von am 18. Februar 2011

Eine Weinhandlung im Kiez-Kneipen-Look: Vin Aqua Vin verkauft feine Weine in der Weserstraße.

Eine Weinhandlung in Neukölln. Das klingt für viele wie ein Gegensatzpaar. Weinläden erinnern an angesnobbte Gourmets, die teure Tröpfchen schwenken und ihr Expertentum zelebrieren. Neukölln klingt für dieses Klientel schlichtweg nach Problembezirk. Doch Neukölln bricht mal wieder mit Klischees.

Mitten auf der Weserstraße, wo sich Bar an Bar reiht und nachts die Partyfreudigen tingeln, liegt ein wenig versteckt in einem schmalen Ladengeschäft die Weinhandlung Vin Aqua Vin. Drinnen trifft man auf Jan Kreuzinger, 32, der Jeans, Shirt und sein halblanges Haar unter einer Mütze trägt. Er ist im Gespräch mit einem Kunden, der den passenden Wein für das Gericht sucht, das er am Abend für Mitbewohner und Freunde kochen will. Es gibt Fisch. Jan Kreuzinger empfiehlt einen Riesling von der Mosel aus dem Weingut Hoffmann-Simon. „Der 2009er ist ein guter Jahrgang“, sagt Kreuzinger und dreht die Flasche in der Hand.

Verkauf im Wohnzimmerambiente

Seit Juni 2010 betreibt Kreuzinger die kleine Weinhandlung in der Weserstraße 207, Tür an Tür zur Kneipe „Fuchs und Elster“. Neben seinem Ladengeschäft ist er auch als Großhändler tätig und beliefert Bars im Reuterkiez, Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Mitte. Das kleine Ladengeschäft hat Charme und Patina: ein schmaler Raum, freiliegende Schichten aus verschieden farbigem Putz an den Wänden und Regale aus alten, hölzernen Weinkisten. In der Mitte des Raumes steht ein großer Holztisch, der Lust macht sich hinzusetzen und Weine zu probieren, mit Freunden zu schwatzen und die Zeit ziehen zu lassen.

Beim Stöbern durch die Regale findet man eine kompetent sortierte Auswahl an selbst importierten Weinen aus Frankreich, Bioweinen aus Italien und verschiedenen Schaumweinen. Die deutschen Weine sind das Herzstück im Sortiment von Vin Aqua Vin. Kreuzinger bezieht sie direkt vom Winzer. Er bevorzugt kleine Winzer, die ihren Beruf als Handwerk und Wein als Naturprodukt verstehen. Er kennt die Weingüter und Weinberge persönlich und ist vor Ort im Gespräch mit den Winzern. Gleichzeitig ist Kreuzinger Teil der jungen Berliner Szene, die häufig eher zu Bier als zu Wein greift. Viele sind neugierig – das Interesse fürs Kulinarische, fürs Kochen und Genießen liegt im Trend. Doch es gibt Berührungsängste mit dem Thema Wein. Weil man eben kein Experte ist und wenn schon Wein, dann oft den Hauswein aus der Karte wählt oder im Supermarkt nach Etikett kauft. Die Weinhandlung ist eher ein suspektes Territorium. „Viele Leute laufen ständig vorbei und gucken interessiert“, erzählt Kreuzinger und lächelt, „irgendwann trauen sie sich rein und dann kommen sie regelmäßig.“ Die meisten Weine kosten unter zehn Euro, ein paar hochpreisige Perlen sind auch dabei. Ab drei Euro sagt Kreuzinger, kann man schon einen guten Wein bei ihm bekommen.

Dem Wein das Elitäre nehmen

Kreuzinger möchte den jungen Menschen in Neukölln die Scheu vor dem Wein nehmen, er versteht sich als Botschafter, der im Kontakt mit den Winzern steht und gleichzeitig den Ton der jungen Kiez-Kundschaft trifft. „Es geht gar nicht so sehr ums Expertenwissen“, erklärt er, „verlasst euch vielmehr auf euren eigenen Geschmack!“ Etwa zweimal pro Monat bietet er Weinkurse an. Einen Abend lang probiert man unterschiedliche Weine, lernt deren Hintergründe kennen und bekommt ein Gespür dafür, Weine bewusst zu trinken und zu genießen.

Die Lage in der Weserstraße ist auch für Kreuzinger selbst eine spannende Erfahrung. Neben den jungen zugezogenen Neuköllnern kommen auch Leute in den Laden, die schon immer im Reuterkiez leben. Ein Weinladen direkt um die Ecke, sagen sie, darauf haben sie gewartet. Das freut Kreuzinger besonders. Er erinnert ein wenig an Matt Skinner, den Somelier von Jamie Oliver, vom Aussehen und auch von seiner lässigen Art. In seinem Buch „Wine – just a drink“ macht Skinner deutlich: Wein ist großartig. Und nicht nur für Experten da. Wein ist schließlich auch nur ein Drink. Nicht mehr und nicht weniger.

Kreuzinger wünscht sich, dass vor allem junge Menschen dem Wein mehr  Aufmerksamkeit schenken, dass wie in Japan oder Südeuropa ganz selbstverständlich ein größerer Teil des Einkommens für Essen und Trinken ausgegegeben wird. „Wein ist Lebensqualität“, sagt Kreuzinger, „er gehört wie Essen zum Leben dazu.“ Trends wie Guerilla Cooking, die Foodie-Bewegung oder TV-Sendung wie die von Anthony Bourdain machen deutlich: der Funke ist entfacht. Nun muss er gefüttert werden.

Vin Aqua Vin
Weserstr. 204
Mo – Mi 17 – 21 Uhr, Do – Fr 15 – 21 Uhr, Sa 13 – 21 Uhr
www.vinaquavin.de

 

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