von am 11. März 2016

IMG_0840Neukölln hat einen neuen Platz: Gewidmet der 2010 verstorbenen Jugendrichterin Kirsten Heisig, die für ein hartes Durchgreifen im Umgang mit jugendlichen Intensivtätern bekannt war. Zur Einweihung hielt auch Ex-Bürgermeister Heinz Buschkowsky eine Rede auf seine Wegbegleiterin. Doch auch Kritiker waren erschienen.

„So viel wie heute morgen putzt die Stadtreinigung hier auf’s ganze Jahr verteilt“, staunt der Verkäufer einer Bäckerei an der Emser Straße und beobachtet die Menschenansammlung vor seinem Laden. Rund hundert Berliner, vor allem Neuköllner, sind zur Einweihung des neuen Kirsten-Heisig-Platzes an der Ecke Emser Straße/Kirchhofstraße gekommen. „Jugendrichterin *1961 †2010“ steht unter Heisigs Namen auf den großen weißen Schildern. Vor sechs Jahren beging sie Suizid, im Alter von 48 Jahren.

Deutschlandweit wurde Kirsten Heisig als Neuköllner Jugendrichterin bekannt, die die Öffentlichkeit nicht scheute, über ihre Erfahrungen sprach und Änderungen anmahnte, auch im Justizapparat – wodurch sie nicht viele Freunde gewann. Heisig entwickelte das „Neuköllner Modell“, nach dem jugendliche Straftäter schneller vor Gericht gestellt wurden. Strengere Urteile sollten außerdem abschreckend wirken und brachten ihr den Namen „Richterin Gnadenlos“ ein. Heisig konstatierte eine zunehmende Verrohung unter jugendlichen Intensivtätern. Sie wies darauf hin, dass die einzelnen Taten von steigender Brutalität gekennzeichnet waren, die sich an den bloßen Statistiken nicht ablesen ließen. Heisig wirkte außerdem auf die Zusammenarbeit der Gerichte mit den Schulen, Jugendämtern und Familien junger Straftäter hin.

„Knast Light“ für jugendliche Straftäter

In ihrem Buch „Das Ende der Geduld“ beschrieb Heisig ihr Anliegen – früh auf Familien zugehen, aber auch gesetzliche Härte als Erziehungsmaßnahme zeigen – als notwendig in einer sich zersetzenden Gesellschaft. „Die Menschen achten nicht mehr aufeinander und stehen nicht mehr füreinander ein. Wir versagen als Staat und als Individuen.“ In Interviews schreckte sie allerdings auch nicht vor Polemik zurück. Heisig bezeichnete vierwöchigen Arrest schon mal als „Knast light“ oder „Schnupperkurs in Freiheitsentzug“. Dieser scheinbar nonchalante Umgang mit den Biografien junger Menschen brachte ihr Kritik ein – auch, da Heisig regelmäßig auf die Überrepräsentation von Jugendstraftätern mit Migrationshintergrund hinwies.

IMG_0826Unter den Besuchern des Festakts zur Einweihung des Platzes ist Nadja, eine palästinensisch-deutsche Juristin. Sie hält die Platzbenennung für falsch: „Frau Heisig ist dafür bekannt geworden, dass sie ins selbe rassistische Horn wie Sarrazin und Buschkowsky stieß. Mit ihren Beiträgen hat sie den Eindruck erweckt, als wären insbesondere ‘arabische‘ oder ‘türkische‘ junge Männer kriminell. Sie hat damit nachhaltig das Vorurteil des ‘kriminelles, ausländischen Jugendlichen‘ geprägt.“ Diesen Eindruck teilen einige Teilnehmer des Festaktes zur Platzeinweihung. „Das ist doch eine Provokation. Heisig hat ein reines Stigma geschaffen: Neukölln als Ort der Ausländerkriminalität“, raunt ein junger Mann während der Rede Heinz Buschkowskys (SPD), Neuköllns langjährigem Bürgermeister. Auch das Ordnungsamt ist sich der Kontroverse bewusst. „Die Schilder konnten wir erst vorhin aufstellen“, erzählt ein Mitarbeiter, „da wir Angst hatten, dass sie sonst vor der Enthüllung noch beschädigt werden. Da werden wir in nächster Zeit ein Auge drauf haben.“

