von am 13. Dezember 2015

iphone_torbenEin Like hier, ein Kommentar da, noch schnell ein Youtube-Video gucken und schwups ist der ganze Tag vorbei. Unser Autor hat keinen Bock mehr auf dieses Smartphone-Gefängnis, das ihm die Zeit raubt. Ein Aufruf, sich davon zu befreien.

Werft eure Smartphones weg – werdet MenschEs reicht nicht nur darüber zu schreiben! Geht raus, macht euch frei von allem Social Media Schund und missioniert eure Umwelt! Die Botschaft muss raus: Werft eure Smartphones weg – werdet Mensch. Aber, wie gesagt, vorher noch bitte liken und teilen. Danke [Heute: mit einer extra Portion moralischem Überlegenheitsgefühl]

Posted by Müßiggang Magazin on Mittwoch, 2. Dezember 2015

Lange Zeit war ich eingekerkert und infiziert mit dem „habit mortifero“ der Generation Y. Viel zu lange ließ ich mich vom Wahnsinn der Facebook-, Twitter- und WhatsApp-indoktrinierten Gesellschaft unterbuttern. Ich ertrank in einem Sumpf aus gelikesharten Beiträgen, in der geschönten Fabelfarbwelt verformter Instagramfilter und der Sucht nach immer mehr Zuspruch einer virtuellen Gemeinde von Freunden, die mein wahres Ich nicht kennen und nie kannten. Dennoch wurden sie zum Gradmesser meiner verblendeten Selbstwahrnehmung. Ich war nicht mehr ich selbst, sondern die Marionette einer gleichgeschalteten Assimilierungssociety, die schon lange vergessen hat, wie es sich anfühlt die Ketten des World Wide Web abzustreifen – wie es ist ein Mensch zu sein.

Doch wie kam es zu meinem Sinneswandel? In der monotonen, Trübsal erschaffenden Sozialen-Netzwerk-Welt braucht es schon mehr als einen Wetterumschwung, um die Blicke der Menschen weg von ihren Smartphonedisplays, aus dem Fenster und auf die Straße oder rauf zum Himmel zu lenken. Das Vibrieren des kleinen Schatzes in der Hosentasche, das erquickende „Pling“ einer ankommenden Nachricht beim Empfänger oder das blinkende Signallämpchen des auf lautlos geschalteten Handys in der Konferenz – sie lassen unsere Herzen höher schlagen und machen uns unempfänglich für die so dringend benötigte Sozialkritik an unserem Handeln.

Zwei Virtuosen gegen die Smartphones

Oh Mutter Natur, lass uns nicht an unserer Selbstbestätigungskultur vergehen. Nicht alle Menschen sind so falsch, so blind, so taub, für deine Wunder, deine Realität. Und Mutter Natur erhörte die stummen Hilfeschreie der stark vernetzten und doch so separierten Facebookzombies. Sie sandte der Welt zwei Propheten des Reallifes. Den Poetryslammer, Musiker, und Philosophen Prince Ea aus St.Louis (Missouri) und Eric Pickersgill, Fotograf und Virtuose, aus Charlotte (North Carolina). Zwei Rebellen, zwei personifizierte Ein-Mann-Widerstandsbewegungen im aussichtslosen Kampf gegen den Untergang der Menschlichkeit. Sie schafften es das schmutzige und seelenlose Internet zu unterwandern, um uns ihre Message mitzuteilen, die Prophezeiung zu erfüllen und der Internetsucht für immer zu entsagen. Ihre Botschaft: Werft eure Smartphones weg – werdet Mensch!

Die beiden Leuchttürme der Realität, in einer Welt voller Yelp-Beurteilungen und Foreneinträgen zum Thema „Wie kriege ich … wieder aus meinem Arsch heraus“, führten mich in ihrer wahrheitsgetränkten Geradlinigkeit raus aus dem Schatten und zurück ins Licht. Ich bin wieder ich – ich bin wieder ganz.

Eine aufweckende Fotoreihe

Eric Pickersgill veröffentlichte jüngst eine Fotoserie, die es mehr denn je auf den Punkt bringt: Wir alle befinden uns mehr oder weniger in einer medial-sozialen Sackgasse. Seine Schwarz-Weiß-Fotografien bilden unseren grauen Alltag ab. Menschen blicken ausdruckslos auf ihre Smartphones, nur, dass diese wegretuschiert wurden. Die leeren Blicke treffen auf die leeren Handflächen. Unsere eigene Unzulänglichkeit, die Blindheit, wird uns vor Augen geführt. Denn wo ist er, der Unterschied zwischen dem leeren, sinnlosen Surfen und dem leeren, sinnlosen Handflächen-Anstarren? Nirgends!

Pickersgill nimmt Abstand, er geht auf Distanz, um unsere Schande zu dokumentieren.

Die Idee zu seinem Fotoprojekt kam Pickersgill in einem New Yorker Café. In einem von ihm eigens auf Facebook geteilten Tagebucheintrag beschreibt der Künstler, wie es zur Initialzündung seines kreativen Aufrufs zur Rebellion gegen die Smartphones kam: „Family sitting next to me at Illium café in Troy. NY is so disconnected from one another.“ Schonungslos und in die Fresse schildert Pickersgill die Krankheit einer ganzen Stadt, einer ganzen Welt. Heute wurden seine erleuchtenden Fotopranger von über 100 Kunst- Szene-, und Kultmagazinen weltweit geteilt. Die Botschaft des amerikanischen Propheten verbreitet sich wie ein virales Lauffeuer – vielleicht weil es eines ist. Wer sind wir? Wo wollen wir hin? Kehrt ab – werdet Mensch! Tausende und Zehntausende von Menschen teilen die läuternden Beiträge des Amerikaners und abertausende Likes und Comments belegen: die Abkehr vom Smartphonehype hat bereits begonnen.

