von am 15. Januar 2017
Publikum bei der Preisverleihung des Neuköllner Kunstpreises 2017

Publikum bei der Preisverleihung des Neuköllner Kunstpreises 2017

Am Freitagabend wurde der erste Neuköllner Kunstpreis verliehen. Der Hauptpreis ging an die Foto-Installationskünstlerin Diana Artus. Und es gab weitere glückliche Gewinner vor dicht gedrängtem Publikum in der Galerie im Saalbau.

Fotos: Emmanuele Contini

Blick in den hinteren Raum der Galerie im Saalbau Neukölln. Hat sich da was von der Galeriewand abgeglöst? Träge wölbt sich ein Teil der großformatigen Fotografie einer Hochhausfassade nach unten. Der genauso müde wie einschüchternd wirkende Gebäudekomplexes ist so halb verdeckt. Noch zu sehen sind zwei Männer, sie säubern akribisch den Betonboden am Fuße des Koloss. „Dropout #1“ heißt das Werk, mit dem Diana Artus am Freitagabend den ersten Neuköllner Kunstpreis gewonnen hat. Und nein, da hat sich natürlich nichts einfach so von der Wand gelöst.

Die Stadt als Resonanzraum

Unter zehn Nominierten wurde der Künstlerin der mit 3.500 Euro dotierte Hauptpreis verliehen. „Diana Artus untersucht unter dem Begriff der ‚Psychogeografie‘ moderne Stadträume“, hieß es in der Jurybegründung. „So fängt sie die Stadt als Resonanzraum individueller und kollektiver Verfassungen ein, und schafft in ihrem experimentellen Spiel mit dem Medium Fotografie ein skulpturales, narratives Bildobjekt.“ Diana Artus selbst spricht von „erschöpften Architekturen oder erschöpften Bildern“, denen sie eine ganze Werkserie gewidmet hat. Viele ihrer Arbeiten beziehen sich auf die Leistungsgesellschaft.

Die Bildhauerin Katharina Moessinger erhielt den zweiten (1.000 Euro) und Fotografin Franca Wohlt (500 Euro) den dritten Preis.

Die erste Preisträgerin des Neuköllner Kunstpreises, Diana Artus, vor ihrem Werk "Dropout #1" von 2015, ein Latexdruck auf Bluebackpapier mit Einschnitt

Die erste Preisträgerin des Neuköllner Kunstpreises, Diana Artus, vor ihrem Werk „Dropout #1“ von 2015, ein Latexdruck auf Bluebackpapier mit Einschnitt

Die Gewinnerin des Hauptpreises, Diana Artus, mit einem von Künstlerin Barbara Duisberg gestalteten goldenen Pinsel bei der Verleihung neben Katharina Bieler, Leiterin des Fachbereichs Kultur des Bezirksamtes Neukölln (l.) und Anne Keilholz, Geschäftsführerin von STADT UND LAND

Die Gewinnerin des Hauptpreises, Diana Artus, mit einem von Künstlerin Barbara Duisberg gestalteten goldenen Pinsel bei der Verleihung neben Katharina Bieler, Leiterin des Fachbereichs Kultur des Bezirksamtes Neukölln (l.) und Anne Keilholz, Geschäftsführerin von STADT UND LAND.

Katharina Moessinger erhielt den mit 1.500 Euro dotierten zweiten Neuköllner Kunstpreis

Katharina Moessinger erhielt den mit 1.500 Euro dotierten zweiten Preis des Neuköllner Kunstpreises.

Der dritte Neuköllner Kunstpreis ging an die Fotografin Franca Wohlt (500 Euro)

Der dritte Neuköllner Kunstpreis ging an die Fotografin Franca Wohlt (500 Euro).

Doch wozu so eine lokale Auszeichnung in der Kunst-Hauptstadt? „Neukölln ist einer der wichtigsten Produktionsstandorte für die Kunst in Berlin – und das haben noch nicht alle mitbekommen“, betonte Jury-Mitglied Martin Steffens vom Kulturnetzwerk Neukölln, zusammen mit dem Fachbereich Kultur des Bezirksamtes Neukölln Initiator der Auszeichnung, vor dicht gedrängtem Publikum auf der Preisverleihung. „Da haben wir gesagt, wir müssen mal zeigen, was hier für Potenziale im Bezirk sind.“

„Irrsinnige Zahl“ an Einsendungen

180 Bewerbungen hatte die siebenköpfige Jury zu bewältigen. „Eine irrsinnige Zahl, mit der wir gar nicht gerechnet haben bei der ersten Ausschreibung“, freute sich Steffens. Die freie Kuratorin Dorothee Bienert, ebenfalls in der Jury, fand interessant, dass es in dem breiten Spektrum auch relativ viel Skulptur gab. „Und es war eine sehr gute Mischung aus alt eingesessenen Neuköllnern, die hier schon seit Jahren auf einem hohen Niveau arbeiten, und hinzugekommenen nationalen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern.“

Dorothee Bienert, freie Kuratorin und Jury-Mitglied für den Neuköllner Kunstpreis

Dorothee Bienert, freie Kuratorin und Jury-Mitglied für den Neuköllner Kunstpreis

Zu eben jenen alt Eingesessenen gehört der Maler Carsten Kaufhold, dem die Wohnungsbaugesellschaft STADT UND LAND – Unterstützer des Neuköllner Kunstpreises – einen Sonderpreis überreichte in Form eines Bildankaufs im Wert von 1.500 Euro.

