplatte“ für den Geschichtsspeicher des Museums Neukölln interviewt wurden. Sie reicht zurück in die Zeit um 1970, als Musik-Bading in der Karl-Marx-Straße 186 eine Institution und die Anlaufstelle für musikinteressierte Neuköllner war. Die beiden Schallplatten waren Neuerscheinungen, die sich vom übrigen Repertoire abhoben und eine jüngere Generation ansprachen.

Tauber, Furtwängler, Puccini

Musik-Bading hat eine lange Tradition. Steigt man die Treppe hinab zu den einstigen „Vorführräumen“, lässt sich der Glanz aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg erahnen. Signierte Porträts von Künstlern und Stars zieren den Gang und geben Auskunft über die zahlreichen Verbindungen und das Umfeld des Firmengründers Erich Otto Bading (1891–1952): Darunter finden sich die Namen der bedeutendsten Opernsänger, Dirigenten und Komponisten der Zeit: Richard Tauber, Frida Leider, Christel Goltz, Peter Anders, Leo Blech, Wilhelm Furtwängler und Giacomo Puccini. Mehrere kleine Räume waren als „Vorspielräume“ ausgestattet. Die Kunden konnten es sich auf einer Couch bequem machen, die Wände waren mit Samt verkleidet, Seidenvorhänge schmückten die Fenster. Verkäufer brachten die zerbrechlichen Schellackplatten und ließen die Gäste aus dem breiten Repertoire der Deutschen Grammophon Gesellschaft testhören.

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Treppe zu den ehemaligen Vorführräumen in der Musikalienhandlung Bading, 24. Februar 2014; Foto: Constanze Vielgosz

Am 1. April 1919 öffnet die Musikalienhandlung Musik-Bading erstmals ihre Türen. Der schlichte Name ist insofern Programm, als das Geschäft alles bietet, was man zum Musikhören und zum Musikmachen benötigt: Das Sortiment umfasst Notenblätter vom Schlager bis zum Opernauszug, Instrumente wie Blockflöten, Trompeten, Violinen, Klaviere und Konzertflügel ebenso wie Grammophonschränke und Schellackplatten. Es gibt außerdem Biografien und dekorative Büsten von berühmten Komponisten wie Beethoven, Bach und Mozart. An einer Theater- und Konzertkasse sind Eintrittskarten für Live-Veranstaltungen zu erwerben.

Als Erich Bading sein wohl sortiertes Geschäft in der damaligen Bergstraße 43 eröffnet, ist der Name Bading in Neukölln kein Unbekannter. Die Familie ist eine der ältesten und wohlhabendsten Rixdorfer Bürgerfamilien. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts holt Friedrich Wilhelm I. den Windmüller Joachim Friedrich Bading (1724–1803) aus dem Brandenburgischen nach Rixdorf, damit er für die protestantischen Flüchtlinge aus Böhmen Getreide mahlt. In der Folgezeit sind die Badings Windmüller, Schmiedemeister und Landwirte und ihnen gehören Ackerflächen. Der Bauboom der Gründerzeit macht die weit verzweigte Familie schließlich zu Grund- und Hausbesitzern.

Ein Bading brilliert bei den Philharmonikern

Als in den 1870er- und 1880er-Jahren im prosperierenden Rixdorf eine Kleinstadtkultur entsteht, sind Veranstaltungsorte in der Bergstraße Treffpunkte der bürgerlichen Oberschicht. Zu dieser Zeit betritt der erste Musensohn der Badings die Bühne: August Bading (1837 bis ca.1885) spielt 1881 auf einem „Wohltätigkeits-Concert“ in Niesigk’s Salon (dem heutigen Saalbau Neukölln) die Klarinette, mit ihm vier königliche Kammermusiker und am Klavier sein Sohn Paul. August Bading besitzt eine Klavierhandlung und unterhält eine private Musikschule, das „Conservatorium der Musik“, im zweiten Stock der sich im Familienbesitz befindlichen Bergstraße 34. Bereits sieben Jahre später ist sein Sohn ein gefeierter Musiker. Paul Bading (1864–1904) wird Erster Klarinettist bei den Berliner Philharmonikern. Neben ihm machen zwei weitere Badings eine bemerkenswerte Karriere als Klarinettisten: Pauls Cousin Heinrich Bading (1864–1943) und dessen Sohn Walther Bading (1899 bis ca.1970) spielen am renommierten Leipziger Gewandhaus.

