von am 28. September 2015
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Fröhliche Stimmung beim Willkommens-Fest für Geflüchtete auf dem Tempelhofer Feld

Mehr als nur ein Willkommens-Picknick: Am Sonntagnachmittag feierte die Initiative „Schön, dass ihr da seid!“ gemeinsam mit Geflüchteten und Berlinerinnen und Berlinern auf dem Tempelhofer Feld ein ausgelassenes Fest. Über einen Tag des Kennenlernens.

Fotos: Emmanuele Contini

Die Sonne strahlt vom Himmel, als wollte es der Herbst den Besuchern des Tempelhofer Feldes noch einmal so richtig zeigen. Das ehemalige Flughafengelände zwischen Neukölln und Tempelhof ist gefüllt mit Familien, Spaziergängern, Hundebesitzern, Windsurfern, Joggern und Musikern aller Art – also eigentlich ist alles wie immer. Mit einem Unterschied: eine große Menschenmenge, die sich um einige weiße Zelten versammelt hat. Es riecht nach unzähligen Speisen, Kinder spielen und rennen vergnügt umher, von überall her wehen Gesänge heran. Es wird getanzt und gelacht, von Akrobatik bis zur Diskussionsrunde – jeder kann bei einem der zahlreichen Angebote mitmachen. Was zunächst wie eine herbstlich-harmonische Ausgabe eines Open-Airs wirkt, ist eine Veranstaltung der Berliner Geflüchteten Initiative „Schön, dass ihr seid!“. Ein Picknick für alle Geflüchteten und Berlinerinnen und Berliner, wie es schöner und spontaner nicht aus dem Boden hätte gestampft werden können.

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Picknick für alle: Bei so vielen Teilnehmern ist das Essensangebot besonders reichhaltig.


Zwischenmenschlicher Austausch

Elisa Pfennig steht in der Mitte des bunten Treibens und kann es noch gar nicht so richtig fassen. So viele sind gekommen, die Idee vom Willkommens-und-Kennenlern-Picknick funktioniert tatsächlich. „Dass es so gut läuft, hätten wir nie gedacht“, berichtet die 24-jährige Pressesprecherin der Initiative. Mit 300 bis 400 Teilnehmern hatten die Veranstaltern gerechnet, gekommen sind mehr als doppelt so viele. Vor drei Wochen erst saß das Kernteam, bestehend aus acht OrganisatorInnen, in der Neuköllner Kneipe „Rotbart“ und beratschlagte über die Chancen und Möglichkeiten, die man als kleine zivilgesellschaftliche Initiative haben könnte, um etwas zu bewegen. Das Ziel stand von Beginn an fest: der Austausch zwischen Geflüchteten und Berlinerinnen. Im Laufe dieser drei Wochen ist sehr viel passiert. Unter anderem über eine Facebookgruppe erweiterte sich der Unterstützerkreis der Initiative schneller, als die Planungsgruppe planen konnte. Bald arbeiteten über 85 freiwillige Helfer in kleinen Arbeitsgruppen an den Vorbereitungen für das Fest mit. Das Ergebnis ist beachtlich. Elisa schaut stolz umher. Die Buffettische ächzen unter der Last der vielen unterschiedlichen Speisen, auf der Bühne stellt gerade eine Englisch-Arabisch-sprachige Rapgruppe ihr Können unter Beweis. Alles ist vorhanden – ganz entspannt und unverkrampft.

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Ein Willkommens-Fest, dass nicht nur satt, sondern auch glücklich macht.


Kleiderspenden allein reicht nicht

„Ich bin sehr froh, dass wirklich so viele Geflüchtete gekommen sind und nicht nur deutsche Familien, die helfen möchten“, erklärt Elisa. Es geht schließlich um echten Austausch, um ein gelebtes Miteinander. „Kleidungstücke bei Heimen vorbeibringen reicht nicht. Wir wollen der Abschottung von Geflüchteten Abhilfe verschaffen“, sagt sie. Die frühzeitige Kontaktaufnahme mit den Wohnheimen der Hauptstadt hat sich ausgezahlt. Mehrfach benachrichtigten die Veranstalter die Heimleitungen und sorgten für Begleitpersonen, die die Geflüchteten an den Heimen abholten, um sie zum Tempelhofer Feld zu bringen. Sprachbarrieren scheinen für die Gäste des Feldes am heutigen Tag nicht zu gelten. Es findet sich immer eine Person, die übersetzen kann, und zum Verteilen von Essen benötigt niemand viele Worte. Die Picknickdecken rutschen näher zusammen.

„Ihr seid die ersten deutschen Freunde, die ich kennenlerne.“
– Rasheed aus Syrien

Rasheed zieht genüsslich an einer Shisha und grinst in die Linse des Smartphones eines Jungen, den er gerade erst kennengelernt hat. Neben ihm sitzen Kübra (17) und Civan (15). Sie löchern Rasheed mit Fragen, die er den wissbegierigen Schülern der Neuköllner Otto-Hahn-Schule bereitwillig beantwortet. Die Unterhaltung verläuft auf Türkisch, da Rasheed eineinhalb Jahre in Istanbul gearbeitet hat und die Sprache schon fast fließend beherrscht. Es ist nun zwei Jahre her, dass der 22-jährige Student aus Aleppo (Syrien) fliehen musste. Vor vier Monaten kam er nach Deutschland. Er ist froh hier zu sein, doch er hat sehr mit den Lebensumständen in seinem Wohnheim der Rudower Straße 13 zu kämpfen. Die beiden Schüler hängen an seinen Lippen. Als Civan Rasheed fragt, ob er auch schon mit anderen Deutschen Kontakt hatte, schüttelt dieser resigniert den Kopf und antwortet: „Ihr seid die ersten deutschen Freunde, die ich kennenlerne.“ Kübra freut sich über den neugewonnen Freund, doch fragt sich auch, warum die Neuankömmlinge es so schwer haben, Kontakte zu knüpfen. Sie und ihre Freunde wollen etwas daran ändern. Gemeinsam mit ihrer Flüchtlings-AG der Otto-Hahn-Schule möchten sie auf die Geflüchteten zugehen und sie Willkommen heißen.

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Essen verbindet, egal ob über Bulette oder Falafel.


Austausch unter den Helfern

Bei dem Picknick auf dem Tempelhofer Feld ging es nicht um ein „Altkleider-abgeben-und-wieder-gehen“, sondern um ein „Zusammen-auf-eine-Picknickdecke-setzen-und-Kartoffelsalat-gegen-Taboulé-tauschen.“ Ein Fest, bei dem das gegenseitige Kennenlernen im Vordergrund steht. Es werden nicht nur und Freundschaften geschlossen, viele Initiativen kommen auch erstmals miteinander ins Gespräch und tauschen sich über weitere Zusammenarbeit aus. Wenn es nach Elisa geht, war das Picknick nicht die letzte Aktion der frisch formierten Helferschaft. „Wir werden uns noch einmal zusammensetzen und schauen, ob sich solche Picknicks wiederholen lassen.“ Die hohe Besucherzahl, die begeisterten Gäste und die zufriedenen Mitarbeiter sprechen eine eindeutige Sprache: Bitte mehr davon!

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