von am 28. April 2017

Mohammed und Robert (Foto: Robert Moukabary)

Wie ein Neunjähriger einem Neu-Berliner beim Ankommen hilft und dafür etwas geschenkt bekommt. Und was das mit Talent zu tun hat. Eine Reportage über Mohammed und Robert.

Von Elena Luckey

„Nöö, kein Bock auf Theater.“ Das Thema scheint Mohammed sichtlich zu nerven, er will sich jetzt konzentrieren. Langsam wird es brenzlig. Er kniet, sein zierlicher Kinderkörper schaukelt nervös hin und her. Endlich, sein Einsatz: „Auf in den Kampf, Torehoo!“ Angriffslustig schmeißt sich der Neunjährige bäuchlings auf den Teppichboden. Hält den Atem an. Dann zieht er vorsichtig an einem Holzklötzchen. Der Turm wackelt bedrohlich. „Das heißt Torero“, flüstert Robert in die Stille. „Torero?“ – „Ja, Stierkämpfer.“ Ein polterndes Krachen. Der Holzturm ist eingestürzt. Mohammed springt auf und jauchzt. „High Five!“ Mit mehreren Handschlägen fallen sich die beiden Toreros in die Arme. „Der war jut! Du bist der beste Partner.“ Der kleine klopft dem großen Kämpfer lobend auf die Schulter. Und das war der beste Jenga-Turm, den sie bisher gemeinsam erledigt haben.

Überhaupt fängt die Geschichte von Mohammed und Robert mit einem Turm an, genauer gesagt mit dem Leuchtturm-Haus in Neukölln. Hier, in dem Altbau mit dem signalroten Turm auf der Fassade, hat das Patenschaftsprojekt „Neuköllner Talente“ seinen Sitz. Das Projekt vermittelt Grundschulkindern wie Mohammed sogenannte TalentpatInnen. Sie sollen die Kinder dabei unterstützten, ihren individuellen Interessen und Fähigkeiten nachzugehen und Neues auszuprobieren. Ein Jahr lang verbringen PatInnen und Patenkinder regelmäßig Zeit miteinander.

Sich gemeinsam entdecken

„Bei uns geht es nicht um Hochbegabtenförderung. Unser Motto ist: Jedes Kind hat Talente. Talente sind Wünsche und Interessen, denen es nachzugehen gilt“, erklärt Carmen Wagle, die das Projekt seit knapp drei Jahren leitet. „Oftmals fehlt es aber an Freiräumen und einem ermunternden Umfeld, damit Kinder sich ausprobieren können. Hier setzen wir an.“ Die blonde Frau mit den sanften Augen sitzt an einem großen runden Holztisch und nimmt sich Zeit, die sie nicht hat. Im Projektbüro herrscht hektisches Treiben, Telefone klingeln, eine Preisverleihung muss organisiert werden. Aber davon lässt sie sich nicht beirren. Mit Zeitschenken kennt sie sich aus.

„Mit den Patenschaften wollen wir die Freizeitinteressen der Kinder ernst nehmen und sie Dinge und Orte entdecken lassen, die ihnen sonst eher verborgen bleiben. Wenn die Eltern beispielsweise keine Museumsgänger sind, weil sie das in ihrer Kindheit selbst nicht erfahren haben. Oder weil sie noch nicht so lange in Deutschland beheimatet sind, als dass sie sich an diesen Orten wohl fühlen würden.“

Wörter wie „sozial benachteiligt“ oder „bildungsfern“ hört Wagle nicht gerne. Sie spricht lieber von Kindern aus weniger privilegierten Familien, die das Projekt vor allem erreichen möchte. Von Kindern, denen viele Wege verschlossen bleiben, nicht zuletzt aufgrund gesellschaftlicher Diskriminierungsstrukturen und trotz engagierter Lehrerinnen und Lehrer. Aber es „bewerben“ sich auch Alleinerziehende oder Eltern von Einzelkindern um eine Patenschaft für ihr Kind, um es vor der Einsamkeit zu bewahren. Und Kinder aus akademischen Haushalten, deren Eltern nicht genügend Zeit haben, werden auch nicht abgewiesen.
Carmen Wagle wärmt sich an ihrer Kaffeetasse. In das Büro im Erdgeschoss des Leuchtturm-Hauses fällt nicht viel Sonne. Dafür ist man ganz nah dran am Kiez, ebenerdig. Und Augenhöhe wird hier sehr ernst genommen „Die Patinnen und Paten profitieren auch von der Beziehung. Uns ist es wichtig, dass sie nicht nur helfen wollen, sondern auch motiviert sind, selbst etwas zu lernen und für ihr Leben dazu zu gewinnen.“