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Das Stammhaus der Familie Bading in der Bergstraße 43, heute Karl-Marx-Straße 186. Die Musikalienhandlung gehört zu den bestsortierten Fachgeschäften Berlins, o. J.; Foto: Museum Neukölln

Musik ist auch Erich Badings Leidenschaft. Während seine Onkel als Orchestermusiker brillieren, macht er eine Gesangsausbildung mit dem Ziel, Opernsänger zu werden. Er stellt jedoch fest, dass seine Stimme nicht gut genug ist für die große Kunst. Mittelmaß möchte er nicht sein. Bevor er als 23-Jähriger in den Ersten Weltkrieg zieht, verspricht ihm sein Vater, einen Wunsch zu erfüllen, wenn er wieder lebend zurückkehren sollte. Sein Vater, der Schankwirt Hermann Albert Bading (1866–1936), ist Eigentümer des Wohnhauses in der Bergstraße 43 und führt eine Kneipe im Erdgeschoss. Als Erich aus dem Krieg heimkehrt, eröffnet er im Ladengeschäft seiner Eltern Musik-Bading.

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Erich Bading bei seiner Hochzeit mit Hildegard Schiebeck, 1924, Foto: Privatbesitz Familie Bading

Eine der ersten Angestellten im Geschäft ist Hildegard Schiebeck, sie absolviert eine Ausbildung als Musikalienhändlerin. Voraussetzung für ihre Anstellung ist, dass sie Klavier spielen kann. Weil die Kunden wissen wollen, wie die Noten klingen, die sie kaufen, spielt Hildegard Schiebeck sie ihnen vor. Über sechzig Jahre später erinnert sie sich, dass sie Erich Bading schon als junges Mädchen auf der Straße sah: „Da fand ich ihn so schön. Ich wusste aber nicht, wer er ist. Nicht, dass ich gedacht habe, dass er mal mein Mann werden wird!“ 1924 heiraten die beiden geborenen Rixdorfer Hildegard Schiebeck und Erich Bading. Sie bekommen drei Töchter und einen Sohn.

Die Hochkultur kommt nach Neukölln

Erich Bading versteht es nicht nur, sein Geschäft zu der Institution für Musikwaren in Neukölln zu machen, sondern ist musikbegeistert und umtriebig genug, um zuvor nie dagewesene Hochkultur nach Neukölln zu bringen. Als Veranstalter organisiert er Anfang der zwanziger Jahre Konzerte und Opernaufführungen in der Neuen Welt in der Hasenheide. Ein 1902 neu entstandener Saalbau, der als Ort für Theateraufführungen und politische Versammlungen genutzt wird, verfügt über 3000 Plätze. Erich Bading gewinnt mit Leo Blech von der Staatsoper und Arthur Nikisch von den Berliner Philharmonikern die führenden Dirigenten der Zeit. Auf dem Programm der Abonnementskonzerte stehen Wagner, Beethoven und Weber, aber auch moderne Komponisten wie Richard Strauss und Max Schilling, dargeboten vom Blüthner-Orchester und den Berliner Philharmonikern. Die Konzerte sind beliebt und in der Regel ausverkauft.

