von am 16. Oktober 2012

Integrations- und Sprachprobleme sind bei vielen Neuköllner Kindern alarmierend ausgeprägt. Ein Projekt an der Rixdorfer Grundschule versucht mit Hilfe des Fußballs diese Probleme anzugehen.

Bereits seit 2008 engagiert sich das Projekt „Fußball trifft Kultur“ an der Rixdorfer Grundschule in der Donaustraße. Das Konzept: Fußballspielen wird verbunden mit sprachlicher Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund, die, wenn sie eingeschult werden, kaum oder nur sehr schlechtes Deutsch sprechen. Darüber hinaus sind viele der neun bis elfjährigen Schüler obendrein verhaltensauffällig. Funktioniert da überhaupt der Ansatz „Fußball trifft Deutschunterricht“?

Das Miteinander ist besser geworden

„Definitiv“, sagt Zejlko Risitic, einer der Sozialarbeiter, der das sportliche Sprachprojekt betreut: „Fußball besteht aus Regeln, Improvisation und Kreativität. Mit den Geschlechterrollen gibt’s kaum noch Probleme, das Miteinander in der Klasse ist viel besser geworden.“ Zejlko Ristic ist der Cousin vom ehemaligen Profi des 1. FC Union Berlin Sreto Ristic. Der 39-Jährige hat viel Erfahrung in der sozialen und fußballerischen Arbeit mit Jugendlichen. Bei Zweitligist Hertha BSC trainierte er lange Zeit Jugendteams, daneben ist Ristic ausgebildeter Streetworker und organisierte im Sommer eine Streetsoccer-Tour durch verschiedene Berliner Bezirke.

Aber wie läuft so ein Fußball-Sprachkurs ab? Zu Beginn der Trainingseinheit werden jeweils zwei Gruppen gebildet. Die eine spielt Fußball mit Zejlko und dessen Kollege Fabian Heinl, die andere Gruppe bezieht mit Sprachförderlehrerin Nina Kirschner und Sportlehrer Martin Magassa das eigens dafür bereitgestellte Klassenzimmer. Dort bearbeiten die Kinder dann sprachliche Aufgaben, die eng mit dem Fußball verknüpft sind. Worte aus dem Fußballjargon wie „Bananenflanke“, „In die Zange nehmen“ oder „Elfmeterkiller“ sind als Schaubilder auf Arbeitsblättern aufgezeichnet und werden von den Fünft- und Sechstklässlern nach einigem Hin und Her erarbeitet. Vieles läuft in Gruppenarbeit.

Extreme Probleme mit der Aufmerksamkeit

Die Verwendung von Sprache werde, nach Auffassung von Kirschner, sehr unterschiedlich gehandhabt – von einfach bis sehr komplex. Der Kontext spiele dabei eine entscheidende Rolle, aber auch die Berücksichtigung von Gefühlen und nonverbalen Mitteln wie Gestik, Mimik und Körperausdruck. „Da die meisten der Kinder eine eher profane Sprache verwenden“, so die Lehrerin, „gucken wir genauer hin und beabsichtigen, die Kinder für die verschiedenen Möglichkeiten der Sprachverwendung zu sensibilisieren“. Die Lehrerin arbeitet im Projekt mit den Kindern am Wortschatz und bringt ihnen grammatikalische Phänomene bei, die dann beim Fußballspiel wieder Verwendung finden. Das klingt zunächst einfach, wären alle Kinder ständig konzentriert und aufmerksam bei der Sache. Aber: „Am Anfang mussten wir uns erst mal Arbeitstechniken mit den Kindern erarbeiten bis überhaupt ein geregelter Unterricht möglich war. Viele haben extreme Probleme mit der Aufmerksamkeit und lassen sich leicht ablenken“, meint Magassa.

Engagiertes Kicken: Fünft- und Sechstklässler der Rixdorfer Grundschule.

