von am 18. Februar 2014

Barbara Caveng in PampseeKann Kunst Menschen zusammenbringen? Die Neuköllner Künstlerin Barbara Caveng hat es in einem Dorf an der deutsch-polnischen Grenze versucht und zeigt ihre Ergebnisse in der Galerie im Saalbau.

Text: Beate Scheder

Blankensee ist einer dieser Orte, die man meint, wenn man von der Verödung des Landes spricht. Überalterung, Leerstand, schrumpfende Einwohnerzahlen – in dem direkt an der polnischen Grenze gelegenen vorpommerschen Dorf kann man spüren, was demographischer Wandel bedeutet. Schulen, Geschäfte oder Gaststätten gibt es längst nicht mehr. Perspektiven? Nun ja. Vor zehn Jahren wurde Pampow eingemeindet, doch so ganz fanden die Bewohner der drei Kilometer voneinander entfernten Ortsteile nie zusammen.

Kunst kommt einem hier nicht unbedingt als erstes in den Sinn. Barbara Caveng schon. Im Wettbewerb „Dörfer für Kunst. Kunst im Dorf“ war Blankensee 2013 eines von drei teilnehmenden Dörfern und die in Neukölln lebende Künstlerin Caveng für sechs Monate als Gast vor Ort. Sie hat sich künstlerisch mit dem Ort und seiner Geschichte auseinandergesetzt und gemeinsam mit den Bewohnern ein Projekt auf die Beine gestellt. Mit Konni und Anni, mit Oswald, mit Didi und vielen anderen Bewohnern von Blankensee und Pampow. Rund 200 der 600 Dorfbewohner machten – mal mehr, mal weniger intensiv – mit, bei der Gründung der Kunstgemeinde „Pampsee“.

„Pampsee“ als Miniatur im Saalbau

Besichtigen kann man diese nun in der Galerie im Saalbau in Neukölln, denn dort hat Caveng „Pampsee“ im Comicstil nachgebaut. Aus Papier ausgeschnitten pinnen die Bewohner an Drähten auf dem Ortsplan, sie sitzen am Kaffeetisch oder stehen als überlebensgroße Pappaufsteller zwischen Möbelstücken, Nähmaschinen, Fotografien, allerhand dokumentarischem Material zum Anhören und Ansehen und Nachbauten der in Blankensee-Pampow entstandenen Kunstwerke. Das sind unter anderem der Kunstkiosk der Tourismus AG, die Skulptur der Holzbrigade und die Sonnenschirme der Nähwerkstatt.

Barbara Caveng

Zum Abschluss von „Pampsee“ gab es Blechkuchen: Barbara Caveng spricht über ihre Aktionen. (Foto: DSK)

Nach Blankensee kam Barbara Caveng damals ohne konkretes Konzept, so wie es der Wettbewerb verlangt. Erst im Dialog mit den Bewohnern entstanden die Ideen. Mit partizipativer Kunst kennt sich Caveng jedoch aus. So hat die gebürtige Schweizerin etwa für ihr „Neuköllner Sozialparkett“ Sperrmüll von den Straßen des Berliner Bezirks in ein Fußbodenbelag verwandelt oder im Schweizer Alpendorf Leytron aus gebrauchten Schneidebrettchen Tischskulpturen gebaut. Ein wenig Angst, es könnte schief gehen, hatte sie zunächst trotzdem. Wie die Blankenseer und Pampower auf ihre Ankunft reagierten? „Man macht schon etwas durch“, sagt Caveng. Zur Projektionsfläche für vieles sei sie geworden, auch für negative Gefühle. Am Ende überwog bei den meisten aber die Neugier und so ließen sie sich auf das Experiment ein. Und auf die Kunst. Die schmeckt in „Pampsee“ nach selbst gebackenem Blechkuchen, den die Tourismus AG im Kunstkiosk verkaufte, sie riecht nach dem frisch geschlagenen Holz der Holzbrigade und sie fühlt sich an wie die weichen, abgenutzten Baumwollstoffe, aus denen die Nähwerkstatt (Identitäts-)Sonnenschirme im Patchworkstil nähte.

In der Ausstellung sieht alles bunt und lustig aus. Es ist ein begehbares Sinnbild des dörflichen Treibens. Mitten drin thront ein Modell des Kunstkiosks, der auf dem „Pampsee“ getauften Fleckchen Erde zwischen den beiden Ortsteilen Radtouristen zum Verweilen einlud, im hinteren Raum steht aus Holzscheiten geschrieben das Wort „Heimisch“, mit dem Caveng die Ausstellung betitelt hat, vorne rechts stehen und hängen textile Schirme und Taschen, zusammengenäht von Blankenseern und Pampowern gemeinsam.

Heute kennt sie alle

Der Fernsehsender arte hat eine Dokumentation über den Wettbewerb gedreht, den das Passage Kino im März wiederholt. Heute müsse sie lachen, wenn sie die Fernsehbilder sehe oder die Fotos, erzählt Caveng. Damals kannte sie keinen und heute kennt sie alle. Zum Teil sogar sehr gut, sehr nahe seien sie sich gekommen. Caveng glaubt, dass ihr Äußeres, die knallroten Haare, die sich wild auf ihrem Kopf locken und ihr eigenwilliger Kleidungsstil, dabei geholfen hat, weil es sie zu einer Kunstfigur mache, der man manches leichter zugesteht. Nur mit dem leicht morastig klingenden Namen „Pampsee“ hatten viele ihre Probleme, vor allem die Pampower. Leserbriefe habe es gegeben, echte Feindschaften seien entstanden, manche sprachen nicht mehr mit der Künstlerin. Diese Zuspitzung sei für sie jedoch wichtig gewesen, erklärt Caveng. „Kunst ist einfach nicht nett.“

Bewegt hat die nicht-nette Kunst in Blankensee-Pampow einiges. Die Bewohner selbst betrachten es als größten Erfolg, dass das Projekt „Pampsee“ die beiden Ortsteile in den Gruppen einander näher gebracht hat. Die Nähwerkstatt war die erste der drei, die beschloss weiterzumachen. Für eben die gibt es in Neukölln übrigens ein Pendant. Über einen Aufruf in den Medien sammelte Caveng auch in Neukölln alte Stoffe. Aus diesen kann immer mittwochs jeder, der mag, Neuköllner Sonnenschirme nähen. Denn: Stadt hin, Land her, die Fragen, um die es in Pampsee ging – Wer gehört wohin? Was bedeutet Identität? – die stellen sich überall. Erst recht in Neukölln.

„Heimisch“, Galerie im Saalbau, Karl-Marx-Str. 141. Bis 6. April, Di–So 10–20 Uhr. Nähwerkstatt mittwochs 12–19 Uhr. „Dörfer für Kunst. Kunst im Dorf“, eine arte-Dokumentation über das Projekt wird am 2. März, von 10–13:30 im Passage Kino, Karl-Marx-Str. 131 gezeigt.

Eine leicht gekürzte Fassung des Artikels ist in der Berliner Zeitung erschienen.

 

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