Die politische Haltung von Erich Bading während der NS-Zeit beschreibt eine Anekdote, die seine Ehefrau 1984 in einem Interview erzählt: Eingeladen bei Freunden zu einer Geburtstagsfeier, sitzen sie zu Tisch, an der Wand hängt ein Porträt von Adolf Hitler. „Wenn ich das sehe, schmeckt mir das Essen nicht“, äußert Erich Bading bestimmt. Der Gastgeber steht auf und kündigt an, den Vorfall zu melden. In der Folgezeit ängstigt Hildegard die Vorstellung, dass ihr Mann eines Tages abgeholt werden könnte. Für die Wehrmacht ist Erich Bading nicht einsatzfähig, weil er im Ersten Weltkrieg verwundet wurde. Für das Geschäft kauft er alte Instrumente, Schallplatten und Noten auf oder macht Tauschgeschäfte. Ein gepachtetes Grundstück im Grünen versorgt die Familie in den vierziger Jahren mit Obst und Gemüse. Nach Kriegsende befiehlt die sowjetische Besatzungsmacht, das Geschäft bis in die Abendstunden offen zu halten, um die Kultur zu fördern.

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Trauerzug für Erich Bading auf der Karl-Marx-Straße, 1952, Foto: Privatbesitz Familie Bading

1952 stirbt Erich Bading im Alter von 61 Jahren. Der Trauerzug besteht aus Tausenden Neuköllnerinnen und Neuköllnern, die ihm die letzte Ehre erweisen. Mit seinem leidenschaftlichen Engagement für die Musik, mit der er das Musikleben in Neukölln mitgestaltete, hat er den Ruf von Musik-Bading weit über den Bezirk hinaus geprägt. Nach seinem Tod übernimmt seine Ehefrau Hildegard Bading, später ihre Kinder die Geschäftsführung. Anfangs hält die Familie die musikalischen Zusammenkünfte weiterhin aufrecht. Der einstige Glanz von Musik-Bading geht mit dem Tod des Firmengründers jedoch verloren.

Nur der Mauerfall bringt kurzfristigen Aufschwung

In den fünfziger und sechziger Jahren wird das Geschäft erweitert. Es entsteht eine Fernsehabteilung, eine dazugehörige Reparaturwerkstatt befindet sich im Keller, ein Orgelstudio mit Orgelschule ist im dritten Stock des Wohnhauses untergebracht. Mit dem veränderten Angebot werden alte Leuchtschriften durch neue ersetzt. Im Geschäft arbeiten weiterhin um die 25 Mitarbeiter. In den achtziger Jahren geht der Verkauf infolge des Aufkommens von Handelsketten wie WOM und Media Markt zurück. Sortiment und Geschäft von Musik-Bading verkleinern sich. Allein der Mauerfall bringt kurzfristig neue, kauffreudige Kundschaft.

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Blick in den Schallplatten-Raum von Musik-Bading, 24. Februar 2014; Foto: Constanze Vielgosz

Heute führt die 90-jährige Tochter des Firmengründers Brünhilde Schibille das Geschäft, unterstützt von ihrer Schwägerin Liane Bading und Herrn Götz, der mit seinen knapp fünfzig Arbeitsjahren im Laden schon fast zur Familie gehört. Wenn man heute Musik-Bading einen Besuch abstattet, plaudert man gern über alte Zeiten, bekommt Schokolade und Selters angeboten und es schauen hin und wieder Menschen herein, die sich mit dem Laden verbunden fühlen. Musik-Bading war eines der letzten traditionsreichen Einzelhandelsgeschäfte in Berlin überhaupt. Nächstes Jahr hätte das Familienunternehmen seinen 100. Geburtstag gefeiert. Doch 2018 liegt es in Schutt und Asche.

Archivmaterial ©Museum Neukölln – In Zusammenarbeit mit dem Geschichtsspeicher des

Anke Schnabel ist freie Autorin und Kuratorin.

