von am 17. April 2013

Eine riesige Tafel abgebrannter Feuerwerkskörper, zerfetzte Nylonstrümpfe und Brusthaarbilder von Männern: Die Ausstellung „Erogenous Zone“ zeigt, wie Frauen ihre Sexualität und Erotik reflektieren.

Die weibliche Sexualität war und ist wohl immer noch ein Mysterium für viele und leider ziemlich unterrepräsentiert im öffentlichen Raum. Das dachten sich auch ein Haufen Berliner Künstlerinnen, die sich zur feministisch losen Gruppe ff zusammengefunden haben. „Viele starke Frauenpositionen sind im Kunstkontext unterbelichtet“, sagt Juliane Solmsdorf, Künstlerin und Kuratorin der Ausstellung „Erogenous Zone„, die unter dem Gesamtprojekt „Temporary Autonomous Zone“ seit dem 23. März in der Galerie am Körnerpark zu bestaunen ist. Es ist nicht der Blick der Männer auf die Frau, sondern Frauen selbst beziehen in der Ausstellung Position: Was ist für sie sinnlich oder erotisch.

Antje Majewski: Venus, 2012; Phallus, 2012; Foto: Christina Dimitriadis

High Heels vor Neonleuchten – hier wird der hochhackige Schuh zur Waffe. Die klassischen Sexsymbole sind Inspiration im Werk Jules von Magdalena Bichler und werden offensichtlich nicht nur von Männern erotisch gefunden. Weiter geht es mit einer riesigen Leinwand, auf der zwei archetypische Fruchtbarkeitssymbole nicht zu übersehen sind. Antje Majewskis Werk zeigt einmal die Venus im Stil einer Muttergottheitsstatur, auch bekannt unter der Venus von Willendorf, und einen großen Phallus. Die Zeichnungen beziehen sich auf alte Fundstücke, die, zwischen 28 000 und 40 000 Jahre alt, in einer Höhle in Süddeutschland gefunden wurden. „Ich glaube jeder Mensch würde die weibliche Figurine und die phallischen Schlägel mit menschlichen Körpern und ihren erotischen Zonen verbinden. Sie sind für mich Beispiel für die Möglichkeit visueller Bilder, die auch über lange Zeiträume mit uns sprechen“, sagt Antje Majewski, Kunstprofessorin und Künstlerin der Gruppe ff über ihr Werk.

So vielseitig die erogenen Zonen einer Frau sind, so abwechslungsreich ist auch die Ausstellung angelegt. Ob Skulpturen, Videos, Gemälde, Skizzen, Installationen, Collagen oder Drucke: Eine facettenreiche Auswahl an Kunstwerken erwartet den Besucher in der Ausstellung. „In der ‚Erogenous Zone‘ sehen wir ganz verschiedene Ansätze: sinnliche, romantische, sexuelle, feministische, extatische oder leidenschaftliche“, sagt die Kuratorin Juliane Solmsdorf.

Feuerwerk der weiblichen Sinneslust

Gegenüber von Majewskis Zeichnungen steht man vor einer raumeinnehmenden Wand bestehend aus unzähligen, abgebrannten Feuerwerkskörpern. Ob das Werk Prokurator von Nina Rhode auf ein Feuerwerk der weiblichen Sinneslust mit der multiplen Orgasmusfähigkeit der Frau anspielt? Nach den Brusthaarzeichnungen in seinen unterschiedlichen Ausformungen von Fiona Rukschico zieht die Skulptur Erscheinung (Drei) von Mariola Groener mein Interesse auf sich. Sie selbst sagt, dass sie sich von ihren Fundobjekten selbst aufspüren lässt. Die Montage zeigt aufeinander geschraubte Holzsockel, Porzellan und zwei paar hölzernen Highheels. In der Mitte steckt ein altertümlicher Besen, der mich unweigerlich an Hexenverbrennung denken lässt. Alles scheint auf den Kopf gestellt.

Mathilde ter Heijne: Black Hole (Schwarzes Loch), 2011; Foto: Christina Dimitriadis

Fast am Ende des Raumes blickt man in einen riesigen, runden, schwarzen Spiegel. Black Hole von Mathilde ter Heijne ist ein Werk aus Glas und Holz und verweist auf altertümliche Rituale des Wahrsagens in verschiedenen Kulturen: Junge Frauen blickten in einen Spiegel in einem dunklen Raum, um das Gesicht ihres zukünftigen Mannes zu sehen. Black Hole bezieht sich auch auf die viktorianische Vorstellung von der Vagina als „Nichts, als ein Loch“, so ter Heinije. Von der gleichnamigen Künstlerin ist auch Desire, ein weißes besticktes Tuch mit einem kleinen Loch in der Mitte.

Zusammen mit Mathilde ter Heinije hat Juliane Solmsdorf die Ausstellung initiiert, verschiedene Kunst-Frauen zu diesem Thema eingeladen und somit ein breites Spektrum an Arbeiten zusammengestellt. Im Zentrum stünden die Lust und Freude sich zur weiblichen Sinnlichkeit zu positionieren und weniger zu problematisieren, so Solmsdorf. Vor allem sollte das Thema nicht in Abgrenzung zur männlichen Position stehen oder damit in Konfrontation gehen. Es geht allein um eine klare Darstellung was Frauen toll finden. Das kann sich mit dem Gefallen der Männer überschneiden oder ergänzen. Zwei Schwerpunkte der Ausstellung gliedern sich in feministisch-erotische Arbeiten und abstraktere Werke.