Patenschaft auf den ersten Blick

Im Dezember, beim Spielenachmittag im Leuchtturm-Haus, treffen Mohammed und Robert zum ersten Mal aufeinander. Beiden ist sofort klar, dass sie zusammengehören. Sie zocken, kämpfen miteinander, werfen mit Tomaten und fangen sie mit dem Mund wieder auf. „High Five!“ Jeder Sieg wird beklatscht. Mohammed will immer gewinnen. Und er ist fasziniert von Roberts „cooler Frisur“: seitlich kurz, oben lang, seinem eigenen Stil nicht unähnlich. Auch Robert findet sich in Mohammed wieder. Er war als Kind selbst voller Energie. Mohammed braucht keine Überzeugungsarbeit zu leisten: „Klar, werd‘ ich dein Pate, schlag ein!“

Einige Monate später. Robert wirkt etwas verloren, als er aus der überfüllten U-Bahn am Rathaus Neukölln aussteigt. Eben noch in der stillen Uni-Bibliothek, nun mitten im Gewusel. In der einen Hand ein Kaffeepappbecher, in der anderen die Plastiktüte voll nagelneuer Spiele für Mohammed. Hier kennt er sich noch nicht so gut aus, in dem Kiez, der gerne als „sozialer Brennpunkt“ etikettiert wird oder auch als Gentrifizierungs-Hochburg. Nur den Weg zu Mohammeds Wohnung kennt er gut.

Robert ist Neu-Berliner, nicht wirklich Wahl-Berliner. Seine schmale Gestalt ist jungenhaft, Kapuzenpulli, randlose Brille, das Gesicht ein wenig blass, glattrasiert – keine Spur von Hipster-Bart. Erst vor einem halben Jahr ist er aus Bochum hergezogen, um Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Eigentlich wäre er lieber nach München gegangen. Jetzt wohnt er bei seinem Vater in Mitte.
Robert lässt sich auf den Rathausstufen nieder und blinzelt. Nach der Bibliothek tankt er noch ein wenig Frühlingssonne, bevor er sich auf den Weg zu Mohammed macht. Aber er mag Neukölln, beteuert er. Wegen des Fladenbrotes und des Schafskäses. Das ist für ihn noch etwas Besonderes. Und wegen den vielen unterschiedlichen Leuten, die hier zusammenkommen. So wie er und Mohammed. Allerdings hätten sie sich ohne das Projekt „Neuköllner Talente“ wahrscheinlich nie kennengelernt.

„Ich mach das nicht aus Pflichtgefühl“

Nach dem Umzug wollte Robert an etwas teilhaben. Dazugehören. Schließlich kannte er noch nicht so viele Leute hier. Da hat er sich sofort an die „Neuköllner Talente“ gewandt. Das Projekt kannte er von seiner jüngeren Schwester. Die hatte dort zuvor ein Praktikum absolviert und war begeistert. „Sie hat so viel Positives berichtet, dass alle Beteiligten an dem Projekt total glücklich sind: Die Patenkinder, die Paten und die Mitarbeiter. Ich fand das wahnsinnig cool, da wollte ich auch mitmachen.“ Und außerdem hat er Erfahrung mit Kindern. Schon als Oberschüler war er Pate für eine 5. Klasse mit Inklusionskindern. Aber das war nicht so familiär, da kannte er die Eltern nicht. Mittlerweile ist er nicht nur Teil eines Projektes, sondern auch Teil einer Großfamilie geworden.

