von am 8. Januar 2015
Tante Inge / Auf halber Treppe / Nachbarschaftliches Engagement

Barbara und Ilse bei „Tante Inge auf halber Treppe“ in der Casa Reha, Foto: Markus Wächter

Die Initiative „Auf halber Treppe“ möchte Nachbarschaft in Berlin wieder mit Leben füllen und einsame Menschen aus ihrer Isolation holen. Zusammen mit „Tante Inge“ haben sie ihr Konzept für einen Modellversuch auf ein Seniorenheim übertragen. Zu Besuch in der Casa Reha in Neukölln.

„Ne!“ – es dauert nur den Hauch einer Sekunde bis die Antwort aus dem Mund der älteren Dame schnellt, etwas vorlaut und mit einem leicht sarkastischen, Wollen-Sie-uns-verarschen-Unterton. Dann: ein kleiner Moment betretenen Schweigens, denn allen hier in der Runde war die Antwort auf diese Frage ohnehin klar: „Wissen Sie, wer in der Roseggerstraße 19 wohnt?“

Natürlich wusste niemand aus der direkten Nachbarschaft etwas mit der Hausnummer 19, dem Seniorenheim am Ende der Straße, anzufangen. Wie auch. Wer weiß denn schon, wer im Mietshaus gegenüber wohnt, wenn man selbst die Nachbarn im eigenen Haus kaum kennt?

Genau an dieser Stelle setzt die Initiative „Auf halber Treppe“ an. Sie möchte die oft – und gerade in einer Großstadt wie Berlin – nur leere Worthülse „Nachbarschaft“ mit echtem Leben und bekannten Gesichtern füllen, eine Hilfestellung für eine Vernetzung geben, die in vielen Mietshäusern von selbst kaum oder gar nicht stattfindet. Menschen, wenn möglich, aus ihrer sozialen Isolation holen – so die ursprüngliche Motivation hinter dem Projekt, das aus einem Uni-Seminar an der FU Berlin zu Social Entrepreneurship, also sozialem Unternehmertum, entstanden ist.

Schubs über die Schwelle

Alles was es dazu braucht ist Kaffee, Kuchen, einen Tisch und ein paar (LED-)Kerzen. „Und einer aus dem Haus muss uns einladen“, erläutert Karoline Spring von der Initiative das Prozedere für das „Café auf halber Treppe“. Man wolle schließlich nichts von außen überstülpen. Finanziert wird das Projekt mittlerweile durch Fördergelder und wird von der ehrenamtlichen Arbeit der Studenten getragen. Die Einladenden bekommen vorab Plakate mit Informationen über das Café für einen Aushang im Treppenhaus und zusätzlich persönliche Einladungen für alle Nachbarn zugeschickt. Kurz bevor das Pop-Up-Café dann für etwa anderthalb Stunden das Kaffeekränzchen im Treppenhaus ermöglicht, machen Karoline Spring und ihre KollegInnen vom mittlerweile siebenköpfigen Team noch einmal eine persönliche Einladungsrunde, klingeln an jeder Haustüre und leisten letzte Überzeugungsarbeit.

Das Café auf halber Treppe in gewohntem Rahmen

Das Café auf halber Treppe in gewohntem Rahmen

„Manche brauchen nochmal einen Schubs über die Schwelle“, meint Spring und erzählt, dass gerade ältere Menschen sich manchmal nicht mehr recht vor die Tür trauen würden, etwa weil sie schon einmal überfallen wurden. Doch vor allem die würden oft richtig aufblühen, „wie die eine Oma, die dann allen noch einen Schnaps ausgeschenkt hat.“ Und wer nicht zum Plausch im Treppenhaus überredet werden möchte, weil er die Anonymität der Großstadt zu schätzen weiß? Wer keine Lust habe, komme einfach nicht. „Mir ist bisher noch nichts Negatives passiert.“

Tante Inge auf halber Treppe

In der Cafeteria des Casa Reha wird zwar heute kein Schnaps ausgeschenkt – abgesehen von einem älteren Herren am Nachbartisch, der sich seinen Nachmittag mit einem Gläschen Amaretto („Kaffee Deluxe“ ohne Kaffee) versüßt – aber auch hier blühen die älteren Gäste merklich auf und genießen ihr „Café auf halber Treppe“, ohne Treppe. Die Einladung in das Seniorenheim „Casa Reha“ in Neukölln ist etwas Besonderes, ein Modellversuch, den das Halbe-Treppe-Team gemeinsam mit der Initiative „Tante Inge“ gestemmt hat.

Mit der Unterstützung des Hauses haben diesmal die Senioren selbst die Nachbarschaft eingeladen. Ihr Zuhause ist das Pflegeheim in der Roseggerstraße, in dem derzeit 175 ältere Menschen wohnen. Die Pfleger haben geholfen, elf ältere Damen und Herren zu finden, die Lust haben auf ein Treffen mit jungen Leuten aus der Nachbarschaft. Dabei habe man versucht „die Fitteren“ zu motivieren, die kaum Besuch bekämen oder sich gerne einigeln, erklärt Nils Swetlik, der Leiter des privaten Träger. Mindestens die Hälfte seiner Bewohner sei dement.

Um die jungen Leute aus der Nachbarschaft haben sich „Tante Inge“ und „Auf halber Treppe“ gekümmert. Neben ein paar Plakaten in den angrenzenden Häusern, ist der Großteil der Anwesenden über Facebook auf das Projekt aufmerksam geworden. Wie Barbara, Ende 20, die früher immer gern bei ihrer Oma war und mit ihr zusammen „Nur die Liebe zählt“ geguckt hat. Der Kontakt zu älteren Menschen und deren Lebenserfahrung würde einen erden und aus dem Alltagsstress herausholen. Deshalb sei sie heute vorbeigekommen. Und sie wohne ja gleich um die Ecke.

Blick hinter die Kulissen

Auch Kerstin Müller, die Initiatorin von „Tante Inge“ erzählt in der Begrüßungsrunde wie sie ihre Großtante Inge „adoptiert“ habe, weil sie selbst seit zehn Jahren keine Großeltern mehr habe und den Kontakt mit alten Menschen vermisse. Applaus von der Dame im zitronengelben Blazer. Die Haare zurecht gemacht, Perlen im Ohr, hat sie offenkundig auf den Besuch vorbereitet und applaudiert sich vor lauter Freude durch die Vorstellrunde. Eine andere Dame wiederum ist mit ihrer Vorstellung nicht ganz so d’accord: „Das können Sie doch gar nicht wissen, dass ich nett bin“, widerspricht sie Kerstin Müller, „Sie kennen mich doch gar nicht.“

Mittels Kaffee und Kuchen lässt sich auch dieses Problem recht schnell beheben. Und nach einer Weile scheinen alle Beteiligten sichtlich zufrieden mit dem aus ihrer Sicht geglückten Modellversuch. Nils Swetlik ist dankbar für die Vernetzung von außen und den „Blick hinter die Kulissen“, den der Nachmittag mit „Tante Inge auf halber Trepppe“ ermöglicht habe. Doch sich deshalb nur auf alte Menschen konzentrieren, möchte sich Karoline Spring trotzdem nicht. „Es gibt in allen Altersstufen ziemlich einsame Menschen.“

Tange Inge auf halber Treppe
ist
diesen Samstag, 10. Januar 2015 um 14h30 in Schöneberg!
Ihr seid herzlich eingeladen zu Kaffee und Kuchen.
Bitte um Anmeldung unter kerstin@tante-inge.org

Der Text ist ursprünglich in der Berliner Zeitung vom 17.12.2014 erschienen.

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