Der gebürtige Sachse hat Sportwissenschaften in Köln studiert und kam über den Verein PLAY!YA zum Projekt an die Rixdorfer Grundschule. setzt Fußball ebenfalls in der Integrationsarbeit ein, zum Beispiel im „Projekt Freistoß“, wo mit straffällig gewordenen Jugendlichen gearbeitet wird. Möglich gemacht wird Martins Koordinationsarbeit aber nicht durch die Gelder des Bezirks, sondern mit der finanziellen Hilfe eines privaten Trägers. Der bundesweite Initiator von „Fußball trifft Kultur “ ist die gemeinnützige Gesellschaft LitCam (Literacy Campaign) der Frankfurter Buchmesse. Förderer des Berliner Projekts ist die S. Fischer Stiftung. Auch der Campus Rütli ist an dem Lernprojekt beteiligt.

Fordern und Fördern für mehr soziale Kompetenz

Alle zwei Monate gibt es ein Treffen der Projektpartner, wo Probleme und Optimierungsmöglichkeiten besprochen werden. Das breitgestellte Klassenzimmer an der Rixdorfer Grundschule durften die Kinder bunt gestalten. Die Wände sind zudem mit Fotostorys und Fußballcomics behängt. Außerdem haben die Lehrer eine kleine Fußballbibliothek zusammengetragen, die die Kinder nutzen können. Für gute Leistungen kriegen die Schüler kleine Belohnungen. Der Hauptpreis, ein original Hertha-Trikot, wird aber nur ganz selten vergeben. Es soll die Kinder anspornen.

„Die Kinder sollen merken, dass sie selbst ihre Zukunft gestalten und verändern können“, erklärt Nina Kirschner. Das Ziel: Sprachliche Kompetenzen verbessern und das Heranführen ans selbstständige Lernen – beileibe keine Selbstverständlichkeit an einer Neuköllner Grundschule. Denn die Kinder kommen oft aus schwierigen Verhältnissen: „Sie testen gerade zu Beginn ihre Grenzen aus. Zum Beispiel für was gibt es eine Strafe. Sie achten sehr genau darauf. Mehr als man das annimmt“, erklärt Martin. Sicher, es sei schwer hier zu unterrichten, für jeden Lehrer. Aber die Kinder aufzugeben bringe ja auch nichts. Doch mit Kuschelkurs kommen Martin und seine Kollegen jedenfalls nicht weiter. Fordern und Fördern heißt die Devise, um die soziale Kompetenz der Kinder zu verbessern. Und diese Art der sportlichen Sprachförderung stößt auch auf Gegenliebe.

Höhepunkte sind die Turniere

Florian und Deniz kommen zweimal die Woche (Montag und Freitag) in die Turnhalle. Die beiden Zehnjährigen bekommen ein lausbubenhaftes Grinsen auf ihre Gesichter, wenn sie gefragt werden, ob sie auch brav zu den Trainern seien: „Manchmal gibt’s Ärger, aber meistens sind wir nett“, sagt Florian. Beide Jungs nicken auf die Frage, ob sie denn gerne hier seien. „Das Beste sind die Ausflüge“, sagen sie. Diese dienen als Belohnung für jene Kinder mit den meisten Fortschritten. Sie sollen auch mal rauskommen aus den Kiezen. Manchmal geht es ins Theater oder man versucht einen Stadionbesuch zu organisieren. Höhepunkte sind die jährlichen Fahrten zum großen Abschlussturnier, bei dem sich die Berliner Kids gegen die anderen „Fußball trifft Kultur“-Projekte aus Stuttgart, Gelsenkirchen, Frankfurt und Hamburg messen können.

Sprachförderlehrerin Nina Kirschner ist von der Wichtigkeit des Projekts überzeugt: „Wir merken stets, dass die Arbeit was bringt.“ Zwar gebe es sowohl gute als auch weniger erfolgreiche Tage und es dauere eine Zeit, bis die Gruppendynamik sich entwickelt habe, „aber wir haben ja auch zwei Jahre Zeit, die Beziehungen untereinander zu gestalten und Vertrauen aufzubauen, und das hat sich bisher bewährt.“ Zejlko Ristic meint, dass er und seine Kollegen, obwohl sie auch viel Spaß mit den Kids haben, zunächst einmal knallharte Lehrer und Autoritätspersonen sein müssen. Erst später werde man zum Kumpel. Aber auch das müssen sich die Kinder erst erarbeiten.

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