von am 13. Mai 2014

drehender DerwischSufis sind die Mystiker im Islam. Sie begeben sich in einen Rausch, um Allah um Vergebung zu bitten. Zu Besuch in einem Sufi-Zentrum.

Text: Franz Viohl, Foto: Sufi-Zentrum Rabbaniyya

„Bi-smi llāhi r-rahmāni r-rahīm“ – dieselben Wörter, immer und immer wieder. Zum traditionellen Gebet sind etwa 60 Frauen und Männer ins Sufi-Zentrum Rabbaniyya gekommen. Alle sprechen den Vers vor sich hin, im selben Rhythmus, dazu gleichmäßiges Trommeln. „Im Namen des Herrn, Barmherzigen und Allerbarmenden!“ Rausch, das heißt bei den Sufis, Allah um Vergebung zu bitten. In einen inneren Zustand geraten und mit anderen verbunden sein.

Die Sufis sind die Mystiker im Islam, seit dem 10. Jahrhundert gibt es Sufi-Orden. Sie predigen Frieden und religiöse Toleranz, in vielen arabischen Ländern wurden sie deshalb verfolgt. Den Sufis geht es darum, Gott in der Musik und im Tanz nahe zu kommen. In Berlin gibt es mehrere Vereinigungen, die sich als Sufi-Orden verstehen.

Auf der Klingel in der Neuköllner Wissmannstraße steht „Der wahre Mensch e.V.“. Ein junger Mann öffnet: „Selam Aleykum.“ Für die Schuhe gibt es ein riesiges Regal, Kinder rennen herum, es riecht nach schwarzem Tee. Das Sufi-Zentrum ist für jeden offen. Die Besucher nehmen auf dem Teppich Platz, gleich beginnt das Gebet. Es heißt Zikr – „Gedenken an Allah“ – und dauert fast anderthalb Stunden.

Ein Zustand der Zeitlosigkeit

Nur ein paar Kerzen erhellen den Raum, an den Wänden hängen Bilder von Geistlichen und arabische Schriftzüge. Der Sufi-Meister sitzt auf einem Sessel, er trägt einen Turban und ein luftiges Gewand. Er beginnt mit einem Friedensgruß an den Propheten Mohammed, eine junge Frau trommelt. Die Gläubigen stimmen ein, schließen die Augen. Aus dem stillen Gebet wird ein Chor. „Bi-smi llāhi r-rahmāni r-rahīm.“ Mehrere Minuten lang, vielleicht fünf, vielleicht 15, wiederholen sie die Worte. Die Zeit vergeht hier anders.

„Im Zikr“, sagt Metin Arikan, „kehren sich die Sinne nach innen.“ Metin Arikan ist Seminarleiter und kümmert sich um die Außendarstellung des Sufi-Zentrums. Mit seinem spitzen Bart und der weiten Kutte ähnelt er ein wenig den Scheichs auf den Bildern an der Wand. Aber Metin Arikan berlinert. Für die Muslime habe Allah 99 Namen, erklärt er. Jeder davon bezeichne eine menschliche Eigenschaft, Großzügigkeit zum Beispiel, oder Barmherzigkeit. „Jeder Name hat einen anderen Klang, der sich durch die Gemeinschaft verstärkt.“

Der drehende Derwisch

Die Gemeinschaft, das sind bei den Sufis in Neukölln zum einen Muslime. Die Männer tragen kleine schwarze Mützen, die Frauen ein Kopftuch. Die meisten sprechen Türkisch. Aber zum Zikr kommen auch Leute, die nach einer neuen spirituellen Erfahrung suchen. Ein Mann sitzt da, der mit seiner blonden Mähne und den bunten Hosen auch gut auf ein Reggae-Festival passen würde.

„Ein Sufi ist ein Suchender“, sagt Metin Arikan. „Dafür muss man kann Muslim sein.“ Und doch ist das Gebet, zu dem sie sich hier heute versammelt haben, eine sehr orientalische Angelegenheit. Spätestens, als ein Derwisch in die Mitte tritt. Er beginnt sich zu drehen, sein weißes Gewand hebt sich. Er wird immer schneller. Die Augen hat er geschlossen, er bewegt sich kaum von der Stelle, taumelt nicht ein einziges Mal. Wohl zehn Minuten vergehen, bis er sich vor dem Meister verbeugt und wieder zu seinem Platz geht.

Wie fühlt sich das an? „Den drehenden Derwischen wird nicht schwindlig“, sagt Metin Arikan. „Sie tun das, um die Liebe des Herrn zu empfangen.“ Für die Sufis liege die Kraft Allahs in der Drehbewegung, „so wie sich alles im Universum dreht.“ Der Blick richte sich nach innen, erklärt Arikan, das Körperempfinden ist ausgeschaltet. Die Sorgen des Alltags spielen in diesem Zustand keine Rolle mehr. Man könnte auch sagen: im Rausch des Gebets.

“Kein Platz für Unterschiede”

Auch die, die bloß im Chor die Verse wiederholen, scheinen mittlerweile jenseits von Raum und Zeit zu sein. Nach einer guten Stunde schwingen viele mit ihrem Oberkörper, die Silben verschwinden in heftigem Atmen. „Hauha, hauha, hauha“ – 60 Stimmen gemeinsam. Eine Klangkulisse wie bei einem Oratorium vielleicht, aber doch ganz eigen.

„In der göttlichen Gegenwart haben alle Seelen die gleiche Herkunft. Dort gibt es keinen Platz für Unterschiede“, heißt es in einer Broschüre des Sufi-Zentrums. Was wie eine Wunschvorstellung klingt, wirkt nach ein einhalb Stunden Zikr ganz irdisch. Die Stimmen und der Atem gehen auf in einem Chor, in Selbstvergessenheit. Der Rausch der Sufis hat nichts mit Substanzen zu tun, sondern mit Musik und Gemeinschaft. Draußen auf der Straße blenden die Leuchtreklamen. Was war das eben? Einen Kater, so viel ist sicher, wird es nach diesem Rausch nicht geben.

Der Text erschien ursprünglich auf kulturjournalismus.de.

 

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