von am 30. September 2015
Zuckerwatte und Willkommen (Foto: Jan-Jonathan Bock)

Es gab Zuckerwatte und allerlei Süßes

Die Türen der Sehitlik Moschee standen am Sonntag weit offen – der Jugendvorstand lud ein zum Willkommensfest für Geflüchtete. Auch der türkische Generalkonsul war dort und erklärte, warum die muslimischen Gemeinden den Menschen besonders gut helfen könnten.

„Möchte jemand helfen, die hier sauber zu machen?“, ruft der junge Helfer im grauen Hugo-Boss-Trainingsanzug in die Runde und stemmt dabei den pinkfarbenen Untersatz einer Zuckerwattemaschine in den Himmel über der Sehitlik Moschee am Columbiadamm. Die erhoffte Resonanz bleibt aus, da die anderen Mitglieder im Jugendvorstand des Moscheevereins selbst Kartons umhertragen, um dem von ihnen gestalteten Willkommensfest für Geflüchtete aller Glaubensrichtungen den letzten Schliff zu geben. Über dem Vorplatz der prachtvollen Moschee geben sich Freiwillige und Helfer die Klinke in die Hand. Gleich werden die ersten Geflüchteten aus Unterkünften am Mariendorfer Weg und der Jahnsporthalle eintreffen – soweit es anderen Freiwilligen denn gelingt, sie trotz dem Berlin-Marathon mit Privatwagen und öffentlichen Verkehrsmitteln hierher zu lotsen.

Gespendete Kleider, Koranausgaben und Gebetsteppiche

Zwischen der Sehitlik Moschee und der mit weißen Fliesen verkleideten Teestube steht eine lange Reihe aus Klapptischen, auf denen sich gespendete Hosen, Schuhe, Jacken, Koranausgaben und Gebetsteppiche stapeln. Darüber grüßt ein großes gelbes Schild, auf dem Kinder unterschiedlicher Hautfarben die Arme nach oben recken und bunte Ballons aufsteigen. „Eid Mubarak“ oder „Gesegnetes Fest“ prangt dort in großen Lettern.

Ender Cetin, der Vorsitzende des Moscheevereins (Foto: Jan-Jonathan Bock)

Ender Cetin, der Vorsitzende des Moscheevereins

Rechtzeitig mit Ende der Vorbereitungen treffen dann die ersten Geflüchteten ein. Viele der Männer gehen zielstrebig zum Waschraum, um sich vor dem Betreten des Gotteshauses rituell zu reinigen. Langsam füllt sich der Platz vor der Moschee, der auf der Nordseite von alten osmanischen Gräbern begrenzt wird. Ender Cetin, der Vorsitzende des Moscheevereins, klatscht in die Hände und bittet, sich um ihn zu versammeln. Medialen Trubel gewöhnt, erscheint er doch auf sympathische Art etwas verlegen, als er die Gäste auf Englisch begrüßt: „I am the chairman of this mosque. Welcome!“ Er erklärt, dass die Moschee allen jeden Tag offen steht. Sein Stellvertreter, Süleyman Kütük, übersetzt die warmen Worte des Willkommens ins Arabische, welches die Geflüchteten mit schüchternem Nicken und Lächeln begrüßen.

Große Tabletts mit Reis, Fleisch und Baklava

Der Jugendvorstand hat ein riesiges Bankett im Moscheekeller organisiert. An langen Tischreihen sitzen Geflüchtete, Freiwillige und Unterstützer zusammen, bewirtet von einer Helferarmee, die große Tabletts mit Reis, Nudeln, Fleisch und Baklava durch den vollen Raum jongliert. An einem Tisch sitzen drei jugendlich wirkende Männer aus Benin. Sie haben ihre großzügigen Portionen bereits restlos verspeist, aber zum Glück verteilt eine junge Helferin mit hellblauem Kopftuch noch Süßigkeiten. Die drei füllen ihre Jackentaschen und grinsen verstohlen – ein Gespräch bleibt angesichts zu beschränkter Französischkenntnisse leider oberflächlich. „Tschüss“, grüßen sie dennoch zum Abschied.

