von am 27. August 2015
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Fotomontage: neukoellner.net

Weil die Notunterkünfte voll sind, gibt das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) Übernachtungsgutscheine aus. Wir haben uns in Neukölln auf die Suche nach freien Betten gemacht und gefragt: “Nehmen sie auch Flüchtlinge auf?”

Von Torben Lehning und Sabrina Markutzyk

Anna Dushime war dem Aufruf von „Moabit hilft“ gefolgt. Auf dem LaGeSo-Gelände half sie bei der notdürftigen Versorgung der auf Registrierung wartenden Geflüchteten. So kam eine Familie aus Aleppo in ihr Leben:

„17 Tage in Deutschland: Mohamed, Roqa, Rushin und Reema leben in einem Hostel in Neukölln. Aus der Notunterkunft in Karlshorst mussten sie raus, weil neue Flüchtlinge kamen. Ich habe acht Hotels und Hostels in Berlin angerufen, bevor eines sich bereit erklärt hat, die Familie aufzunehmen. Das Ibis Hotel in Neukölln teilte mir mit, sie nähmen grundsätzlich keine Flüchtlinge auf.“ („So kamen Mohamed und seine Familie aus Syrien in mein Leben“, buzzfeed.com)

Der letzte Satz knallt. Warum?, fragen wir uns. Einzelfall oder Normalität für gestrandete Geflüchtete in dieser Stadt, die nach quälenden Tagen des Wartens beim LaGeSo und Nächten im Park einen Übernachtungsgutschein in die Hand gedrückt bekommen? Wie sieht es bei anderen Hotels und Hostels aus? Wir machen uns auf die Suche nach Betten gegen Gutschein.

Anruf bei besagtem Hotel Ibis in der Jahnstraße: „Nehmen sie auch Flüchtlinge auf?“, fragen wir. Wir erhalten dieselbe Antwort wie Anna Dushime: Nein, grundsätzlich nicht. Zweiter Versuch: Hotel Britzer Tor. Nein, keine Flüchtlinge. Ohne Begründung. Dasselbe beim 2A Hostel in der Saalestraße.

Fotomontage: neukoellner.net (CC BY-SA 3.0; Urheber der Originaldatei: Kamel15, via Wikimedia Commons)

Fotomontage (CC BY-SA 3.0, frei verwendbar; Urheber Originalfoto: Kamel15, via Wikimedia Commons)

Musterung für ein Zimmer im Hostel

Bei der nächsten Adresse dann Abwechslung: „Wir nehmen Flüchtlinge auf. Aber unter Vorbehalt“. Eine Mitarbeiterin des Karl Marx Hostels erzählt uns, Geflüchtete müssten für ein Bett im Hostel zum Vorstellungsgespräch antreten. „Wir sind schließlich kein Sozialamt“, sagt sie.

Bei der Musterung gäbe es verschiedene Kriterien:

„Keine Drogensüchtigen!“ Und „keine gefährlichen Menschen“.

Wer die Aufnahmeprüfung zur Hotelübernachtung bei der Musterung für Refugees erfolgreich übersteht, werde nach einer gesonderten Einweisung in die Räumlichkeiten genauso behandelt wie andere Gäste auch. Eine solche Einweisung sei unbedingt notwendig, erläutert uns die Dame.

„Viele von denen wissen nicht, wie man einen Herd bedient und halten sich sonst auch an keine Regeln. Aber wie auch? Manche verstehen ja nicht, was wir ihnen sagen.“

Wir sprechen auch mit der Geschäftsführung. Sie bittet uns, nichts von der Musterung zu erzählen.

Wer die Wahl hat, nimmt den Touristen?

Lediglich zwei der sieben angefragten Häuser gaben uns gegenüber an,  Geflüchtete grundsätzlich (und ohne Vorbehalt) anzunehmen. Das Karibuni Hotel, das Aky Hostel und das Rixpack (das aber nicht mit uns reden will, wegen dieser Sache). Betten für Geflüchtete gibt es derzeit aber trotzdem keine. Einlassstop. Zu voll. Nur im Karibuni kann man noch Glück haben.

In Neukölln gibt es für Geflüchtete keinen Platz in der Herberge. Über die Gründe sprechen wir später mit Eike Kraft, PR-Chef der Accor Hotelgruppe. Als wir ihm die Zitate vorlegen, erhalten wir dafür keine Freigabe.

LaGeSo zahlt Rechnungen nicht.

Volle Betten oder schlicht keinen Bock auf Flüchtlinge in der Lobby? Das Hotel Karibuni in der Neckarstraße hat in der Vergangenheit immer wieder Flüchtlinge aufgenommen.

