von am 9. Juni 2016
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Gut Ding will Weile haben – morgens um 8:00 auf dem Tempelhofer Feld. Foto: Melanie Reinsch

Der Moscheen-Verband sagt das Fastenbrechen mit dem Bundestagspräsidenten ab – und der Boulevard hat schnell einen Sündenbock. Derweil möchte Berit Yilmaz nicht mehr mit den Bundestagsabgeordneten Öczan Mutlu (Grüne) und Azize Tank (Linke) reden – und das trotz Ramadan. Warum das alles? Die Armenien-Resolution des Bundestags sorgt für Wut und Unverständnis in der türkischen Gemeinde.

Der Moscheen Verband DITIB (Türkisch Islamische Anstalt für Religion e.V.) sagte am Mittwoch das Fastenbrechen mit dem Bundestagspräsidenten Norbert Lammert und zwei Bundestagsabgeordneten ab und begründete seine Entscheidung mit der  „emotionalen und hoch politisch polemisierten Atmosphäre“ in den letzten Tagen. Der Moschee Verband sah sich, so wie auch viele Abgeordnete, nach der Verabschiedung der Armenien-Resolution im Bundestag, vielen Anfeindungen aus der türkischen Gemeinde ausgesetzt.

Yilmaz als Sündenbock der BZ

Bekir Yilmaz, Chef der Türkischen Gemeinde zu Berlin, wunderte sich derweil über den Rummel um seine Person. Am Dienstag veröffentlichte die BZ einen Artikel, in dem ihm vorgeworfen wurde, auf Facebook eine Demonstration vor der Sehitlik Moschee angekündigt zu haben, da er gegen den geplanten Iftar-Empfang sei. „Das habe ich so nie geschrieben“, erklärt er. „Ich habe mich darüber beschwert, dass die Moschee einen Iftar abhält – und dazu stehe ich. Zu einer Demonstration habe ich nicht aufgerufen“, sagt er. Dass er in der BZ als Sündenbock für die Absage der Veranstaltung dasteht, macht ihm jedoch nichts aus. „Das kann ich ab“, erklärt der Chef des über 70 Vereine zählenden Dachverbandes der Türkischen Gemeinde Berlins. Der Grund für die Absage der Veranstaltung ist nicht ein Facebookpost von Yilmaz, sondern eine Vielzahl von Beschwerden, die per E-Mail, Facebook oder durch Anrufe bei DITIB eingingen.

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Bekir Yilmaz (rechts im Bild) vor der Sehitlik Moschee mit Freunden nach dem Gebet. Foto: Bekir Yilmaz

Kein Dialog mit türkischstämmigen Abgeordneten

Yilmaz ist die symbolische Bedeutung von Iftar-Empfängen durchaus bewusst. So hält er auch den Dialog mit der deutschen Politik für sehr wichtig. Doch wer repräsentiert die deutsche Politik? „Herr Lammert hätte gerne kommen können, aber mit den Abgeordneten, die einen türkischen Namen tragen, sollte man sich nicht mehr an einen Tisch setzen und reden“, erklärt er. Gemeinsam mit DITIB hatte Yilmaz zwei Demonstrationen vor dem Brandenburger Tor gegen die Armenien-Resolution veranstaltet. Das Ergebnis der Abstimmung am 2. Juni konnten sie jedoch nicht beeinflussen. Die Resolution wurde mit großer Mehrheit des Bundestages verabschiedet. Tank stimmte mit „Ja“, Mutlu blieb der Abstimmung fern.

DITIB verurteilt Hass und Gewalt

Als Reaktion auf die Kommentare im Netz, Briefe und Mails verurteilte DITIB in einer öffentlichen Presseerklärung „jede öffentliche Schmähung, jeden Aufruf zu Hass und Gewalt“. Der Islam müsse den Dialog suchen, egal mit wem.

IFTAR

Quelle: DITIB Presseerklärung vom 06.08.2016 http://www.ditib.de/detail1.php?id=519&lang=de

Auf Anfrage eines Interviews verwies die Pressestelle von DITIB auf ihr öffentliches Statement und gab an, keine telefonischen Interviews führen zu wollen.

Felgentreu ruft zur Gelassenheit auf

Der Neuköllner Bundestagsabgeordnete, Fritz Felgentreu (SPD), kann die Entscheidung DITIBs nachvollziehen. „Es ist manchmal wichtig, vorerst auf Deeskalation zu setzen. In diesem Fall war es wohl richtig den Empfang abzusagen.“ Was der Bundestagsabgeordnete jedoch nicht nachvollziehen kann, ist die Einstellung, die einige Mitglieder der türkischen Gemeinde seinen Kollegen aus dem Bundestag entgegenbringen. Felgentreu sieht eine Parallele zwischen der Aussage des türkischen Präsidenten Erdogan, „manche Abgeordnete seien der verlängerte Arm der PKK“, und der Stimmungsmache mancher Gemeindemitglieder gegen deutsche Abgeordnete mit türkischen Wurzeln. „Da hat man eher das Gefühl, manche Menschen in Deutschland begreifen sich als verlängerten Arm der AKP“. Es sei wichtig, den Leuten klar zu machen, dass Tank, Mutlu, Özdemir und weitere Abgeordnete, gewählte Vertreter des deutschen Volkes und somit dem Gemeinwohl verpflichtet seien. „Wir müssen diese Abgeordneten in Schutz nehmen.“

Lammert solidarisiert sich

In einer Rede bekräftigte Bundestagspräsident Lammert am Donnerstag seine Solidarität mit den Abgeordneten, welche sich einer Vielzahl von Anfeindungen ausgesetzt sehen. Ein Angriff auf ein Mitglied des Bundestages sei ein Angriff auf „das ganze Parlament“.

 

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