Der Maler Carsten Kaufhold, Gewinner des Sonderpreises der Wohnungsbaugesellschaft STADT UND LAND

Der Maler Carsten Kaufhold, Gewinner des Sonderpreises der Wohnungsbaugesellschaft STADT UND LAND

Jury-Mitglied Martin Steffens vor der Arbeit "Event Horizon" vom Künstlerduo Janine Eggert/Philipp Ricklefs

Jury-Mitglied Martin Steffens vor der Arbeit „Event Horizon“ vom Künstlerduo Janine Eggert/Philipp Ricklefs

Und man sieht das von Martin Steffens beschworene Potenzial in der von Künstlerin und Jury-Mitglied Cathérine Kuebel behutsam kuratierten Ausstellung mit den eingereichten Werken der zehn Nominierten in der Galerie im Saalbau. Neben den Preisträgern sind dies: Anne Brannys, Janine Eggert/Philipp Ricklefs, Pierre-Etienne Morelle, ON/OFF, Katrin Wegemann und Karen Winzer. Jedes Werk bekommt hier die Aufmerksamkeit, die es verdient, beziehungsweise den Resonanzraum, den es braucht.

Katharina Bieler, Leiterin des Fachbereichs Kultur des Bezirksamtes Neukölln (v.l.), Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey, Kultur- und Bildungsstadtrates Jan-Christopher Rämer, Anne Keilholz, Geschäftsführerin von STADT UND LAND, die zehn nominierten Künstlerinnen und Künstler sowie Martin Steffens vom Kulturnetzwerk Neukölln und Kuratorin Cathérine Kuebel

Katharina Bieler, Leiterin des Fachbereichs Kultur des Bezirksamtes Neukölln (v.l.), Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey, Kultur- und Bildungsstadtrates Jan-Christopher Rämer, Anne Keilholz, Geschäftsführerin von STADT UND LAND, die zehn nominierten Künstlerinnen und Künstler sowie Martin Steffens vom Kulturnetzwerk Neukölln und Kuratorin Cathérine Kuebel

Cathérine Kuebel, Kuratorin der Nominierten-Ausstellung und gleichzeitig Jury-Mitglied

Cathérine Kuebel, Kuratorin der Nominierten-Ausstellung und gleichzeitig Jury-Mitglied

Den Kulturstandort Neukölln stärken zu wollen, versprach Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey im Beisein von Kultur- und Bildungsstadtrat Jan-Christopher Rämer. Dass es dabei vor allem auch um Räume geht, machte Preisträgerin Diana Artus deutlich. Sie lebt seit 2009 im Bezirk. „Mit meinen Studios ist es so, da bin ich ein bisschen nomadisch, weil es ist ganz schwierig ein Studio zu finden, wo man dauerhaft bleiben und das man sich auch leisten kann. Ich brauche nicht jeden Monat ein Studio, ich arbeite teilweise viel am Computer, aber die temporären Studios sind auch meistens in Neukölln.“

Mangel an finanzierbaren Kunsträumen

Neukölln sei ein sehr angenehmer Stadtteil für Künstler, so Diana Artus. Auch wenn es ihr manchmal fast ein bisschen zu viel sei „mit den ganzen ‚project spaces’“. Doch wenn es für diese bald keine finanzierbaren Flächen mehr gibt, dann werden die Kunstnomaden wohl weiterziehen. Denn die Verhältnisse, in denen Kunst stattfindet, sind ja meistens prekär – woran auch der sinnvolle und erfolgreich gestartete Neuköllner Kunstpreis leider nur wenig ändern können wird.

Die Gruppenausstellung „Neuköllner Produktion – Neuköllner Kunstpreis 2017“ ist noch bis zum 26. März 2017 in der Galerie im Saalbau, Karl-Marx-Str. 141 zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Spiegelungen in der Installation "Aufsteigen 8" von Katrin Wegemann

Spiegelungen in der Installation „Aufsteigen 8“ von Katrin Wegemann

Ausstellungsbesucherin vor Carsten Kaufholds "Straße 46" und Franca Wohlts "Umland"

Ausstellungsbesucherin vor Carsten Kaufholds „Straße 46“ und Franca Wohlts „Umland“

Dichtes Gedränge bei der Verleihung des ersten Neuköllner Kunstpreises in der kommunalen Galerie im Saalbau

Dichtes Gedränge bei der Verleihung des ersten Neuköllner Kunstpreises in der kommunalen Galerie im Saalbau

 

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