von am 22. Juli 2017

Nicht nur in Berlin, sondern auch im indischen Assam können sich Kunstinteressierte auf die Führung und das Klangerlebnis per App einlassen. (Foto: Sarlongkiri Ingti/Lee Eh Kiri)

Von Juli bis Oktober präsentieren die Berliner Festspiele ihre Programmreihe „Immersion“. Sie zeigt Kunstwerke, die im Grenzbereich zwischen Ausstellung und Performance liegen. In diesem Rahmen läuft derzeit eine Kunstaktion auf dem Tempelhofer Feld. Titel „Unknown Cloud on Its Way to Berlin“ des schwedischen Künstlerduos Lundahl & Seitl. Wir haben sie uns angesehen.

Die Kunstaktion findet zeitgleich auf dem Tempelhofer Feld und in Assam, Indien, statt. Und sie steht für das Entstehen einer unbegrenzten Gemeinschaft und die Idee, Grenzen neu auszuloten. Dazu benötigt er Besucher die App „Unknown Cloud Caretaker“, die Signale der Unknown Cloud mithilfe von Text- und Sprachnachrichten überträgt. Die Künstler möchten die Erfahrung eines „Overview-Effekts“ möglich machen, der uns von unseren individuellen Unterschieden befreien und mit den anderen kommunizieren lassen soll. Wir haben im Selbstversuch die App getestet.

Zur Kunstaktion bin ich ein wenig zu früh. Ich schaue mich um und sehe das übliche Bild: Leute, die in kleinen Gruppen zusammensitzen und sich unterhalten. Pärchen, die den Sonnenuntergang genießen. Allerdings ist dieser gerade von einer grauen Wolke leicht verdeckt. Ist das schon die Unknown Cloud? Und was ist die Unknown Cloud eigentlich? Nach und nach versammeln sich immer mehr Kunstinteressierte, die Ihre Handys und Kopfhörer auspacken. Ich starte die App.

Vertrauen schaffen

Es gibt Startschwierigkeiten. Mein Handy will sich nicht mit der „Unknown Cloud“ verbinden. Schnell entstehen kleine Grüppchen „Funktioniert die App bei dir? Was muss ich in meinen Einstellungen ändern? Wann geht es genau los?“ Mit fremden Menschen in Kontakt kommen klappt bei der Aktion also schon mal gut. Aber es bleibt dabei: die App funktioniert auf meinem Handy nicht. Um mich herum stehen Teilnehmer mit Kopfhörer, die nun offensichtlich mit der Cloud verbunden sind.

Ohne funktionierende App geht allerdings nichts bei dieser Kunstaktion. (Foto: Sebastian Bolesch)

Manche schauen auf ihr Handy, andere wenden sich mit geschlossenen Augen dem Sonnenuntergang zu. Schließlich bekomme ich von den Veranstaltern ein Gerät in die Hand gedrückt, auf dem die App funktioniert. Das sei hier die Generalprobe, technische Fehler, sorry. Alles gut, es liegt bestimmt an meinem Handy. Ich setze meine Kopfhörer auf. Hinter mir sitzen drei Männer, die uns amüsiert zuschauen, dabei laut arabische Musik hören und uns mit ihren Handys filmen, während die Gruppe anfängt, sich an den Händen zu halten und einen großen Kreis zu bilden. Irgendwie ist Vertrauen da.

Connection here now

Die App fängt an, Nachrichten zu schicken und mit mir zu sprechen. Ich höre verschiedene Geräusche, die ich nicht richtig einordnen kann, außerdem beginnt ein Puls in meinem Ohr zu schlagen. „Close your eyes“, befiehlt die Cloud. Die Geräusche vermischen sich und dehnen sich in meinem Körper aus. Das ist der Sound der Sonne, erklärt mir die Stimme. Weitere Planetengeräusche kommen hinzu, sie stammen alle aus NASA-Archiven, sind also echt. Bei mir beginnt das Kopfkino: Wie fühlt sich wohl ein Sturm auf dem Neptun an?

Der Sound Indiens vs. der Sound Berlins

Irgendwann bekomme ich die Anweisung, jemanden an der Schulter zu berühren. „I will wait for you“ sagt die Stimme. Es geht nach Indien. Mein Partner wird über die Kopfhörer von einer indischen Frau geführt und der Partner führt mich. „This way, I wanna show you something“. Ich höre ein Klingeln, Kindergeschrei, Türenknarren, einen Kinderchor. Das alles vermengt sich zu einem kleinen Soundspektakel. Und es funktioniert: In meinem Gehirn entstehen Bilder des Ortes, das Bild der Frau, die zu uns spricht und die uns herumführt. Die Menschen dort schauen gerade auf den Mond, während bei uns die Sonne untergeht. Aber tut sie das wirklich? Die Erde rotiert doch um die Sonne! Dieser Perspektivwechsel trägt auch zur Verbundenheit bei. „Come with me.“ Sie geleitet uns durch die Straßen. Ich sehe den Mond nicht, aber ich höre ihn. „Trust my hand and you see what I see.“

Ich bekomme Einsicht in das tägliche Leben der anderen Community – über das was ich höre und in meiner eigenen Vorstellungskraft. Und das bringt Annäherung, es ist anders, als wenn man etwas über diesen Teil der Erde liest. Man hört den anderen Ort und es hat etwas Rituelles, weil es alle zusammen zum selben Zeitpunkt machen. Die „Unknown Cloud“ ist eine Kunstaktion, auf die man sich ein bisschen einlassen muss. Tut man es, gibt es einem die Chance, Neues zu erleben und vielleicht sogar einen kleinen Overview-Effekt auf die Erde zu bekommen, ohne dafür ins Weltall reisen zu müssen.

Weitere Termine der Aktion: Dienstag 25.07, 21 Uhr, Freitag, 28.07., 21 Uhr, Ort: Tempelhofer Feld, Eingang Tempelhofer Damm, der Eintritt ist frei, Smartphone und Kopfhörer mitbringen!

„Unknown Cloud on Its Way to Berlin“ kann nur mit Hilfe der App „Unknown Cloud Caretaker“ erfahren werden. Die App kann man immer am Tag des Events ab 12 Uhr neu herunterladen. Die App „Caretaker“ ist im Entwicklungsstadium. Die Veranstalter garantieren nicht die Teilnahme und einen reibungslosen Downloadprozess. Fragen zu Unknown Cloud on Its Way to Berlin? Hier geht es zu den FAQs!

Lundahl & Seitl freuen sich über euer Feedback zu den Erfahrungen mit der Unknown Cloud und der Funktionalität der App unter info@unknowncloud.com.

 

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