von am 30. April 2013

Engelbert Zickmund, kurz nachdem er die Mahlower Klause übernommen hatte

„Dart-Verein ist nicht gleich Dart-Verein“ und was man von fast 20 Jahren Eckkneipenbetrieb alles lernen kann. Ein Besuch „bei Engel“ in der Mahlower Klause.

Der ist schon tot. Und der da auch. Das kannst du nehmen.“ Engelbert Zickmund, 57, kurz „Engel“ und von seiner Angestellten Ute liebevoll „Engelchen“ genannt, sitzt im hinteren Raum seiner Kneipe und durchforstet für seinen Gast den Inhalt eines Schuhkartons. Er sucht nach Bildern, die man bedenkenlos veröffentlichen kann, auf denen also niemand zu sehen ist, der womöglich später „rumzicken“ könnte. Der Karton: Ein Fundus alter Fotos aus knapp zwei Jahrzehnten Kneipengeschichte: vergilbte Polaroids, auf denen Männer mit Schnauzer und Vokuhila am Tresen sitzen, Bilder von ausgelassenen Trinkgelagen, von Dart-Königen mit besonders verrückter Wurftechnik und vielen immer wiederkehrenden Gesichtern wie das der „Eierfrau“, die den Eierladen in der Selchower Straße betreibt. Gesichter, die im Zeitraffer des Schuhkartons schnell ein paar Jahre reifen und Gesichter, deren Blicke mittlerweile dauerhaft erloschen sind.

"Engel"-Stammgäste

Die Mahlower Klause ist eine klassische Neuköllner Eckkneipe: Holzvertäfelung an der Wand, preiswerte Getränke im Sortiment und ein Stammpublikum an Tischen und Tresen, das jeden Neuankömmling entweder mit Namen grüßt oder mit skeptischen Blicken mustert. „Bei Engel“, wie die Klause bei der eingefleischten Kundschaft genannt wird, ist eine jener Neuköllner Eckkneipen, die sich im Lauf der Jahre derart ins Straßenbild eingepasst haben, dass man sie kaum wahrnimmt. Man kann zigmal an ihnen vorbeigelaufen sein, ohne je wirklich bewusst von ihnen Notiz zu nehmen. Aber bei der kleinsten Veränderung, wenn ein Rollladen mal verschlossen bleibt, die Auslage umgestellt wird, macht sich beim Passanten und unerklärliches Unbehagen breit. Weil er ganz genau weiß, dass sich da etwas verändert hat und es doch beim besten Willen nicht näher benennen kann.

Bei Engel ändert sich nichts. Zumindest eher selten. Wenn die Nebenkosten steigen, müsse er hin und wieder in den „sauren Apfel“ beißen und die Preise anziehen – das Bier kostet zwei Euro. Das würden die 70 Prozent Stammgäste dann aber auch verstehen. Und das Bier hat sich geändert. Eines Tages hätten Gäste von einer anderen Kneipe zu ihm „rübergewechselt“. Die waren Kindl-Trinker. Die anderen Gäste wären mit der Zeit auch umgeschwenkt und so habe sich das Schultheiss „selbst rauskatapultiert“. Die einzige große Veränderung ist das Rauchverbot gewesen. Seither darf zwar noch geraucht werden – ein großes Schild am Eingang weist darauf hin – aber es darf dazu kein Essen mehr serviert werden. „Durchs Essen fallen jeden Monat 1.000 bis 1.500 Euro Umsatz weg.“ Ansonsten ist alles beim Alten. Und selbst wenn er wollte: „Ich kann mich auch nicht mit allem, was ich hier ändern will, durchsetzen.“ So ist das wohl mit der Stammkundschaft.

Die langjährige Mitarbeiterin Ute

„Ich habe noch nie so einen schlechten März gehabt“

19 Jahre ist es her, dass Engel den Laden an der Ecke Weisestraße übernommen hat. Zuvor hatte er als „Büffetier“ im Mariendorfer Käfer gearbeitet, bis eines Tages seine Chefin dicht machen wollte. Die Besitzerin des Ladens wollte seine Chefin allerdings nur aus dem Vertrag entlassen, wenn sie ihn als Nachfolger nehmen würde. „Ganz kurios war das, wie ein Märchen“ erinnert sich Engel. Vom Mariendorfer ging es weiter zum Neuköllner Käfer am S-Bahnhof Hermannstraße – heute „Umsteiger“ genannt – bis dort die Deutsche Bahn das Grundstück verkaufte. Horrende Mietpreissteigerungen gab es auch damals schon: Über Nacht sollten es nicht mehr 6.000, sondern 7.500 Mark Miete im Monat sein. Da ist er ausgestiegen und hat die Mahlower Klause bei ihm um die Ecke gefunden.

