von am 29. Januar 2011

Bloß kein Mainstream. „Man muss die Leute wirklich beeindrucken“, sagt Guillaume Siffert, der in Neukölln den Staalplaat-Plattenladen betreibt. Denn dann kaufen sie selbst Kassetten in Kleinstauflagen. Und „freuen sich total“

In diesem Laden tief in Neukölln findet sich ein schier unerschöpflich erscheinendes Sammelsurium an Buntem, Wirrem und „Obskürem“, wie sein Besitzer seine Schätze in seinem unfehlbar französischen Akzent gerne sagt. Staalplaat heißt der Laden, und er ist chaotisch und klein. Staalplaat ist vor allem Plattenladen, aber auch Galerie, Kleinkunstbühne und neuerdings Wohnraum für ein paar befreundete Musiker. Da finden sich Platten, Kassetten, CDs und so genannte Musikboxen. Bedruckte und zerrissene T-Shirts. Handgemalte Comics, Magazine, Siebdruckposter, Bilder und Bücher. Nach eingehender Betrachtung des Ladens weiß man mit dem Begriff Reizüberflutung etwas anzufangen.

In der Mitte des Raums steht das einzige Accessoire, das auf Normalität und Büroarbeit hinweist. Ein Arbeitstisch mit einer Vielzahl von Unterlagen und einem Computer. Hinter diesem Tisch sitzt Guillaume Siffert und verkauft „außergewöhnliche“ Objekte. Schulterlange braune Haare, eine kantige Brille und jede Menge Bartstoppeln zieren das Gesicht des Franzosen, der von seinen Kunden so schöne Dinge behauptet, wie: „die freuen sich total gerne“.

„Das ist immer ziemlich DIY – do it yourself“

Außergewöhnliche Objekte, das sind auf der einen Seite Kunstobjekte, die von „Mikroherausgebern“ in kleinen Auflagen hergestellt werden, und experimentelle Musik auf der anderen. „Das ist immer ziemlich DIY – do it yourself“, sagt Siffert. Hinter dem Genre der experimentellen Musik verstecken sich viele weitere wohlklingende, aber für einen Laien eher abstrakt klingende Gattungen wie Noise, Avantgarde, elektroakustische Musik und Computermusik. Um es auf einen Punkt zu bringen: Es muss so klingen, dass „kein Mainstreamlabel das in seinem Programm haben möchte“. Speziell, schräg und natürlich: „obskür“.

Bis vor zwei Jahren hatte Siffert noch einen eigenen Plattenladen in Neukölln, bis er eines Tages einen Anruf von Staalplaat-Gründer Geert-Jan Hobijn bekam: „Ich hab gehört, dass du mit deinem Laden aufhören willst.“ Wollte er zwar nicht, aber Staalplaat kannte er: 1982 in Amsterdam als Heimathafen für Soundkünstler der experimentellen Musik gegründet, ist Staalplaat Label, Vertrieb und Plattenladen in einem und Pionier der Szene.

Spezielle Musik für spezielle Leute

Seither leitet Guillaume Siffert den Plattenladen von Staalplaat, der vorher einige Jahre lang von seinen Vorgängern im Haus Schwarzenberg gleich neben den Hackeschen Höfen betriebe wurde, das seine Ranzigkeit ganz bewusst gegenüber der Glitzerästhetik des Konsums in der Umgebung hervorhebt. Auch die gegenwärtige Lage in der Flughafenstraße bleibt der Mainstream feindlichen Geschäftsethik treu. Hat man irgendwo in Neukölln das Gefühl, sich in einer zwielichtigen Gegend zu befinden, dann hier. Zwischen Trödelläden, Eckkneipen, „Cafés“ mit verdunkelten Scheiben und Wettbüros fällt der Laden so dermaßen aus der Reihe, dass man ihn eigentlich gar nicht wahrnimmt. Keine Leuchtreklame, kein Schild, nur eine Ladentür und ein tendenziell nichts sagendes Schaufenster mit Flyern in der Auslage und einem bärtigen jungen Mann hinter einem Tisch.

„Es ist immer schwierig, als Plattenladen zu überleben“, sagt Siffert. Vor allem in dieser Gegend und mit diesem Angebot, möchte man ihm beipflichten. Das Internet und eine Siebentagewoche machen es dennoch möglich. In Berlin kennt den Laden kaum einer, übers Internet aber vertreibt Guillaume Siffert seine Musik in alle Welt, das meiste innerhalb Europas, aber auch viel nach Amerika, Australien, Japan und China. Spezielle Musik für spezielle Leute: Die meisten Käufer sind Sammler, legen Wert auf Verpackung und eine geringe Auflage. Manche wollen nichts mit Digitalisierung zu tun haben, kaufen nur Schallplatten oder sogar Kassetten. „Man muss die Leute wirklich beeindrucken, dann wollen die das haben wie ein Kunstwerk.“ Seine Produkte haben eine geringe Auflage, Covers sind mühevoll mit Siebdruck, teilweise mit Lederarbeiten gestaltet, echte Raritäten also.

Mit illegalen Downloads hat er insofern kein Problem. „Das ist auf jeden Fall eine gute Sache.“ Viele Musiker würde er ohne illegale Downloads gar nicht kennen und heute auch nicht vertreiben. Selber lädt er jedoch kaum noch herunter: aus Zeitmangel. „Die Leute, die sich beklagen, das sind nur die riesigen Labels und Vertreiber, die sowieso genug Geld machen.“ Eigentlich mag er das Internet aber trotzdem nicht so recht. Vor dem Internet gab es mehr Kundschaft in den Läden, „die Leute haben sich mehr bewegt“. Statt E-Mails zu schreiben, würde er lieber mit den Kunden persönlich reden, von Angesicht zu Angesicht. Deswegen hat er schließlich einen Plattenladen aufgemacht.

(„Le Petit Mignon“, Flughafenstr. 38 – Text erschienen in der taz vom 15.01.2010)

 

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