„Doch leider sind bei uns immer noch Rechnungen von Februar offen. Das können wir auf Dauer nicht mehr finanzieren“, erzählt uns ein Mitarbeiter. Vom LaGeSo höre man dazu immer nur: „Wir sind überlastet.“

Alle von uns kontaktierten Ho(s)telbetreiber sagten uns, dass sie täglich von mehr als zehn Geflüchteten mit Übernachtungsgutschein angefragt werden. „Und wohin mit den Touristen?“, sagt man uns bei der Recherche hinter vorgehaltener Hand. Maximal 50 Euro können Betreiber für einen Übernachtungsgutschein abrechnen. Das lohnt für Unterkünfte mit Mehrbettzimmern (und ist dann ein riesen Geschäft). Kleinere Anbieter können sich die dauerhafte Unterbringung kaum leisten, weil sie wochenlang auf ihr Geld warten müssen. Und viele der günstigen Zimmer sind sowieso nur online oder über Buchungsservices zu bekommen – da weiß mit dem Gutschein keiner was anzufangen. Keine Chance, sagt man uns z.B. bei budgetplace.com.

Das LaGeSo gibt Gutscheine aus für etwas, das es nicht gibt. Ein Freiticket in die Obdachlosigkeit. Aber auch das gibt es nicht geschenkt. Anstellen muss man sich als Refugee dafür schon noch.

+++Update (27.8., 20 Uhr): Der Accor-Konzern bat in Reaktion auf den Artikel via Mail darum, diese Stellungnahme zu veröffentlichen, was wir gerne tun:

„Wir als Hotelkonzern, unsere Hotels und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nehmen Anteil an der derzeitigen Situation der Flüchtlinge. Im Einzelfall konnten und können unsere Hotels mit einer Unterbringung helfen. Allerdings ist es für unsere Hotels generell wegen der sehr guten Buchungslage und regelmäßig ausgebuchten Tagen schwer realisierbar Flüchtlinge unterzubringen, da u.a. der genaue Zeitraum der Unterbringung nicht bekannt ist. Hierdurch kommen die Hotels in eine sehr schwierige Situation mit der Unterbringung der Gäste. Allerdings prüfen wir mit unseren Hotels, wie anderweitig geholfen werden kann, so z.B. mit dringend benötigten Dingen wie Betten oder Hygieneartikeln, wie es bereits an einigen Standorten geschehen ist.“ +++

Blogger für Flüchtlinge: Spenden geht hier.

Spenden an „Moabit hilft“ geht hier.

 

4 Kommentare:

  • Max Müller sagt:

    klingt erstmal schlimm, ist aber bei näherem Hinsehen nachvollziehbar. Es ist schlicht nicht Aufgabe von Hotels/Hostels, Flüchtlinge aufzunehmen. Von der fragwürdigen Zahlungsmoral der öffentlichen Hand abgesehen, die bereits im Artikel angesprochen wurde: Dies sind private Urlaubsziele und Urlauber wollen ungern mit der Realität konfrontiert werden. Die Sorge, dass Flüchtlinge das Geschäft der Hotels beeinträchtigen, dürfte daher nicht unberechtigt sein. Und Altruismus? Da könnte man genauso gut von jedem, der ein Zimmer übrig hat, verlangen, Flüchtlinge bei sich wohnen zu lassen. Die Unterbringung von Flüchtlingen ist eine Gemeinschaftsaufgabe a.k.a. der Behörden, die dafür die entsprechenden Unterkünfte bereitzustellen hat bzw. versuchen muss, diese zu vermitteln. Hotels sind dabei eine Möglichkeit, die auch im Rahmen anderer Sozialleistungen („Hartz4“, Sozialhilfe) nur schlecht funktioniert und der Solidargemeinschaft überproportionale Kosten verursacht. Besser als die Einweisung in Hotels wäre eine rasche Bearbeitung der Asylanträge während einer kurzen Aufenthaltszeit in einer Gemeinschaftsunterkunft und dann – nach Bewilligung des Antrags – eine angemessene Unterstützung bei der Wohnungssuche, insbesondere über die städtischen Wohnbaugesellschaften. Ich denke, so ist das System auch ausgelegt – die Bearbeitungszeiten der Anträge sind halt einfach zu lang.

  • Unmöglich.

    Allerdings sind gerade die Hotels hier auch so voll wegen der IFA, hab gerade selber erfolglos versucht normale preiswerte Zimmer zu bekommen

  • Luisa sagt:

    Da kann ich Max Müller nur recht geben. Erstmal sollten gerade vom Staat die Rechnungen pünktlich bezahlt werden und dann fühlen sich natürlich auch Urlauber nicht wirklich wohl. Da kann der Schuss schnell nach hinten los gehen für die Hotels.

  • Ivan sagt:

    ich warte schon sieben Monaten lang auf mein Geld von Lageso. Trotzt 5 Mahnungen, ein Anwaltschreiben und Mahnbescheid, kommt von Lageso keine Reaktion.

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