„Ich sehe die Patenschaft gar nicht als ein Geben nur von meiner Seite an, sondern als eine total gleichberechtigte Beziehung.“ Er weiß, was er an Mohammed und seiner Familie hat. Sie helfen ihm dabei, anzukommen in der neuen Stadt, sich mehr zu Hause zu fühlen. „Bruder wäre vielleicht zu viel gesagt, aber irgendwie ist Momo wie ein Cousin für mich. Jemand, mit dem man gerne etwas macht und nicht aus Pflichtgefühl.“

Hauptsache Zeit zu zweit

Der Türöffner summt, Robert steigt die Stufen hinauf, im zweiten Stock des Altbaus steht die Tür für ihn offen. Schuhe ausziehen, in die Ecke stellen, kurzer, freundlicher Gruß an Mohammeds Mutter, die mit einer Freundin auf dem Sofa sitzt: „Hey, alles gut bei dir?“ Alltagsroutine. Er gehört dazu. Er geht ein und aus. Mohammed kommt um die Ecke gesaust, stößt fast mit Robert zusammen, freudige Begrüßung mit Handschlag. Vertrautes Ritual. Seit Januar treffen sich die beiden nun regelmäßig meist am Wochenende und meist bei Mohammed zu Hause. Zwei bis drei Stunden pro Woche, so lautet auch die Vorgabe.

Auf dem Teppich ein paar verstreute Windeln, im Regal rosafarbene Teenagerhefte. Zwei zusammengeschobene Betten, daneben ein kleines Kinderbett. Hier, im „Mädchenzimmer“, spielt auch Mohammed oft. Bei insgesamt sechs Geschwistern ist Zusammenrücken angesagt. Auch Mohammed teilt sich sein Zimmer mit seinem Bruder. Er gehört mit seinen zwei älteren Schwestern zu den Großen, das jüngste Kind ist drei. Bei diesen Altersunterschieden ist es nicht leicht für die Eltern, etwas zu finden, was allen Spaß macht, weiß Robert.
An Programm mangelt es Mohammed nicht: Arabischunterricht, Kickboxen, er besucht die Kastanienbaum-Grundschule in Mitte, eine Schule mit offener Ganztagsbetreuung. „Aber Momo freut sich, wenn jemand mal ganz gezielt nur was mit ihm macht. Etwas worauf er Lust hat.“ Dafür will Robert da sein. Zum Beispiel zum Jenga-Spielen. Oder zum Pizzabacken, das war Roberts Idee. Einmal mit, einmal ohne Mundgeruch, also ohne Zwiebeln. Und ganz ohne blutige Finger.

Keinen Bock auf Theater

Ein paar neue Impulse möchte Robert dem Neunjährigen aber auch geben. Vom Theaterbesuch beispielsweise konnte er ihn bisher zwar nicht überzeugen, aber er schlägt es immer wieder vor. Die Lust darauf muss letztlich von ihm selber kommen, findet Robert. Er ist da zuversichtlich. Selber Pizzabacken war für Mohammed schließlich auch eine Premiere. „Wie wär’s denn mit Kino?“ Die Kinderaugen leuchten auf. Robert hat auch schon einen Film ausgesucht. Es geht um einen aufgeweckten Siebenjährigen, der sich mit seinem kleinen Bruder zusammenraufen muss. Etwas, womit Mohammed sich identifizieren kann.

Beim nächsten Treffen geht es aber erstmal ins Jump House, zum Trampolinspringen. „Voll cool!“, findet Mohammed. War schließlich sein Vorschlag. Robert kannte den Trampolinpark noch nicht. Er ist ja auch neu in Berlin. Und Mohammed hilft ihm, beim Ankommen. Das kann er ziemlich gut.

Das Projekt „Neuköllner Talente“ vermittelt Neuköllner Kindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren ehrenamtliche Talentpaten. Seit Projektstart im Jahr 2008 wurden bereits über 280 Patenschaften vermittelt und betreut. Finanziert wird das Projekt über Spenden, Träger ist die Bürgerstiftung Neukölln.

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