von am 2. Oktober 2012

„Ich bin der Zusammenhang. Ich bin das Blut in euren Adern, das ihr nicht seht.“ Das Hörspiel Mr. Netto rund um den gleichnamigen Anti-Helden stellt zynisch und treffend die Abarten des Systems Praktikum zur Schau und macht Lust auf mehr.

Endzeitstimmung in Cashmir City: Straßenschlachten, drückende Hitze, Regen wie Schweiß auf der Haut. Die Wirtschaftskrise ist einer realen, einer spürbaren Krise gewichen. „Unser Arbeitspensum hatte sich noch einmal gesteigert. Wir waren vorher schon über der Grenze, aber jetzt wurde es unmenschlich.“ Und in Mitten der Anarchie tauchen immer mehr Plakate des großen Unbekannten auf: „Mr. Netto – der Mann, der dem Chaos ein Gesicht gegeben hat. Der Premiumpraktikant.“

„Machen nicht fragen, nehmen nicht geben, kopieren und einfügen“ – Mr. Netto vereint all jene Eigenschaften in einer Person, die von einem Praktikant heutzuge offensichtlich erwartet und gewünscht werden. Unauffällig bis unsichtbar, „teamfähig und überstundenbegeistert, leidensfähig und anspruchslos“. Sein Profil haben die Macher des Endzeit-Hörspiels mit Hilfe verschiedener Stellenausschreibungen und -anzeigen entworfen, die sie sich im Internet zusammen gesucht haben und deren Anforderungen sie auf Mr. Netto projeziert haben.

Marc Lüdemann, Autor und Initiator des Hörspielprojekts, kennt die Gegebenheiten aus eigener Erfahrung. „Man reiht erstmal Praktika aneinander und ist zunächst froh, dass sich auf diese Weise eine Kontinuität ergibt. Aber man merkt schnell, dass man als Praktikant nicht unbedingt dazu da ist, lernen zu dürfen und viel nachfragen zu können, sondern fest als Stelle eingeplant ist. Selbst das findet man am Anfang gut, weil man sich für wertvoll hält. Das hält aber nur kurz an, denn man hat recht schnell kein Geld mehr und wird für seine Leistung nicht entschädigt.“

Laut einer DGB-Studie aus dem Jahr 2011 sind 40 Prozent aller „echten“ Praktika nach dem Studienabschluss unbezahlt und insgesamt verdienen die Studienabgänger als Praktikanten durchschnittlich 551 Euro Brutto im Monat. 28 Prozent der 674 befragten Absolventen gaben an, dass sie nach dem Studium erst einmal ein Praktikum, ein Trainee-Programm oder ein Volontariat haben – somit die häufigste „Beschäftigungsform“ nach dem Studium. „Bei meinem letzten Praktikum ist es so gewesen, dass wir auch die Wochenenden gearbeitet haben und man sich schwer damit tut abzuspringen, weil man A auf eine Übernahme hofft, B auf ein gutes Zeugnis.“

Ausgehend von der miserablen Situation, in der sich junge arbeitssuchende Menschen in Neukölln, in Berlin, in Deutschland, ja eigentlich in ganz
Europa befinden und mit den eigenen Erfahrungen im Hinterkopf, haben Lüdemann und seine beiden Bekannten Luisa Heinrich und Kristina Huch das Hörspiel geschrieben, mit Hilfe des professionellen Sprechers Sebastian Dörfler produziert und eine aufwendig gestaltete Internetseite dazu angelegt, die das Hörspiel in einen entsprechenden Kontext bettet. Dabei sind alle Aufnahmen für das Hörspiel in Neukölln – auf Häuserdächern, im Parkhaus, auf der Karl-Marx-Straße, im Café und in Privatwohnungen – entstanden. „Für uns war es wichtig und notwendig, dass Mr. Netto kein Geld kosten darf, alles kostenlos sein muss, um dem Prinzip zu entsprechen und unserem Geldbeutel.“

Wie das Projekt weiterlaufen wird, hänge von der Resonanz ab, die dem Hörspiel entgegengebracht wird, so Lüdemann. Wenn das klappt, kann das Projekt auch analog weitergeführt werden.

 

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