von am 21. März 2017

Titel_2_1200Fast auf den Tag genau vor 125 Jahren erschien die erste Ausgabe des Rixdorfer Tageblatts. Wir erzählen, was am 20. März 1892 das Stadtgespräch bestimmte, und nehmen euch mit auf eine Zeitreise in die überschaubare Zeitungslandschaft des Bezirks.

Als die Verleger Mier und Glasemann das Rixdorfer Tageblatt erstmals herausgaben, hatte die Zeitung bereits lokale Konkurrenz. Der so genannte „Gemeinnützige Anzeiger“ wurde schon seit 1874 in Rixdorf gedruckt und ab 1882 in „Rixdorfer Zeitung“ umbenannt. Das neu gegründete Tageblatt hatte seinen Verlagssitz gleich in der Nachbarschaft der RZ, in der Bergstraße 35/36, der heutigen Karl-Marx-Straße. Eine Ausgabe kostete damals fünf Pfennige, das Monats-Abo gab es für 70 Pfennige.

Schnell wachsender Anzeigenmarkt

Die Intention der Verleger, eine zweite Zeitung für Neukölln zu gründen, lag wohl zunächst in den wirtschaftlichen Möglichkeiten. Eine schnell wachsende Bevölkerung und ein boomender Einzelhandel schafften großes Potential in puncto Inserate und Werbung. Sicherlich spielte auch der Wille nach Vielfalt in der damals noch überschaubaren Rixdorfer Medienlandschaft eine Rolle. Der erste verantwortliche Redakteur, Cäsar Grantz, beschrieb die Motivation im Editorial auf Seite 1 des allerersten Tageblatts wie folgt:

„Es ist eine längst anerkannte Tatsache, daß eine zweite, täglich erscheinende Zeitung mit billigen Abonnements und Insertions-Bedingungen unabhängig und sachlich geleitet, nur das wahre und Rechte verfechtend, in letzter Zeit für Rxidorf-Britz geradezu ein Bedürfnis geworden ist. Diese Lücke auszufüllen, wird sich das Rixdorfer Tageblatt angelegen sein lassen…“

Zeitung mit bürgerlich-liberalem Anstrich

Dabei machte Grantz auch den politischen Standpunkt deutlich. Man wolle mit dem Tageblatt „liberale Anschauungen vertreten“ und die „Zufriedenheit der arbeitenden Klasse fördern helfen“, dabei „versöhnend auf die Gegensätze im öffentlich Leben“ einwirken. Grantz suchte damit den Schulterschluss mit den zahlreichen Arbeitern, die in ihrer politischen Einstellung eher sozialistisch geprägt waren. Das Tageblatt hingegen war eine Zeitung mit bürgerlich-liberalem Anstrich. Kein leichtes Unterfangen also, im Arbeiterstädtchen Rixdorf die Massen zu erreichen. Doch es sollte auf Jahrzehnte hin funktionieren.

 

Bis in die 20er Jahre hinein entstanden weitere Zeitungen im Bezirk, allerdings schaffte es keine so lange zu überleben wie das Tageblatt, das ab dem 27. Januar 1912 mit der Umbenennung Neuköllns, auch seinen Namen in „Neuköllner Tageblatt“ änderte. Bis zum 31. August 1944 wurde die Zeitung gedruckt, ehe sie in den Kriegswirren den Betrieb einstellen musste. Danach dauerte es bis zum 28. Mai 1953, bis das Tageblatt wieder am Kiosk erhältlich war. Die letzte Ausgabe erreichte die Leser am 18. August 1953. Die so genannte „Morgenzeitung für den Süden Berlins“ war unrentabel geworden. Und so blieb Neukölln bis heute ohne eigenständige Lokalzeitung.

Wochenschau, Kriminalberichte und Goethe

Die erste Ausgabe vom 20. März 1892 strotzte vor inhaltlicher Vielfalt. Vier von insgesamt zwölf Seiten war der Werbung kleinerer und größerer Betriebe vorenthalten. Doch auch journalistisch hatte das Tageblatt einiges zu bieten: Internationale Meldungen, wie etwa der Futtermangel in Russland oder die neuen Handelsverträge mit der Schweiz, wechselten sich mit lokalen und überregionalen Themen ab. Die „Krisis“ um den Rücktritt des kaiserlichen Kultusministers war Topthema, aber auch über die „Köpenicker Mordsache Ruttke“ war zu lesen. Ein weiterer Kriminalbericht über einen schweren Raub und ein Börsenbericht flankierten die Rubrik „Aus den Vororten“ – den Nachrichten aus Schöneberg und Wilmersdorf.

Die dritte Seite beschäftigte sich mit Goethes 60. Todestag – und einem Gedicht zu seinen Ehren von Julius Diehl. Daneben erwartete den Leser die Wochenschau, eine „Rixdorfer Lokalplauderei“, die aktuelle Geschehnisse launig kommentierte. Thema am 20. März 1892: Eine bayerische Gesangsgruppe. Diese war im Rixdorfer „Ratskeller“ zu Gast gewesen, was den anwesenden Autor sehr fasziniert haben musste:

„Und wer von uns, die wir täglich zwischen öden Mauern wandeln müssen und höchstens einmal die Rollberge zu sehen bekommen, lauschte nicht gern einmal jenen frischen, kecken und gemütvollen oberbairischen oder tyroler Liedern, aus denen uns gleichsam in Tönen verkörpert, eine ganz fremde und doch so anheimelnde Welt entgegentritt. Wie lustig und herzig ‚liabt der Bua’m auf der Alm‘ und der ‚Jager in der Hütten'“.

Eine Kolumne, die am Ende sogar mit einem Ausgehtipp für das Wochenende aufwartete: Tanzen beim Stiftungsfest des Vereins „Freundschaft“. Parallelen zur Gegenwart sind hier wirklich rein zufälliger Natur.

Die Zeitreise erschien erstmals am 20. März 2014  auf neukoellner.net. Archivmaterial ©Museum Neukölln – In Zusammenarbeit mit dem Geschichtsspeicher des

 

3 Kommentare:

  • […] in Berlin Mitte, das zuvor die Albino-Frau mit ihrem kleinen Kind ausstellte. Das Neuköllner Tageblatt schrieb damals entzückt von “niedlichen, schwarzen Charakterpüppchen” und “es […]

  • Anonymous sagt:

    Es wäre hilfreich wenn diese alten Dokumente im Museum vorhanden wären und nicht unerreichbar in der Nathan-Bibliothek nahezu unter Verschluß liegen.
    Mit freundlichen Gruß G.Meyer

  • Fabian Friedmann sagt:

    Hallo Anonymous, also unerreicht sind diese Dokumente in der Helene Nathan-Bibliothek wahrhaftig nicht. Wer vorab Kontakt aufnimmt und erläutert, welche Ausgaben bzw. welcher Zeitraum des Neuköllner Tagblatt eingesehen werden möchte, der bekommt auch die Möglichkeit. Liebe Grüße!

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