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4 Kommentare:

  • Egbert Hinzmann sagt:

    Danke für diesen sehr informativen „Zeitreisen“-Artikel zu Musik-Bading von Frau Schnabel. Als gebürtiger Neuköllner aus der Kirchhofstraße war mir der Laden gut bekannt, aber nicht seine Geschichte! – Meinem erwachsenen Sohn hatte ich kurz vor Weihnachten dieses Geschäft gerade wieder empfohlen…, nun ist es dafür wahrscheinlich leider zu spät…!

  • Vielen Dank für diesen hervorragenden Artikel!
    Es ist eine Tragödie! Ich bin 1985 in die Kirchhofstraße zugezogene Neuköllnerin und war auch Kundin. Vielleicht läßt sich ja noch etwas retten. In der Thomasstraße ist ein Raum mit 2 Schaufenstern unbeschädigt.
    Ich hoffe sehr!!!!!

  • egal sagt:

    Ich habe aus der Umgebung gehört das es ein Mutwilliger Brandanschlag gegen die Badings war von dem Neuen Hausbesitzer gegenüber der gerade das Komplette Haus Saniert er sei Scharf auf das Haus von den Badings und wollte es auch schon abkaufen , die Kinder wollen es Verkaufen nur die Eltern nicht allein wegen dem Laden , wollen es aber sobald die Eltern nicht mehr sind oder wenn sie den Laden aufgeben . Ich denk mal man sollte in diese Richtung ermitteln und ich kann mir sehr gut vorstellen das solch ein Geldhai dazu im stande ist da ja nur Bulgarische und Rumänische Leute sein Haus Sanieren ein kleinen obulos an solch eine Person reicht ja schon aus um sowas aus zu führen . ich kann nur hoffen das die Badings sich von dem ganzen erholen die tuen mir richtig leid ich kenne diese auch Persönlich .

  • Zur Familiengeschichte der Badings gehört auch die Artisten-Familie Waldemar Hoppe aus Neukölln. Die Eltern von Waldemar Hoppe verkehrten schon bei Badings als das heutige Geschäft noch eine Schank – und Speisewirtschaft war. Hildegard Bading und die Gattin von Waldemar Hoppe, Frieda Hoppe, geb. Simon waren Cousinen. Beide Mütter hießen mit Geburtsnamen Simon, waren geboren in Grünberg/Schlesien – heute Polen-.Waldemar Hoppe entstammte einer Bäckerfamilie aus Rixdorf. Er hatte mehrere Geschwister, die alle Artisten waren. Sie nannten sich Waldos. Zur der Schleuderakrobatengruppe gehören bis zu 9 Mitglieder. Der jüngste Bruder von Waldemar Hoppe hieß Willi Hoppe und war nach seinem Ausscheiden aus der Truppe Empfangscheff im KaDeWe. In einer blauen Uniform stand er am Haupteingang und begrüßte die Kunden.Frieda Hoppe betreute nach dem II. Weltkrieg notleidende Kinder. Dafür wurde sie (auf meine Anregung) durch Herrn Bundespräsidenten Freiherr Richard von Weizäcker mit der Medaille des Bundesverdienstkreuzes geehrt. Die Auszeichnung überreichte der damalige Bezirksbürgermeister Herr Kriedner (CDU). In seiner Rede führte u.a. aus, dass die besten Artisten Deutschlands nur aus Neukölln stammen. Für ihn war Frieda Hoppe die Mutter der Artisten. Zu ihrem 85. Geburtstag 1986 schickte sogar der Friedrichstadt aus dem damaligen Ostberlin ein Telegamm, um sich an die Mutter der Artisten zu erinnern.
    Vor dem Kriege lautete die Adresse Fuldastraße 34, nach dem Kriege Schönstedtstraße 6 (vorn, 1 Treppe rechts).
    Ich bitte um wohlwollende Prüfung, ob am Hause Schönstedtstraße 6 eine Berliner Gedenktafel angebracht werden könnte, um der Artistenfamilie Hoppe und damit den Waldos ein ehrendes Andenken zu bewahren.
    Joachim Hasert (Berliner Heimatforscher)

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