„Bauchgefühl“ – Die Mutti-Kolumne: Stillen

Wer nicht stillt, fühlt sich schnell als Versagerin. (Foto: Flickr/danielpeinado.photo)

Neukölln braucht eine Mutti-Kolumne – das dachte sich neukoellner.net-Redakteurin Sophie nach der Geburt ihres kleinen Sohnes. Die 30-Jährige lebt seit 2013 in Britz und berichtet nun ein Jahr lang aus ihrem Alltag als Mama voller liebevoller, skurriler und anstrengender Momente. Sophie nimmt uns mit auf Spaziergänge, in Hebammenpraxen und Krabbelgruppen. Dieses Mal geht es ums Stillen – den Hype und die Schattenseiten. (mehr …)

Montag, 16. Juli 2018

Stillen ist Privatsache. Eine Familienangelegenheit. Etwas, worüber man mit der Hebamme spricht. In Kreuzkölln sieht man das anders. Stillen ist das einzig Wahre. Emanzipation, ja klar, aber den Mann füttern lassen, um mal einen Abend auszugehen? Im Winter bei Minusgraden eine Flasche statt die Brust auspacken? Nach zwei bis drei Monaten abstillen, weil man wieder arbeiten gehen möchte? Bei uns in Deutschland ist die Entscheidung für Flaschenmilch heutzutage gesellschaftlich schwer akzeptiert. Man müsse schon Abstriche machen können als Mutter. Gleichstellung, Selbstbestimmung, Aufopferung, welches Frauenbild steckt dahinter?

Natürlich ist Muttermilch schlicht genial. Sie stellt sich sogar um, wenn das Kind krank ist. Muttermilch hat immer die richtige Konsistenz und Temperatur. Sie kostet nichts. Ein weiterer Vorteil: Man hat sie immer dabei. Wenn man sich vorstellen kann, mindestens ein halbes Jahr immer bei seinem Kind zu sein. Und genau das konnte ich mich nur sehr schwer vorstellen. Ich fühlte mich dadurch abhängig. 

Als Versagerin gelten

Egal ob in einer Hebammenpraxis, in Gesprächen mit anderen Schwangeren, bei der Frauenärztin, im Geburtshaus, es ging nur ums Stillen – und die Vorteile des Stillens. Die andere Option wurde gar nicht erwähnt und wenn dann mit eindeutig abwertenden Kommentaren. Das mit dem Stillen kriege jede Frau hin, die es wirklich wolle. Warum man denn überhaupt ein Kind wolle, wenn man nicht mal dazu bereit sei usw. Wer das Stillen nicht schafft, gilt als Versagerin. 

Unsere „Bauchgefühl“-Kolumnistin Sophie Landry (Foto: Emmanuele Contini)

Nach der Geburt im Krankenhaus am Urban las ich neben dem Kreißsaal ein Plakat. Eine Frau mit schmerzverzerrtem Gesicht war zu sehen. Darauf stand: Stillen. Redet darüber. 

Stress und Stillen? Keine gute Kombination!

Wie viele Mütter beim ersten Kind, hatte ich Probleme mit dem Stillen. Und plötzlich Stress. Unter unserer Wohnung war (wieder) im Lottoladen eingebrochen worden. Unser Bett mit dem vier Tage alten Baby wackelte, während einige Männer einen Gullydeckel gegen die Fensterscheibe rammten. Stillend hatte ich die Polizei gerufen, die Spurensicherung war noch stundenlang unter unserem Schlafzimmer nachts zugange. Völlig übertrieben nahe ging mir der Einbruch, aber so ist es eben, wenn man einen Hormoncocktail in Kombination mit extrem wenig Schlaf hat und Geburtsverletzungen abheilen. Man ist wahnsinnig empfindlich. 

Stress und Stillen sind keine gute Kombination. Wir versuchten es noch mit den üblichen Tricks der Hebamme wie Stillhütchen, Abpumpen und allen möglichen Positionen zum Anlegen des Kindes. Der Milchstau wurde noch schlimmer und eine Brustentzündung war im Anmarsch. Die Kinderärztin sagte uns, dass unser Sohn unbedingt zunehmen müsse. 

Erleichterung – und schlechtes Gewissen

Als ich eine Flasche und die erste Packung Milchpulver kaufte, war ich traurig. Als ich sah, wie mein Sohn endlich zufrieden trank, satt wurde und einschlief, freundete ich mich mit der Flasche an. Die Zubereitung der Milch wurde für uns schnell zur Routine. Mein Sohn bekam nach Bedarf, etwa alle drei bis vier Stunden, eine Flasche und entwickelte sich prächtig. Unternahm ich längere Spaziergänge oder setzte mich mit dem Kinderwagen im Winter in ein Café, schüttelte ich dort oft ein Fläschchen und fütterte. War ich krank oder mal abends außer Haus, konnte Papa füttern. Morgens und abends tat er das ohnehin gern. Den Winter über gingen wir nie ohne Thermoskanne und Milchpulver aus dem Haus. 

Man bekommt natürlich ein schlechtes Gewissen bei dem Gedanken nicht zu stillen, wenn Organisationen wie die WHO aber auch Mitmenschen einem das Gefühl geben, man enthielte dem Kind etwas vor bzw. setze es den Risiken von Allergien aus. In einer Schwangerschaft mit vielen Sorgen und Einschränkungen empfand ich den gesellschaftlichen Druck unbedingt voll und nach Bedarf stillen zu müssen schon als unangenehm, da ich selbst die Flasche bekam und trotzdem ohne Allergien, Neurodermitis oder Immunschwäche groß wurde. Den ganzen Hype darum verstand ich einfach nicht. Ich hätte sehr gern gestillt und habe lange daran geknabbert, dass es nicht so geklappt hat, wie ich es mir für meinen Sohn und mich gewünscht hätte. 