Prince Ea – ein Fitnesspapst gegen die Generation Smartphone

Prince Ea, ein Parka tragender Guru der Netzbewegung, schaffte es schließlich mich aus der Umklammerung des rosaroten Likezirkels zu befreien. In einem dreieinhalb-minütigen Video demaskiert er unsere mit Chats und Newsfeeds gefütterten Tage als kalte, seelenlose Hüllen. Er sitzt an einem Menschen verlassenen Kai einer idyllischen Uferpromenade. Die Sonne geht unter, doch dank seiner poetisch vorgetragenen Thesen der Menschwerdung, geht ein flammender Stern des Widerstands auf. „Technology made us selfish and seperate.“ In der Manier eines sozialkritischen Poetryslammers, klagt er die mediale „overstimulation“ eines orientierungslosen Gesellschaftsteils an. Sein blassrosa Poloshirt weht im Wind, seine weiße Armbanduhr ohne Display untermauert die Ernsthaftigkeit seiner Worte. Jeder, der Eas Youtube-Video anschaut, weiß sofort: He’s really giving a fuck about digitalism! Die dramatische Pianomelodie, welche so schaurig schön und traurig klingt, als wäre sie gerade einem O2-Fernsehwerbespot entsprungen, ist der Soundtrack einer beschwingt vorgetragenen Ode an die Menschheit.

„Mr. Zuckerberg, geben Sie zu, dass Facebook eben kein soziales Netzwerk ist, sondern ein asoziales.“ Während man daheim gebannt vor seinem Laptop sitzt und das Video Eas sieht, möchte man aufstehen, jubeln und „Amen!“ rufen. Schlussendlich formuliert der Musiker und Fitnesspapst seine Gebote der medialen Abkehr: „Ich werde keine Fotos mehr von meinem Essen machen. Ich werde es essen. Ich werde keine Momente mehr aufnehmen, ich behalte sie in meinem Herzen. Haltet mich für verrückt, aber ich träume von einer Welt in der wir lächeln, wenn unserer Akku stirbt.“

Schmeiß dein Smartphone weg, aber vorher bitte noch liken und teilen

Das ist der Moment der Menschwerdung. Ja, er sagt es! Ich wischte mir, wie wahrscheinlich viele Menschen vor mir, eine Träne aus dem Augenwinkel und besiegelte die Abkehr von meinem medialen Kerker mit einem Like für das Video Prince Eas. Daraufhin teilte ich es, kommentierte den Beitrag mit einem „You changed my mind. Thank you so much“ und kassierte umgehend 14 Likes meiner Follower. Die Botschaft findet überall Anklang, wie 14,3 Millionen Aufrufe und rund 120.000 Likes auf YouTube bezeugen können. Nie wieder Facebook, nie wieder Fesseln.

Werft eure Smartphones weg – werdet Mensch. Wer diesen Beitrag der Menschwerdung unterstützen will, liked ihn, teilt ihn, bekehrt seine Umwelt.

Der Artikel ist erstmalig im Müßiggang Magazin erschienen.

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5 Kommentare:

  • nk sagt:

    Widerstand gegen den digitalen Zugriff
    ist dringend nötig .Wer mehr dazu wissen will lese hier weiter:
    https://capulcu.blackblogs.org/

    und auch hier:
    »Understanding Digital Capitalism«
    http://dasfilter.com/gesellschaft/understanding-digital-capitalism-unsere-themenreihe-alle-texte-im-ueberblick

  • Komischerweise ist NUR die jüngere Generation von der Smartphone-Seuche erfasst. Jeder nimmt sich so überwichtig, dass alle Welt wissen muss wo er an welche Birke gepinkelt hat. Aber so ist halt die Zeit. Bedauerlich, dass so viel Server-Kapazität benötigt wird und riesige Mengen Abwärme unser Klima versaut.

  • Raoul sagt:

    Finde es echt erschreckend, dass da seitenlange Artikel drüber verfasst werden müssen. Also ich als jemand aus genau dieser Generation brauche keinen pseudo-revoltischen Text, um das digitale Gefängnis zu erkennen – und ich glaube, ihr unterschätzt da gerade diese ganze Generation. Wo ist jetzt genau der Mehrwert, bzw. die Erkenntnis des Artikels?

  • Anne Haedke sagt:

    Wenn du in einer Konferenz bist, bringe deinen Beitrag und höre den Anderen zu,
    wenn du in einem Gespräch bist, bleibe mit deiner ganzen Aufmerksamkeit dabei und lass dich nicht durch dein smartphone unterbrechen, das macht den Kontakt kaputt! Der persönliche kontakt ist immer wichtiger als eine Nachricht – davon gibt es nur ganz wenige Ausnahmen!
    Anne

  • Dagmar Collinet sagt:

    Sehr geehrter Verfasser,

    bei aller Hochachtung deines Artikels, ist dir nicht bewusst geworden, wie tief du immer noch in dieser Welt drinsteckst. Weshalb fragst du dich? Ganz einfach: versuche mal alle geläufigen englischen Ausdrücke durch passende deutsche auszutauschen. Eine Seite ohne Werbung wäre ebenfalls ein Anfang gewesen. Und noch ein Tipp: Ein Text liest sich für alle anderen – welchen Bildungsgrad so auch immer haben mögen, fließender, wenn er kurz und knapp verfasst ist.
    Grüße von Dagi aus Weißensee
    Außer dem visuellen Sinn, besitzen wir noch wesentlich mehr Sinne, die es sich zu benutzen lohnt.

    P. S. es geht ohne facebook und sonstiges.

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