1994 war das. Die Gäste hat er vom Vorgänger übernommen und den Billard-Verein gleich mit dazu. „Vor 20 Jahren war ja Billard noch in. Dann ging es mehr auf Dart zu“, entsinnt sich Engel, sieht seinem Gegenüber konspirativ in die Augen und fügt wissend hinzu: „Aber Dart-Verein ist nicht gleich Dart-Verein.“ Und im gesenkten Tonfall: „A- und B-Liga kannst du vergessen. Die sind nur hinter ihren Punkten her. So ab C-Liga, das sind Kneipen-Ligen, die trinken auch was. Da macht das auch mehr Spaß. Nicht dass sie besoffen sind, aber die trinken.“

Dartspieler ist nicht gleich Dartspieler

Dass man für den dauerhaften Fortbestand einer Kneipe durchaus rechnen können sollte, lässt Engel nicht gerade unter den Tisch fallen. Und dass er ein gewissenhafter Geschäftsmann sei, ebenso wenig. Mit dem Vermieter habe er zwar Glück gehabt, aber allein die Nebenkosten für die Heizung seien exorbitant gestiegen. Für einen Liter Öl hat er 1994 noch 38 Pfennige gezahlt, mittlerweile sind es 89 Cent. Fast das Fünffache. Er habe jede Abrechnung der letzten 19 Jahre sofort parat und könne genau vergleichen, wie sich der Umsatz über die Jahre entwickelt hat. Der Umsatz sei relativ konstant, aber der letzte März, vielleicht lag es am Wetter, war miserabel. „Ich habe noch nie so einen schlechten März gehabt.“ Dafür sei der Januar gut gelaufen.

Doch was neben der finanziellen Sorgfaltspflicht, den eigentlichen Kern einer Kneipe – das Inventar: die Stammkundschaft – über die Jahre am Leben erhält, das sind nicht Rechnungen und Bilanzen, es ist das Herzblut des Wirtes. Und wie viel davon in diesem Laden steckt, wird weniger an der Einrichtung, sondern an der Beziehung zu seinen Gästen deutlich. An den Gesichtern auf den Fotos im Schuhkarton, von denen Engel noch jeden Namen kennt, eine kleine Anekdote erzählt wie von der Hochzeitsfeier, für die er als Extrawunsch diese eigenwilligen blauen Lack-Hussen für die Stühle anfertigen musste.

„15 Jahre musste schaffen, den wollte ich überholen“

"Engel" vor seinem Laden heute

Seit 19 Jahren macht Engel jeden Tag eine Schicht im Laden. Einmal im Jahr macht er für drei Wochen Urlaub in Thailand und letztes Jahr war er einmal für zwei Tage krank. Sonst nicht. Seine Angestellte Ute ist seit 18 Jahren mit dabei. „Wenn du so was hier 20 Jahre hast, hat sich die Struktur der Gäste schon dreimal gewandelt. Vollkommen andere Leute.“ Manche sind im Lauf der Zeit umgezogen und so mancher ist eben auch verstorben. „Da musste dich erst mal dran gewöhnen.“ Auf der einen oder anderen Beerdigung sei er schon gewesen, aber zu jeder gehe er auch nicht. „Man hat ja auch nicht zu allen Gästen die gleiche Beziehung.“

Eine ältere Dame aber ist seit Anfang an dabei. Sie ist mittlerweile 92 Jahre alt, kommt drei- bis viermal pro Woche, trinkt gepflegt ihren Kirsch und ihr Bier und raucht dazu ein paar Zigaretten. Und wenn im Winter das Eis und der Schnee die Bürgersteige nur schwer passierbar machen – und nur dann, denn sie ist noch sehr fit – ruft sie kurz an und wird abgeholt. „Wir betreuen hier eher den alten Teil der Kiezbewohner“, meint Engel, wobei sich auch immer wieder so junge „Leutchen“ in seinen Laden verirren würden. Die Eckkneipen würden eben immer weniger im Kiez und einige Gäste habe er durch Schließungen von anderen übernommen. Angst vor Verdrängung habe er zwar keine, aber anfangen kann er mit den neuen Szeneläden auch nicht wirklich was. „Meine Vorgänger hatten meinen Laden neun Monate, der davor nur acht. Der Längste hatte die Kneipe 15 Jahre. Da hab ich mir gesagt: 15 Jahre musste schaffen, ich wollte den unbedingt überholen.“ Man darf sich für die Vielfalt im Kiez wünschen, dass es noch viele weitere werden. „Die 20 Jahre mach ich auf jeden Fall voll, das ist nächstes Jahr am 14. Januar. Fünf sechs Jahre werde ich schon noch machen. Wenn es funktioniert.“

 

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