von am 31. Oktober 2011

Bei den Berliner Piraten darf jeder mal was sagen. Ein Hausbesuch beim „Berliner PIRATENtreff“ im Kinski Club.

Dienstag, 25. Oktober 2011, 22 Uhr. Das Kinski in Berlin Neukölln platzt aus allen Nähten. Ein französisches Kamerateam versucht sich seinen Weg durch die Menschentrauben zu bahnen. Im Raucherraum hängt der Tabakqualm wie eine Dunstwolke über den Köpfen der Anwesenden. Rund 20 Personen sitzen hier vor stylischer Retrotapete eng aneinandergedrängt. Man nippt benommen an seinem Bier und nestelt an seiner Selbstgedrehten. Das sind sie also: die Piraten – ein ziemlich heterogener Haufen, der sich irgendwie in keine Schublade stecken lässt. Dass die Partei nur aus Nerds besteht, wie die Medien gerne suggerieren, mag man hier nicht so recht glauben. Statt Kapuzenpulli, tragen einige der Anwesenden Pollunder und Lederschuhe. Ansonsten gibt man sich leger.

Leon, 16 Jahre alt und heutiger Wortführer, lümmelt mit einem Laptop auf dem Schoß in einem Sessel. Hinter ihm krempelt Gérard Depardieu auf einem Berlinale-Plakat die Hemdsärmel hoch. Jetzt müssen Dinge angepackt werden, scheint Gérard zu sagen. Das gilt auch für die Piraten, die sich seit letztem Donnerstag im Berliner Abgeordnetenhaus behaupten müssen. 15 Mandate konnte die Partei ergattern.

Squads statt Zentralstrukturen

Leon erklärt gerade einem potentiellen Neumitglied, dass er sich doch bitte schnell von „der Idee von Zentralstrukturen verabschieden“ solle. „Es gibt keine Titel“, fügt Heide Hagen, 55 Jahre alt und Organisatorin der  „Kinski“-Treffen, hinzu. Stattdessen schließt man sich in den sogenannten „Squads“ – also Arbeitsgruppen – zusammen und arbeitet sich an thematischen Schwergewichten, wie Grundeinkommen, Auslandspolitik und Kultur ab. Ein Anwalt schlägt die Gründung eines „Recht-Squads“ vor und stößt damit zumindest in Ansätzen eine inhaltliche Diskussion an. Die erste an diesem Abend. Seit die Piraten bei der Berliner Landtagswahl 8,9 Prozent der Wählerstimmen für sich gewinnen konnten, steht die Partei Kopf und hat vor allem damit zu tun, dem Ansturm an potentiellen Neumitgliedern gerecht zu werden. Und die haben primär eine Sorge. „Ich bin kein Computerspezialist“ ist ein Satz, den man an diesem Abend immer wieder hört. Gerade die ältere Generation hat Berührungsängste mit einer Partei, die aus der Freiheitsbewegung im Internet hervorgegangen ist.

Mit Fluppe im Mundwinkel und – für sein Alter – erstaunlicher Reife mimt Leon den Erklär-Bären und reicht auch schon mal seinen Mac herum, um den Anwesenden die Funktionsweise des Piratenpads (der internen Kommunikationsplattform) zu veranschaulichen. Trotzdem spürt man die allgemeine Verunsicherung: Wer ein ordentlicher Pirat sein will, sollte nicht nur sicher durch die Netzwelten segeln können, sondern auch durch den organisatorischen Begriffsdschungel. Was war nochmal der Unterschied zwischen einem Squad- und einem Crewtreffen? Wen das interessiert, der schaue bitte auf diese informative Seite. Dem Rest sei gesagt: So kompliziert ist das am Ende alles gar nicht. Oder um es mit den Worten einer Piratin auszudrücken: „Entweder man redet über Inhalte oder man quatscht eben rum und trinkt Bier“.

In welche Richtung setzen die Piraten das Segel?

„Where do we go now?“ steht in riesigen Lettern auf einem Plakat im Raucherraum. Eine Frage, die sich diese Partei gerade auch stellen muss, gilt es doch schließlich Format zu gewinnen und die Wählergunst nicht zu verspielen, um bei der nächsten Bundestagswahl die 5-Prozent-Hürde zu knacken. So weit wird an diesem Abend noch nicht gedacht. Zu groß war der Medienrummel in letzter Zeit, kein Treffen verging ohne die Anwesenheit von Journalisten.

Und die haben es – sofern sie vom Fernsehen kommen – im Kinski wegen der Schummerbeleuchtung nicht leicht. Das Kamerateam behilft sich mit Scheinwerfern. Um 11 Uhr nachts diskutiert man im Vorderraum – zum Missmut einiger Teilnehmer – mit deutlicher Wattverstärkung. Wer im Schlaglicht der öffentlichen Aufmerksamkeit steht, darf keine Fehler machen. Und das dürfte wohl die größte Herausforderung für die Piraten sein, denen man nur wünschen kann, dass sie den Politikzirkus der Republik auf Dauer entern und nicht im Partei-Haifischbecken kentern.

Neben den Berlin-Treffen dienstags im Kinski, sind in Neukölln derzeit drei „Crews“ aktiv: Fliegende Luftbrücke, Fnordy-Fnord Roughnecks und free.booter.

Medien- und Menschenrummel beim Parteitreff

 

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