von am 10. Oktober 2013
Nackte Männer Ausstellung

Alex Kiessling: The big one, prototype

Lange Zeit von Kuratoren vernachlässigt, wird der männliche Akt in diesem Jahr gleich von mehreren Kunstausstellungen in Europa unter die Lupe genommen. Auch das Schloss Britz widmet nackter Männerhaut eine kleine, aber feine Schau.

Es war ein kleiner Skandal, als das Wiener Museum Leopold im Herbst letzten Jahres seine Ausstellung „Nackte Männer. Von 1800 bis heute“ mit Plakaten ankündigte. Sie zeigten eine Fotografie der französischen Künstler Pierre et Gilles: Drei Fußballspieler unterschiedlicher Hautfarbe, bis auf Kniestrümpfe und Schuhe nackt. Noch etwas größer wurde die Aufregung, als das Museum wenige Tage später die Genitalien überkleben ließ. So viel Nacktheit war wohl zu viel für die eher prüde österreichische Hauptstadt. Weiterhin schaffte es das Museum in die Medien, als es eine anbot.

Detail aus der Ausstellung „Der Mann – Nackt“

So viel Aufregung ist in Britz nicht zu erwarten. Ziemlich leise eröffnete hier Mitte September eine Schau über nackte Männer in der Kunst, und statt einer Führung ohne Kleider veranstaltet man lieber einen Aktmalkurs. Während die Wiener Schau nun im Pariser Musée d“Orsay zu sehen ist, hat das Schloss Britz „Der Mann – Nackt“ vom Linzer Lentos Museum übernommen und neu aufbereitet. Vier Ausstellungen in einem Jahr sind ziemlich viel Aufmerksamkeit für ein Thema, das lange Zeit stiefmütterlich behandelt wurde. Mag es daran liegen, dass die zumeist männlichen Künstler lieber den nackten Frauenkörper studierten?

Keine Lehrstunde in Kunstgeschichte

In der Antike war das Ziel von Aktdarstellungen, ein körperliches Ideal zu vermitteln. Im Mittelalter war die Abbildung des nackten Körpers nur erlaubt, wenn sie einen religiösen Sinn erfüllte, etwa bei Adam und Eva. In der Renaissance wurde die Antike wiederentdeckt und mit ihr die idealisierte Darstellungsweise. Erst im späten 19. Jahrhundert zeigen Künstler den menschlichen Körper so, wie er ist – ausschlaggebend für den Wandel war die Fotografie, die ebenfalls schonungslos die Wirklichkeit zeigte.

Diese historischen Hintergründe werden in der Britzer Ausstellung nicht deutlich. Sie sind vielleicht auch gar nicht so wichtig. Die Ordnung nach Themengebieten macht hier mehr Sinn, als die Epochen nach und nach abzuklappern. Dafür lassen sich innerhalb der Kapitel zeitgeschichtliche Tendenzen erkennen, was das gesellschaftliche Bild des Mannes angeht: Beim Thema „Kraft“ etwa stehen Skulpturen von Arno Breker und Fotografien von Michael Neumüller für das Männlichkeitsideal im Nationalsozialismus, während die Darstellungen von posierenden Bodybuildern von Saskia de Boer von 1973 und der Blue Noses Group aus dem Jahr 2005 dem Thema einen ironischen Dreh geben. Mandy Havers zeigt den Muskelmann als Lederbüste mit vielen Schnallen, Striemen und Gurten, fast wie ein Korsett, das das eigentliche Wesen des Mannes versteckt und einschnürt.

Nackt, aber nicht ernst

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Kunst zum Nachdenken: Was ist die Rolle des modernen Manns?

Auf ähnliche Weise werden auch andere Kapitel in sich gebrochen. Zum Thema Natur treffen etwa idyllische Badeszenen, die Wilhelm de Gloeden um 1900 machte, auf ein Exemplar der Serie „Ständerfotos“ von der Gruppe Gelatin. Auf übertriebene Weise setzen sie die wilde Natur mit der männlichen Potenz gleich, indem sie einen Mann mit erigiertem Penis vor einem Bergpanorama zeigen. Überhaupt, der Penis – ihm wird zwar ein eigenes Kapitel gewidmet, aber nach Betrachtung all der alten, jungen, dicken, dünnen, wie auch immer gearteten Männerkörper hat man nicht das Gefühl, dass er in der Ausstellung die Hauptrolle spielt. Oft ist er sowieso nicht zu sehen, denn viele Künstler haben ihre Objekte nur halbnackt abgebildet oder das Geschlechtsteil in ihren Malereien oder Zeichnungen nur angedeutet. Tatsächlich vermittelt die Ausstellung ein vielschichtiges Männerbild: Vom Ideal des Muskelbergs über den unsicheren Jüngling bis hin zum einsamen Wolf. Mit unterschiedichen Medien stellen die Künstler den männlichen Körper dar und schaffen es, mittels der entblößten und verletzlichen Nacktheit noch mehr zum Ausdruck zu bringen: Das hin- und hergerissen sein des modernen Mannes zwischen vielen verschiedenen Rollen und Erwartungen.

Schloss Britz
Ausstellung bis 19.1.2014
Di – So 11-18 Uhr
www.schlossbritz.de

 

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