von am 14. Juni 2013

Lange Zeit lag über der nationalsozialistischen Geschichte eines Friedhofbaus an der Grenze zu Kreuzberg ein Mantel des Schweigens. Nun beginnt eine offene Auseinandersetzung, die den Spagat zwischen Gedenken und Perspektiven schaffen muss.

Eigentlich ist die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Deutschland ziemlich weitreichend geschehen. Auch was die in der Zeit der NS-Diktatur errichteten Gebäude betrifft, ist eine genaue Auflistung größtenteils erfolgt. Umso erstaunlicher ist es da, wenn derart belastete Orte über Jahrzehnte nicht in der öffentlichen Wahrnehmung auftauchten.

Ein solcher Fall ist die sogenannte „Ehrenhalle“: Mitten in Berlin, an der Grenze zwischen Neukölln und Kreuzberg, steht seit über 70 Jahren eine Art nationalsozialistischer Tempelbau, dessen Geschichte bis vor kurzem nicht thematisiert wurde.

Der quaderförmige Bau bildet das Zentrum des ehemaligen Standortfriedhofs Lilienthalstraße. Von Wilhelm Büning im Auftrag des „Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt“, Albert Speer, im Jahre 1939 fertig gestellt, diente die Kapelle im Dritten Reich als Ort der Heldenverehrung. Am „Heldengedenktag“ wurde sich hier getroffen, um gefallenen Soldaten Tribut zu zollen und ihren sinnlosen Tod im Sinne einer heroischen Vaterlandsliebe zu verklären.

Entsprechend kultisch wirkt das Areal und der zentrale Bau. Durch den wuchtigen Friedhofseingang führt der Weg über eine weitläufige Freitreppe auf eine Erhöhung, auf der sich die von Seitenflügeln gesäumte Halle befindet. Bei dieser erweckt vor allem das Eingangsportal tempelhafte Assoziationen. Im Inneren wird dieser Eindruck durch einen in die Wand gehauenen Reichsadler verstärkt, der von Fackeln umgeben ist.

Nach dem Krieg vergessen

Trotz der historischen Last, die auf dem Ort liegt, geriet die Geschichte des Baus nach Kriegsende und dem Zusammenbruch der NS-Diktatur stark in Vergessenheit. Nach der Instandsetzung in den Sechziger Jahren diente die „Ehrenhalle“ bis 2004 den angrenzenden Kirchengemeinden als normaler Friedhofsbau für Trauerfeiern. Zudem machte ihn der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. (VDK) zur zentralen Gedenkstätte für die Opfer der Weltkriege in West-Berlin, ohne dabei näher auf die konkrete Nutzung in der Vergangenheit einzugehen. Ähnlich wie das wuchernde Grün auf dem Friedhofsgelände die ehemals eindeutige Ästhetik des Baus mehr und mehr verdeckt hat, hat sich auch über die Geschichte des Ortes ein Mantel des Schweigens und Vergessens gelegt.

Stattdessen findet dort bis heute, am Vorabend des Volkstrauertages, dem „Nachfolger“ des nationalsozialistischen „Heldengedenktags“, eine Kranzniederlegung samt Fackelzug statt. Deren zentrale Protagonisten sind die Fackelträger des Wachbataillons und das Stabsmusikkorps der Bundeswehr, die „den feierlichen Charakter der Veranstaltung“ prägen, wie der VDK auf seiner Internetseite schreibt. Von kritischer Auseinandersetzung fehlt auch hier jede Spur. Stattdessen wird eine gedankliche Kontinuität geschaffen, die durch die Bilder der von den Fackeln der Uniformierten erleuchteten „Ehrenhalle“ noch verstärkt wird.

Pinke Hasen gegen Fackelträger

Mitglieder der Gruppe Pink Rabbit prangerten diese gefährliche Kollektivamnesie im Jahre 2009 in einem Protestvideo an. Auf Youtube kann mitverfolgt werden, wie ein Aktivist im pinken Hasenkostüm die feierliche Kranzniederlegung stört, in dem er erst fröhlich vor den stramm stehenden Soldaten umher hüpft und anschließend einen selbst gebastelten Möhrenkranz niederlegt. Humorvoll verpackt, wird hier Kritik am gewählten Ort der Zeremonie, an der Bedeutung des Volkstrauertags und auch am Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge e.V. geübt.

Von der Aktion kann man halten, was man will. Fakt ist, dass der Protest eine kritischere Auseinandersetzung mit der Geschichte der „Ehrenkapelle“ fordert, die dringend notwendig ist.

Zwischen Geschichte und Zukunft

Ein Umdenken sollte allerdings nicht nur darin münden, den Ort zu einer großen Gedenktafel umzuwidmen. Wichtiger ist, dass bei der Verarbeitung der Vergangenheit auch die heutigen Möglichkeiten des Ortes mit ausgelotet werden, damit „eine Perspektive für die Gegenwart und Vision für die Zukunft“ entsteht, wie es die Historikerin Katja Lehman mit ihrer Videoinstallation im Rahmen von 48 Stunden Neukölln fordert.

Ähnlich sehen es auch die neuen Besitzer des Geländes, der polnische Unternehmerverein Nike e.V., der das Gelände mittlerweile verwaltet und dort das zukünftige Programm gestalten wird. Man will „mit der unrühmlichen Vergangenheit offen umgehen“, erklärt die Vorsitzende des Vereins, Lucyna Jachymiak Królikowska, sich „aber dadurch nicht die Hände binden lassen“. Letztlich soll der Ort durch Kultur neu erobert und auch neu definiert werden – eine richtige Zielsetzung, in Hinblick auf die Geschichte der Stätte. Jedoch wird man sich an den Plänen auch messen lassen müssen. Gilt es doch die richtige Balance zu finden zwischen einer Aufarbeitung der Vergangenheit und einer Wiederbelebung für Gegenwart und Zukunft. Dieser Prozess sollte von Beginn an aufmerksam verfolgt werden, damit dieser – in vielerlei Hinsicht – belastete Ort nicht wieder dem Vergessen und der Verdrängung preisgegeben wird.

blind spots von Katja Lehman, Friedhofskapelle, Lilienthalstr. 7, Fr 19 – 23, Sa 11 – 23, So 11 – 19

 

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