„Was ist denn eigentlich erotische Kunst?“

Juliane Solmsdorf: Square Nylon, 2012; Foto: Christina Dimitriadis

In ihren eignen Arbeiten verbindet Juliane Solmsdorf gerne gegensätzliche Materialen und vor allem selbst getragene Nylonstrumpfhosen, die sie dafür zerreißt und zerschneidet. „Ich arbeite mit dem Kleidungsstück Nylonstrumpfhosen seit einer Weile und komme davon einfach nicht mehr los. Viele fanden meine Kunst immer erotisch, so bin ich zu dem Thema überhaupt gekommen und habe mich dann gefragt: Was ist denn eigentlich erotische Kunst?“ Die Bilderrahmenskulpturen sind komplett mit Nylon überspannt. Einmal schwarz und einmal weiß. Der Stoff an sich gibt dem Ganzen etwas Anrüchiges und Wildes, aber auch Verfänglichkeit lässt sich damit assoziieren. Die zweite Skulptur ist ein großer runder Holzring mit schwarzem Nylon überzogen, der von der Decke hängt. Die Arbeiten sollten ihrer Ansicht nach abstrakt gelesen werden. Es geht bei ihr um Objekte, die man im Alltag findet und mit anderen auf unerwartete Weise kombiniert. „Ich hatte einfach Lust mit dem Material um mich zu schmeißen und das dann gar nicht in so einen problematischen Zusammenhang zu stellen“, meint die Künstlerin.

Ein Eingang weiter befindet sich der Kreativraum. Hier finden unter anderem Veranstaltungen aus dem Rahmenbegleitprogramm statt: wie Workshops oder Performances, Filmabende, Diskussionen, Lesungen und Führungen zur Ausstellung. In diesem Teil der Galerie sollen sich auch noch weitere Werke der Künstlerinnen befinden, die aus der Hauptausstellung vom Kulturamt Neukölln aufgrund pornografischer Nähe aussortiert wurden. Aus ähnlichen Gründen wurde der ursprüngliche Titel der Ausstellung „Erogene Zonen“ ins Englische übersetzt.

Assoziationen von Unterdrückung, Unfreiheit und Begrenzung

Eine Besucherin meint, sie fühle sich von der Ausstellung teilweise auch unangenehm berührt und empfinde sie als auch Konfrontation mit der traumatischen Prägung der weiblichen Sexualität durch Unterdrückungssymbole, die sie auch in den Arbeiten wahrnimmt. Ein Video zeigt beispielsweise eine junge Frau, die von mehreren Männern abgeschleckt wird. „Für mich auf meinem Weg ist Sexualität was Heiles und Schönes. Das was ich für mich gefunden habe, spiegelt sich hier nicht wieder“, sagt sie.

Mir ging es ähnlich und ich habe mich gefragt, ob sich denn weibliche Sexualität heute herausgelöst aus einem geschichtlich-sozialisierten Kontext überhaupt betrachten lässt. Auch wenn die Ausstellung nicht bewusst daraufhin angelegt war, lösen einige Kunstwerke Assoziationen von Unterdrückung, Unfreiheit und Begrenzung in mir aus. Teilweise erscheint mir die Ausstellung als ein wildes Potpourri aus verschiedenen Themenansätzen an sinnlicher Reflexion der Künstlerinnen, sowie Sexualität in anderen Kulturen. Bei einigen Werken wird problematisiert, bei anderen Werken erotische Assoziationen einfach dargestellt. Manchmal wird nicht ganz klar, wohin die Reise gehen soll. Auf jeden Fall aber regt die Ausstellung zur weitergehenden Reflexion und Diskussion über das Thema an.

Die Teilausstellung „Erogenous Zone“ ist noch bis zum 21.04. 2013 in der Galerie am Körnerpark zu bestaunen. Das umfangreiche Rahmenprogramm dazu läuft parallel zur Ausstellung bis zum 19.05.2013

Galerie am Körnerpark/Ausstellung:
http://kultur-neukoelln.de/galerie-im-koernerpark-programm-veranstaltung-1615.php

Begleitprogramm zur Ausstellung:
http://kultur-neukoelln.de/client/media/528/beiprogramm_ff.pdf

Seite der Künstlerinnengruppe ff:
http://fffffff.org/erogenous-zone/

 

Ein Kommentar:

  • Ulrich Kraus sagt:

    Hallo, ich hätte mal ne Frage

    Ich bin Hobbyschreiner und habe mich auch an erotischen versucht und bräüchte mal eine Einschätzung.Leider bin ich in keinem sozialen Netzwerk registriert.Habe also nur eine E-Mail Adresse.Wenn sie mir ihre mitteilen würden könnte ich ein paar Bilder schicken.
    Vielen dank Ulrich Kraus

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