von am 1. September 2016

gluecklich-3327-kl18 Millionen Tonnen Lebensmittel landen jährlich in Deutschland im Müll. Im Restaurant „Restlos glücklich“ landen Brote vom Vortag und faltiges Gemüse stattdessen in der Pfanne! Denn hier wird mit viel Kreativität ausschließlich mit Resten gekocht, die andernorts nicht mehr verkauft werden können.

Text: Alena Hecker, Fotos: Jacqueline Schulz

Zwei große Körbe voller Brotlaibe, Brötchen, Croissants und süßen Stückchen sind dieses Mal bei der Lieferung dabei gewesen. „Wie so oft“, sagt Dennis Pattloch. Es ist sein erster Arbeitstag als Koch im „Restlos glücklich“, dem Restaurant des gleichnamigen Vereins, das seit Mai dauerhaft in der Kienitzer Straße 22 residiert. Nun ist er dafür verantwortlich, aus den Broten und außerdem gelieferten Karotten, Tomaten, Paprikas und Bohnen ein leckeres Menü zu zaubern.

Erst die Ware, dann das Menü

„Es ist sehr erfrischend, mal verkehrt herum zu arbeiten“, sagt der 30-Jährige, während er Tomate um Tomate in kleine Würfel schneidet und das kernige Innere in einen Topf wirft. „Sich nicht erst das Menü auszudenken und die Ware dafür zu kaufen, sondern den Leuten zeigen, dass es auf die inneren Werte ankommt.“ Er hält eine der Tomaten hoch – rot, oval, mit ein paar winzigen Fältchen in der Haut. „Ich bin überrascht, wie hochwertig die Produkte sind, die wir bekommen.“

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Koch Dennis zaubert aus den geretteten Lebensmitteln ein schmackhaftes Menü, das so gar nicht an Resteessen erinnert.

Vor zehn Jahren hat Dennis seine Ausbildung zum Koch gemacht und seitdem in verschiedenen Restaurantküchen gearbeitet. „Gerade in der gehobenen Gastronomie hatte ich schon mal ein schlechtes Gewissen, weil so viel weggeschmissen wird.“ Der Job im „Restlos glücklich“ kam ihm da gerade recht: „Mir hat das Konzept gefallen und ich bin froh, dass ich jetzt in einem kleinen Laden bin, wo es entspannter zugeht.“

Lebensmittelverschwendung und bewusster Konsum

Initiatorinnen des Reste-Lokals sind Leoni Beckmann und Anette Keuchel. Letztere hatte in Kopenhagen ein ähnliches Restaurant kennengelernt, das sie zu ihrem eigenen Projekt inspiriert hat. Als Bildungsmanagerin war für Beckmann von Anfang an wichtig, nicht nur ein Restaurant zu eröffnen: „Das Lokal ist nur der Aufhänger“, so die 28-Jährige. „Eigentliches Ziel ist es, möglichst viele Leute über Bildung zu erreichen.“ Im Frühling 2015 organisierten die beiden zusammen mit anderen ehrenamtlich Engagierten erste Kochkurse für Kinder und Jugendliche, seitdem finden regelmäßig Workshops und Veranstaltungen zu den Themen Lebensmittelverschwendung und bewussten Konsum statt. Finanziert werden die Bildungsprojekte mit den Erlösen aus dem Lokal.

Ohne ehrenamtlicher Helfer geht’s nicht

Den Verein Restlos Glücklich e.V. haben Leoni und Anette zusammen mit anderen Freiwilligen im Herbst 2015 gegründet. Fest angestellt sind lediglich die beiden Köche, der Lokalleiter und die Geschäftsführerin, alle anderen 60 Mitarbeiter sind ehrenamtlich dabei. „Das gehört zum Konzept“, erklärt Leoni. „Erst dachte ich, es ist blöd, wenn alle ohne Bezahlung arbeiten, aber die Atmosphäre ist so toll und wir sind ein großartiges Team.“

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Leoni Beckmann ist eine der Initiatoren von Restlos Glücklich e.V.

In der Küche schnippelt Martina Gemüse. Die 23-jährige Kanadierin macht gerade einen Deutschkurs in Berlin, danach möchte sie in der Hauptstadt studieren. Zweimal pro Woche kommt sie freiwillig zum Helfen vorbei. Später gesellt sich Dieter dazu, Bänker und Hobbykoch. Er ist durch seine Frau auf das Restaurant aufmerksam geworden und freut sich, wenn er zwischendurch dem Profi über die Schulter schauen kann und ein paar Tipps bekommt.

Draußen am Tresen holen sich zwei Kinder Limonade, ihr Vater studiert die Speisekarte. „Zweimal Röstbrote, zweimal Bohnen-Champignons-Gemüse, zweimal Pfannengemüse“, bestellt er. Zwei junge Männer setzen sich an einen Tisch in der Mitte des Lokals und schauen sich neugierig um: Unverputzte Wände, bunt zusammengewürfeltes Mobiliar. An der Decke kreist ein Ventilator und vertreibt den Geruch nach Knoblauch, der aus der Küche zieht.

Unverkäufliche Lebensmittel von überall

Die Ware für das Restaurant kommt von verschiedenen Händlern. Ein Biosupermarkt überlässt dem Verein Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können: Brot und Brötchen vom Vortag, Obst und Gemüse mit leichten Dellen, Produkte kurz vor oder nach Ende des Mindesthaltbarkeitsdatums. Von einer Weinhandlung bekommt das Lokal bereits geöffnete Weine, die zu Weinproben angeboten wurden. Alles gesundheitlich unbedenklich, aber nicht mehr gut genug für den Verkauf. Und solange die Lieferketten dokumentiert werden, hat auch das Gesundheitsamt nichts dagegen einzuwenden.

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Nicht nur Essbares, sondern auch Trinkbares bekommt der Verein gespendet.

Die Gäste lassen sich die unverkäuflichen Überbleibsel schmecken. Dass die Kartoffeln womöglich schrumpelig waren oder die Brote schon länger gelegen haben, scheint sie nicht zu stören. „Neun von zehn Punkten“ vergibt der Junge, dessen Familie jedes Gericht zwei Mal bestellt hat. „Hat gut geschmeckt“, urteilt auch die Frau am Nebentisch, die schon öfter hier war und immer neue Freundinnen mitbringt. „Das Essen ist lecker, das Restaurant hat eine schöne Atmosphäre und die Projektidee ist interessant.“

Weil einige Gäste danach gefragt haben, kredenzt Dennis Pattloch in der Küche noch schnell ein Dessert. Was an den nächsten Abenden auf der Speisekarte stehen wird, kann er noch nicht sagen. Reste zum Verwerten hat er auf jeden Fall genug.

Restlos Glücklich, Kienitzer Straße 22, 12053 Berlin-Neukölln, Mittwoch-Samstag 18:00-22:30 Uhr.

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