von am 19. April 2011

Die „offene Bühne“ im Gelegenheiten gibt jedem Künstler eine Chance. Ein voyeuristischer Erfahrungsbericht mit Beat-Box, Elch-Test und Raketenplaneten.

Von wegen hier wird pünktlich angefangen. Als ich um Schlag Acht den zerrockten Eingangsbereich des Gelegenheiten betrete, vergraben sich zehn müde Besucher in Second-Hand-Sesseln und warten auf die versprochene Show. Offene Bühne soll es geben. Mikrofonständer warten vor einer gekachelten Wand. Ich denke an talentierte Dichter, fresstylende MCs, durchgeknallte Performancekünstler, die für zehn Minuten alles auf eine Karte setzen. „If you have only one shot, one golden opportunity…“ Eine Gelegenheit! Vorfreude paart sich mit Ungewissheit. Ich werde mich an Versuchen ergötzen.

Zunächst schwungvoll an den Tresen, um die Wartezeit mit Gerstensaft zu überbrücken. Im Angebot: Staropramen für zwei oder Quartiermeister für einen Euro. Ich bestelle Letzteres. Das hier ist eine politische Entscheidung. Billig Saufen für soziale Projekte in einem nicht-kommerziellen Kulturverein. Dafür liebe ich Neukölln! Als ich in kürzester Zeit beim zweiten Quartiermeister angekommen bin, beginnt sich der Saal schlagartig zu füllen. Ein Künstler scheint seinen gesamten Freundeskreis als Publikum engagiert zu haben. Die Mitvierziger begrüßen sich mit Bussis.

Endlich! Die erste Premierendarbietung rollt auf die Bühne. Nicht der Mann aus der Bussi-Clique, sondern ein glatzköpfiger Italiener namens Silvio. Er wird uns als mehrspurige Beat-Box-Stimmgewalt angepriesen. Noch hantiert er am mitgebrachten Equipment. Er fragt das Publikum nach einem Stichwort. Schweigen. „Flower“, dröhnt es schließlich aus der Ecke. Damit werde er nun einen Song kreieren. Zunächst ein Flüstern, dann erreichen Mantras von undefinierbaren Schnabellauten meine Gehörgänge. Diese Geräuschkulisse wird für einige Takte aufgenommen, ehe das ganze in einem pfurzgewaltigen Kanon aus „Flower, Flower, Flower,…“ und Fäkallauten aufgeht. Respekt! Silvio scheint sein Handwerk zu verstehen. Applaus, Applaus!

Als Zweiter an der Reihe ist Johann. Schwede und Stand-up Comedian. Seit zwanzig Jahren in Deutschland zu Hause und Anführer der Bussi-Fraktion. Johann will uns weiß machen, dass die Schweden die Weltherrschaft übernommen haben. Er arbeitet alle Klischees ab, die dem gemeinen Mario Barth-Fan in den Sinn gekommen wären (Ikea, Volvos, Elch-Tests, Knäckebrot…). Es wird mucksmäuschen still, man könnte eine Stecknadel fallen hören.  Fremdschämen. Einzig die Bussi-Runde bekundet gelegentliche Mitleidslacher.

Nächster Akt: Vera Gitarre, Anna Gesang. Es werden selbstkreierte Songs mit Titeln wie „The Taxidriver“ oder „Raketenplaneten“ geträllert. Anna kann singen, aber die nächste Shakira wird sie nicht. Ein Zukunftsszenario schwirrt mir durch den Kopf: Ein A&R Manager wird auftauchen und ihr Dinge versprechen, die sie mit kurzem Kleidchen und Diskopop, auf alle erdenklichen Dorfkirchweihen der Republik führen wird. Vera ist da längst vergessen.

Nachdem sich die beiden Mädels verabschiedet haben, ist die 30-minütige Show im Gelegenheiten vorbei. Fazit: Beat-Box, Killer. Elch-Comedy und Mädchenpop, Zeitfüller! Mal sehen, wer sich am dritten Freitag im Mai erneut dem kritischen Neuköllner Publikum stellen wird, wenn es wieder heißt: Offene Bühne im Gelegenheiten!

 

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