von am 29. Oktober 2015

kress_nkÜber das Leben und Leiden eines Außenseiters. „Kress“ ist der Debütroman von Aljoscha Brell und unser Lesetipp der Woche.

Kress verabscheut Menschen. Er studiert Literaturwissenschaften und wohnt in einer verwahrlosten Wohnung, in einem verwahrlosten Altbau, in einer Neuköllner Seitenstraße. Er ist stolz darauf keinen Computer zu besitzen und verfasst seine Hausarbeiten auf einer fünfzig Jahre alten Schreibmaschine.

Wohin Kress auch sieht: Ignoranz, Dummheit und Unfähigkeit. Für ihn sind seine Kommilitonen Schwätzer. Repräsentanten des Mittelmaßes. Läuft er durch die Universität oder sitzt er in der Mensa, dann lässt er all jene Minderbemittelten spüren, dass er nichts von ihnen hält. Kress ist Misanthrop aus Überzeugung.

Zielsicher Richtung Katastrophe

Bis eine Frau in sein Leben tritt. In der Uni. Er verliebt sich. Und plötzlich hat sein Leben, das bisher stringent auf seine Unikarriere zugeschnitten war, ein neues Betätigungsfeld. Doch je länger wir ihm bei seinen unbeholfenen Versuchen zusehen sie zu erobern, umso mehr merken wir, welch verbohrter Charakter sich hinter seinem Intellekt verbirgt. Zu Beginn war Kress nur ein schrulliger Student. Später macht er uns Angst. Misstrauisch, aber zielsicher steuert er auf die Katastrophe zu.

„Er war aufgesprungen und drohte dem Dozenten mit dem Zeigefinger. Dieser war auf seinem Sessel erstarrt, saß dort unverwandt mit gefalteten Händen und musterte Kress mit einem Gesichtsausdruck, auf dem sich Entsetzen und Empörung mischten. Seine Mundwinkel zuckten, er schien etwas sagen zu wollen, entschied sich aber dagegen. Kress sprang an die Tür und riss sie auf: ‘Der Held ist Held, weil er sich auflehnt gegen das Schicksal, das ihn zerschmettern will. Denken Sie daran, Herr Doktor. Denken Sie daran. Sie werden sich noch erinnern.'“

„Kress“ ist der Debütroman von Aljoscha Brell. 2008 war Brell Stipendiat der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloqiums Berlin, 2009 erhielt Brell das Alfred-Döblin-Stipendium der Berliner Akademie der Künste. Ohne Frage ist Aljoscha Brell ein großes Talent, der sich aber nicht allein aufs Schreiben versteht. Seit zehn Jahren arbeitet er als Projektleiter in einer Berliner IT-Firma. Nun hat er seinen ersten Roman veröffentlicht.

Entgegen der Coolness

Mit Kress ist Aljoscha Brell eine Figur gelungen, die quasi antizyklisch dem Berlin-Hype entgegen tritt. Anstatt das wilde, coole Leben im Trendbezirk zu glorifizieren, hält er mit Kress eine völlige, leidvolle Distanz. Eher selten und rein zufällig stolpert dieser in das ungezwungene Studentenleben zwischen Seminaren, Clubs und Partys. Für den Autor ist Berlin zunächst ein Ort der Einsamkeit.

Obendrein ist Aljoscha Brell ein guter Beobachter, der detailliert das Seelenleben bewusster Außenseiter, Stalker und Einzelgänger entschlüsselt, sie alle vereint im Studenten Kress, der, von seiner Paranoia angetrieben, denkt, alle Vorkommnisse seien eine Verschwörung, die einzig und allein dem Zwecke dienen, ihn, den letzten großen Denker, zu zerstören.

Hemmungslos geradeheraus

Dabei ist Kress nichts weiter als ein selbstgerechter Verweigerer, dessen einziger Freund eine Taube in einem vollgeschissenen Käfig ist. So traurig und hemmungslos geradeheraus zeichnet der Autor seine Figur, als will er uns sagen: So irre kann jemanden die selbst auferlegte Anonymität in dieser Stadt machen.

Wenn es etwas zu kritisieren gäbe, dann höchstens der phasenweise vorhersehbare Plot, dem manche überraschende Wendung gut getan hätte. Und vielleicht, so mag mancher Leser finden, ist auch das Ende in seinem Kern inkonsequent. Aber die Zerissenheit gehört wohl zu einem Ort wie Neukölln und zu einer Figur wie Kress einfach dazu.

„Kress“ von Aljoscha Brell, Ullstein Hardcover, 336 Seiten, 20 Euro

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