von am 16. November 2017
Noch steht der Bauzaun vor dem Ali Baba Spielplatz.

Noch steht der Bauzaun vor dem Ali Baba Spielplatz. Eröffnet wird er Ende des Jahres.

Noch vor seiner Eröffnung wird der Ali Baba-Spielplatz in der Neuköllner Walterstraße zum bundesweiten Politikum. Tagelang bemühen Medien Anwohner und Lokalpolitiker als Kommentatoren, während im Netz ein wütender Mob tobt. Doch woher kommt der Hass? Eine mediale Spurensuche.

Text und Foto: René Engel

Ein Traum aus 1001 Nacht sollte er werden, angelehnt an das Märchen Ali Baba und die 40 Räuber. Wer aber in den vergangenen zwei Wochen die Berichterstattung über den neuen Kinderspielplatz in der Walterstraße verfolgt hat, konnte beobachten, wie eine vermeintliche Bagatelle online eskaliert ist.

Stein des Anstoßes ist eine drei Meter hohe Holzkonstruktion mit gelbem Halbmond an der Spitze – für die einen, wie Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD), erinnere die Gestaltung an eine „orientalische Burg mit Basar”. In einem Interview betonte sie, dass es ein Beteiligungsverfahren der Nachbarschaft gegeben habe. Die Kita „Ali Baba und seine Räuber“ hatte sich eine Gestaltung gewünscht, die mit der Geschichte ihres Namens verknüpft sei. Es gäbe auch Spielplätze im Pippi Langstrumpf oder Käpt’n Blaubär-Design, so Giffey. Andere, darunter der Berliner AfD-Abgeordnete Carsten Ubbelohde, erkennen darin allerdings einen „Spielplatz mit Moschee” und schlussfolgern: „Die Islamisierung schreitet voran”.

Kaum eine Zeitung hat die Geschichte nicht aufgegriffen, kaum eine Medienanstalt hatte kein Kamerateam vor Ort, um zu erörtern, ob hier in Neukölln gerade der holzgewordene Vaterlandsverrat errichtet wird oder doch nur ein ausgefallener Kletterturm. Das Thema, das wenig überraschend den rechtspopulistischen Beißreflex auslöst, wurde medial zum Kampf der Kulturen deklariert. „Blinder Hass wegen Berliner Märchenspielplatz” titelt die Bild, die Welt schreibt „’Verbeugung vor dem Islam‘ oder eben nur ein neuer Spielplatz?“. Im Internet aufgeklaubte Tweets und Facebookposts von „Kritikern”, die eine schleichende Islamisierung durch die Hintertür oder – schlimmer noch – durch die Sandkästen der Republik befürchten, werden exemplarisch zitiert, um das Ausmaß von Wut und Hass zu verdeutlichen.

„Ich spende gerne 5 Liter Super“

Ausgang der Online-Hetzkampagne war anscheinend ein getweetetes Bild des inoffiziellen AfD-Fanaccounts „AfD_Support”, der sich am 24. Oktober über den Spielplatz echauffierte. Die Empörung war schnell groß: Auf Twitter schrieb ein User „Bitte sofort abreißen – was kommt als nächstes? Steinigung spielen im Sandkasten?”. Doch damit nicht genug: Von Forderungen, den Kinderspielplatz mit Schweinefleisch oder Exkrementen heimzusuchen, ihn zu demolieren oder besser direkt abzubrennen („Ich spende gerne 5 Liter Super”) ist aus den Niederungen des Internets jedwede Nettigkeit dabei, die man sich vorstellen kann.

Doch wer meldet sich hier eigentlich zu Wort? Ist in der Mitte unserer Gesellschaft wirklich eine wütend geführte Diskussion über einen gelben Halbmond auf einem Neuköllner Spielplatz entbrannt? Löst dieser Spielplatz  eine Kontroverse aus, wie die Berliner Morgenpost berichtet oder folgt diese Debatte ähnlichen Mustern wie der Umgang mit der AfD, wo jeder Tabubruch, jedes Extrem medial ausführlich und mehrfach aufbereitet wird? Anwohner jedenfalls reagieren sehr viel besonnener: Die meisten scheinen sich an dem Stück Orient unterhalb der Ringbahn nicht zu stören, einige äußern Kritik. Von der Schärfe der Kommentare im Netz ist zwischen den Haltestellen Hermannstraße und Grenzallee jedoch keine Spur.

Woher kommt also der Hass?

Schaut man sich die Profile der Nutzer an, findet man meist Accounts, die sich rege vor allem zwei Themen widmen: Flüchtlinge und Islam. Verschwörungstheoretiker, Merkel-Hasser, Rechtsnationale und Rassisten geben sich im digitalen Miteinander die Klinke in die Hand, wenn es darum geht zu zeigen, dass Deutschland quasi am Abgrund steht. Es ist in dieser Hinsicht sicher kein Zufall, dass AfD-Verbände und -Politiker in den sozialen Medien große Gefolgschaften haben. Kommunikationswissenschaftler Gerhard Vowe erklärt das im Interview mit der Frankfurter Rundschau so: „Zu politisch extremen Positionen findet sich im Netz eine große Gefolgschaft, einfach weil diese Positionen gezielt gesucht und gefunden werden können (…) Und diejenigen, die mit solchen Positionen sympathisieren, finden im Netz Unterstützung und Echo – das beflügelt.” Natürlich darf man nicht totschweigen, wenn so etwas teilweise hundertfach im Internet verbreitet wird. Aber bildet das die Debatte in diesem Land wirklich adäquat ab?

Eine klarere journalistische Einordnung wäre hier wünschenswert gewesen: Wer äußert sich wie und zu was genau? Viele der in den Medien herangezogenen wütenden Reaktionen waren direkte Antworten auf den oben erwähnten Ausgangs-Tweet. Verfolgt man diese Antworten weiter, finden sich sehr häufig öffentlich einsehbare Profile mit seitenlangen Reaktionen auf ebensolche Themen – oft mit rechtspopulistischem oder sogar rassistischem Gedankengut.

In der Walterstraße 22 verlegt derweil ein einsamer Bauarbeiter am Samstagnachmittag Bodenplatten. Seit Dienstag seien er und seine Kollegen nach fünfwöchiger Pause wieder im Einsatz, um den Spielplatz bis Ende November fertigzustellen. Seitdem wären jeden Tag zahlreiche Pressevertreter dort gewesen. Auf die teils heftigen Reaktionen im Netz angesprochen sagt er: „Ich verstehe das nicht, das ist ein Kindermärchen. Ich verstehe auch den medialen Hype nicht, der darum gemacht wird. Aber das ist natürlich Futter für die AfD.”

 

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