von am 5. März 2015
DEMOKRATIE_BRAND

Foto: Marco Cosignani

Lernen wir aus politischen Kämpfen der Vergangenheit? Das Stück „Demokratie! Meinen Enkeln erklärt“ geht in der KMS 145 dieser Frage nach und bettet einzelne Schicksale in einen historischen Kontext ein. Deutschland als Kurzdrama in drei Akten.

Wann werden Menschen gesellschaftlich oder politisch aktiv? Welche persönliche Haltung liegt dem zu Grunde? Das europäische Projekt „WISE – Workshop Identitiy: a Story about Europe“ untersuchte in Zusammenarbeit mit Bürgern aus vier verschiedenen Teilen Europas – Polen, Italien, Großbritannien und Deutschland – die Wechselwirkungen von politischen Systemen, gesellschaftlichem Engagement und persönlichen Biografien. Bei den Workshops und Interviews nahmen über 60 Teilnehmer im Alter von 65 – 98 Jahren teil. Die Ergebnisse bildeten die Grundlage für zwölf Kurzdramen, von denen die drei deutschen Teile durch den Verein BRAND am 19. und 20. März im Nachbarhaus des Heimathafens inszeniert wurden.

Erlebnisse der Nachkriegsgeneration West

Der erste Theaterparcours unter der Regie von Pavel Schwejka spielte im Erdgeschoss eines leer stehenden Altbaus der Karl-Marx-Straße. Drei Schauspielerinnen und ein Schauspieler stimmten im Chor einen Sprachgesang über die RAF an, um im Folgenden in der Rolle der Zeitzeugen von deren Erlebnissen zu berichten: Von einer Kindheit in Pommern der 50er Jahre, den Zukunftsängsten der Nachkriegsgeneration und einem Umzug auf den großen Abenteuerspielplatz, der zerstörten ‚Frontstadt‘ Berlin. Von Erinnerungen eines jungen Pfarrers, der sich in den 60ern der marxistischen Theologie und dem christlichen Sozialismus widmete. Der Zuschauer erfuhr, dass alle zum „Berichtablegen“ auf die Straßen zogen. Die RAF war in aller Munde, ehemalige NSDAP-Abgeordnete arbeiteten weiterhin in gehobenen Positionen des Staates und „keiner hatte es gemerkt“.

Mit dem Ruf „Schah raus!“ endete das erste Kapitel. Man hörte von der Enge in den Massenveranstaltungen, den Prügelpersern und der Polizeitaktik Leberwurst, bei der die Polizei in der Mitte der Menge eingriff um die Pelle zum Platzen zu bringen. Beim Ausweich- und Fluchtversuch starb der West-Berliner Student Benno Ohnesorg. Die Schauspielerin als Zeitzeugin flüsterte schockiert: „In all dem Krach kann man nur meinen, dass da ein Schuss gefallen ist“.

Schicksale in der DDR

Danach ging es für die Besucher in eine leerstehende Wohnung des gut erhaltenen Altbaus im ersten Stock. Der Vorführraum, getrennt durch große Flügel- und Schiebetüren, verwandelte sich mit Hilfe von Licht, Video- und Toneinlagen und minimalistischem Aufwand in eine perfekte Szenerie für die Kapitel „Vertrauen ist gut“ und „Links ist da, wo keine Heimat ist“ unter der Regie und Dramaturgie von Heidrun Kaletsch.

Der Protagonist katapultierte die Zuschauer in das Ostberlin der 60er Jahre, indem er beschrieb, was draußen vor sich ging: Vor dem Fenster fand eine Kundgebung statt; kein Verkehr, die Polizisten in den Seitenstraßen warteten darauf, dass es losging, die Mitarbeiter des Verfassungsschutzes hielten ihre Kameras bereit und der Veranstalter stand mit seinem Megafon verunsichert auf einer Ladefläche eines LKWs.

Misstrauen und Warnrufe

Die Besucher der Vorstellung erfuhren, wie sich die Lebensgeschichte des jungen Mannes auf dem LKW zugetragen hatte, von seiner „Zwiesprache“ in der Schule und Zuhause, von seinem Fluchtversuch aus Ostberlin und welche gesellschaftlichen und politischen Ereignisse damals in der DDR stattfanden.

Szenenwechsel: Ein Wohnzimmer in der DDR. Der Beobachter hörte von stetigen Bespitzelungen seitens des Staates. Vor niemandem war man sicher. Der Nachbar hatte „die Macht, Schicksal zu spielen“. „Berichtet der über mich?“, fragte eine verunsicherte Mutter im Stück. Ein kleiner Rest Misstrauen sagte sie, ein innerer Warnruf in Form eines leichten Schauers sei auch nach so vielen Jahren noch geblieben.

Die Inszenierung ist insgesamt gelungen. Die Geschichten und einzelnen Schicksale, eingebettet in den historischen Kontext, sind gut recherchiert, spannend wiedergegeben und lassen keine Langeweile aufkommen. Die schauspielerische Leistung ist darüber hinaus ein Trostpflaster für den stattlichen Eintrittspreis.

Am 6. und 7. März wird „DEMOKRATIE! Meinen Enkeln erklärt“ erneut in der Karl-Marx-Straße 145 (neben dem Heimathafen) aufgeführt. Eintrittspreis: 15/10 € (ermäßigt), Dauer ca. 120 Minuten.

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