Degradierung zur Rabenmutter

Bei anderen Müttern konnte ich die Kommentare anfangs noch durchgehen lassen. Man kennt sich nicht, man hat eigentlich keine anderen gemeinsamen Themen als die Babys.  Aber ich wurde immer wieder von wildfremden Menschen in Neukölln angesprochen, in Geschäften, in Cafés, in der U-Bahn. Im März saß ich mit einem Kumpel und meinem Sohn in einem Burgerladen an der Hermannstraße, wo ich nach warmem Wasser für die Flasche fragte. Mein Sohn war bereits sechs Monate alt. Die maximal 20-jährige Kellnerin fragte neugierig, wieso ich nicht mehr stillen würde. In ihrer Stimme schwang eindeutig ein Urteil mit. Erst nach meiner Antwort, dass ich schon länger abgestillt hätte, erwärmte sie Wasser. Sonst schlagfertig, blieben mir bei dem Thema ständig die Worte im Hals stecken. Der Still-Terror und die damit verbundenen Blicke und Kommentare von Fremden sowie die Kritik anderer jünger Mütter, die Degradierung zur Rabenmutter – das braucht aber keiner.

Mehr noch: Das übergriffige Verhalten meiner lieben Mitbürger in Neukölln macht mich wütend. Klar ist es gut gemeint, aber die Kommentare sind oft bevormundend und kommen von jungen Frauen, die nicht mal selbst Kinder haben. Obwohl sicherlich nicht böse gemeint, suggerieren die Blicke und Nachfragen uns Müttern, nicht alles zu geben. Zumindest fühlte es sich so an. Als ob es jemanden etwas anginge! Schließlich frage ich nörgelnde Mitmenschen an der Supermarktkasse nicht, warum sie schlechte Laune verbreiten. Oder Raucher, warum sie nicht damit aufhören oder Radfahrer warum sie ohne Helm unterwegs sind.

Die Nachteile des Stillens

Dieses Verhalten führte bei mir dazu, dass ich mich unnötig schlecht fühlte und mich ständig rechtfertigte. Obwohl Stillen ja nur eine von vielen Möglichkeiten ist, dem Kind Nähe und Geborgenheit zu vermitteln. Nicht-Stillen bedeutet weder Versagen noch Liebesentzug. Freundinnen, die stillten, verrieten mir, dass sie sich mitunter auch sehr eingespannt und als Milchlieferantin fühlten. Gerade nach einigen Monaten, wenn die Kinder mobiler werden und sie gern mal wieder ausgehen oder ein Glas Wein trinken würden. Sie wollten mich trösten, gaben aber auch ehrlich Nachteile des Stillens preis, die gesellschaftlich momentan nicht anerkannt sind: Abhängigkeit, wunde Brustwarzen, Schlafentzug.

Bei mir war der Frust auf dieses Thema reduziert und von fremden Menschen für meine Entscheidung kritisiert zu werden so groß, dass ich in den ersten vier Monaten sämtliche Babykurse und Elterntreffen mied. Doch da war der Rückbildungskurs. Dort verkroch ich mich in die hinterste Ecke zum Füttern. Während alle die Still-BHs öffneten, gab ich Pulver in warmes Wasser und schüttelte vorsichtig. Und verhielt mich dabei als würde ich heimlich koksen. Ich fühlte mich unwohl. Es gab kaum ein anderes Thema als das Stillen. Im Kurs plärrte ein Kind alle Viertelstunde und musste gestillt werden. Das ging jede Woche so. Offensichtlich reichte die Milch nicht. Aber Zufüttern, also die Muttermilch durch Säuglingsnahrung ergänzen? Nie im Leben! 

Kein Problem: Flaschenmilch in Frankreich

Meine Hebamme beschreibt mich nach meiner Entscheidung für Flaschenmilch als fröhlicher und gelöster. Während des Kampfes ums Stillen bei mir musste ich an meine französischen Freunde denken, die aufgrund kultureller Unterschiede das Problem an sich gar nicht nachvollziehen könnten. In Frankreich werden Babies wesentlich früher fremdbetreut und wachsen traditionell mehrheitlich mit Flaschenmilch auf. Niemand stört sich daran. Franzosen sind auch weder für Immunschwäche, Neurodermitis oder eine instabile Bindung zu ihren Müttern berühmt geworden. 

Und auch in Britz geht man mit dem Thema übrigens viel entspannter um. In Rudow und Gropiusstadt sehe ich viel mehr Fläschchen als im Norden Neuköllns und im ehemaligen Ost-Berlin ist es kaum Thema. Je nach kulturellem Hintergrund wird das Thema Nicht-Stillen entspannt oder mit mitschwingender Kritik behandelt. Und Kreuzkölln hat definitiv eine eigene Kiezkultur – was das Stillen anbelangt meiner Meinung nach eine höchst einseitige, maternalistische und beschränkte. Stillen soll allen Freude machen, die es möchten und bei denen die Milch fließt. 

Aber die Debatte braucht dringend mehr Sachlichkeit, und die Erwähnung von Studien, die belegen, dass aufgebauschte Argumente wie das mit dem höheren IQ des Kindes später nichts mit dem Stillen zu tun haben. Man kann nicht alles mit der Muttermilch aufsaugen.

Foto: Flickr-Bild Felizidaddanielpeinado.photo, cc by 2.0-Lizenz

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