Appell an die Mütter

In ihrem Buch schlug Heisig allerdings auch differenzierte Töne an. Sie beschrieb ebenfalls die Verrohung unter Deutschen ohne Migrationshintergrund, sowie den Anstieg rechts- und linksextremer Straftaten. Ihre Lösung lag vor allem in der Bildung. Sie versuchte, die Mütter junger Straftäter zu erreichen, um sie zu warnen: Wenn sie auf ihre Söhne nicht achtgeben, wandern sie irgendwann ins Gefängnis. Am Rande des Festakts erinnern sich Vertreter des Türkisch-Deutschen Zentrums (TDZ) an eine gemeinsame Veranstaltung in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV), zu der Heisig türkische und arabische Mütter eingeladen hatte. „Wir haben gut zusammengearbeitet“, sagt Ümit Baba, der Generalsekretär des TDZ. „Kirsten Heisig wollte Jugendliche unterstützen. Sie hat nicht nur mit der Presse geredet, sondern auch viel Konkretes geleistet. Sie trat an die türkischen und arabischen Communities heran – wir fühlten uns von ihr ernstgenommen.“

IMG_0844Darauf weist auch Franziska Giffey (SPD), Neuköllns Bezirksbürgermeisterin, in ihrer Ansprache hin. „Kirsten Heisig hatte viel Gegenwind, aber sie hat durchgehalten und die Eltern mit ins Boot genommen. Achten Sie auch auf diesen Platz, um ihr Andenken zu erhalten.“ Zusammen mit Berlins Justizsenator, Thomas Heilman (CDU), enthüllt Giffey die Platztafeln. Falko Liecke (CDU), Bezirksstadtrat für Jugend und Gesundheit, kündigt an, noch in diesem Monat einen integrativen Plan vorzulegen, der das Neuköllner Modell weiterentwickelt.

So kann jeder wohl seine eigene Kirsten Heisig finden: Für einige ist sie immer noch „Richterin Gnadenlos“; aber sie war auch eine engagierte Frau, die Polemik nicht scheute und das Zusammenleben im Bezirk tatsächlich und nachhaltig verbessern wollte. Sie erklärte den Kampf gegen zunehmende Verrohung und Brutalität mit den Mitteln des Rechtsstaates zur Lebensaufgabe, und zerbrach vielleicht daran. Dass der Bezirk ihr dafür Tribut zollt, ist nur konsequent. Wie aber die Neuköllner mit dem Platz und dem Andenken umgehen, wird sich erst noch zeigen.

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Ein Kommentar:

  • TRHP sagt:

    DAS ENDE DER GEDULD

    Es ist ein lesenswertes und wichtiges Buch geworden.

    Mir, wie auch anderen, die sich bis heute für Kirsten Heisig interessieren und recherchiert haben, erscheint es unstimmig und nicht nachvollziehbar, inwiewiet sich eine solche Kämpfernatur mit starkem sozialem Bewusstsein, (als Mensch schmerzlich vermisst von beispielsweise türkischen Vätergruppen oder ehemaligen Delinquenten) kurz vor der Veröffentlichung ihres aufsehenerregenden Werks an einem mehrere Meter hohen Baum im Hochsommer erhängt haben soll.
    Aus der Berichterstattung verschwand neben diesem mysteriösen Umstand auch ihr Hund, zur Sicherheit steter Begleiter bei jedem Waldlauf…

    Die meines Erachtens von oben verordnete Feigheit vonseiten der Polizei, das Vertuschen wichtiger Details und die vorschnelle Presseerklärung damals, es handelte sich um Selbstmord, lassen mich persönlich daran festhalten: Es war eine Hinrichtung, es war Mord, aus Rache und zum Zwecke der (gelungenen) Einschüchterung.
    Die Macht eines Clans mafiöser Struktur, dessen Name ebensowenig gerne laut genannt wird wie der von Voldemort, wird in Neukölln weiterhin ge- und erduldet; das war offenbar sogar das Opfer einer integeren und sozial engagierten Richterin wert.

    Nun einen Platz nach ihr zu benennen, macht ZweifelerInnen wie mich wütend und vor Kirsten Heisig und den ihr nahestehenden Menschen nichs wieder gut.
    Die Bitterkeit bleibt.
    Die Fragen bleiben.

    Mögen die Verantwortlichen bzw. Erpressbaren in handlungsbefugter Position nachts nicht schlafen.
    Mögen ihnen das Verschweigen und die Speisen schwer im Magen liegen.
    Zu wissen, dass gerade diese Frau nicht einzuschüchtern und nicht korrumpierbar war und ihr über Tod/ Exekutierung hinaus noch solches Unrecht anzutun, ist eine schwere Bürde –
    und es fragt sich, wann wessen Geduld tatsächlich zu Ende sein mag, wann jemand Furcht und Käuflichkeit überwindet, um die Untersuchungen korrekt wieder aufzurollen und zu Ende zu bringen.

    Vergesst diesen Platz.
    Klärt auf, was geschah.

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