Im großen Kellersaal stellt sich fast schon entspannte Bierzeltatmosphäre ein – wenn auch ohne Alkohol. Die langen Tische sind zumeist mit weiß-blau kariertem Tischtuch eingedeckt. Mihriban, eine der jungen Organisatorinnen, ist dennoch enttäuscht. „Wir hatten mit mehr Leuten gerechnet und haben 300 Essensportionen organisiert“, erklärt sie, „aber jetzt sind es nur ein paar mehr als 100 Personen geworden. Als wir an der Einrichtung in Schöneberg ankamen, um die Geflüchteten abzuholen, waren sie bereits auf dem Willkommensfest am Tempelhofer Feld.“

Im Keller der Moschee gibt es ein großes Bankett (Foto: Jan-Jonathan Bock)

Im Keller der Moschee gibt es ein großes Bankett

Der guten Laune der Anwesenden tut dies keinen Abbruch. Nach einem kurzen Dankgebet bedienen sich die Moscheegäste an den Spendentischen und stopfen dankbar blaue Plastiktüten mit Jacken und Geschenkkörben für die Kinder voll. Nebenan bemalen Freiwillige Kinderhandrücken mit Kaligraphie. Am Zuckerwattestand versucht ein junger Syrer zu bezahlen. „No, it not free“, weist der jugendliche Helfer der Moscheegemeinde ihn daraufhin zurück, schüttelt den Kopf, und zeigt ein breites Grinsen. „Ok, how much?“, fragt der syrische Flüchtling konsequent. „Oh, no, it free. No pay!“, korrigiert sich der Zuckerwattendreher mit einem noch breiteren Grinsen und blickt nach unten. „You should learn more English“, zwinkert der Syrer ihn noch an, bevor er die schmale Lederbrieftasche in seine Jacke gleiten lässt.

Englisch dank YouTube

Auf Nachfrage, wie er Englisch gelernt habe, schwärmt der junge Mann von amerikanischen Filmen, Musik, und YouTube-Kanälen, auf denen er sich die Sprache selbstständig beibringt. Er nennt sich Hassan, 17 Jahre alt. Wegen des jungen Alters ist er mit einer Kleingruppe gekommen, betreut von einem wuschelköpfigen Franzosen, der auch Arabisch fließend spricht. Seine Mutter und seine Schwester seien noch in Syrien, einen Vater erwähnt Hassan nicht. Hochgewachsen und mit zurückgekämmten Haaren, die er mit einer verkehrt aufgesetzten, roten Baseballmütze fixiert, sieht er deutlich älter aus. Ihm bedeute es viel, eine Moschee besuchen zu können. „Als ich vorhin im Waschraum stand, um mich herum arabische Stimmen, fühlte es sich wie in meiner Heimat an. In der Moschee fühle ich mich gut. Ich möchte in Deutschland bleiben und Informatik studieren“, sagt Hassan selbstbewusst. Er bietet noch Zuckerwatte an, bevor er sich mit Handschlag verabschiedet. „Tschüss“ kennt auch er.

Eine Frau bemalt die Hand eines Mädchens.

Kunst auf Kinderhänden: Kinder lassen sich ihre Hände bemalen.

Jüngst wurde viel von dem Engagement deutscher Muslime für ihre „Glaubensbrüder“ gesprochen. Die Jugendlichen der Sehitlik Moschee entsprechen diesem Anspruch mit Engagement und Feingefühl. Im prachtvollen Moschee-Innenraum ergänzt der Generalkonsul der Türkei, Ahmet Başar Şen, weshalb die muslimischen Gemeinden den Geflüchteten helfen können: „Es gibt viele Menschen in Berlin, die, wie sie, in diese Stadt kamen, ihre Familien nachholten, und diesen Ort zu ihrem Zuhause machten. Diese Menschen wissen um die Schwierigkeit ihrer Situation, und sie haben die Infrastruktur, um Ihnen zu helfen.“ Er unterstreicht allerdings auch die zentrale Bedeutung des Spracherwerbs. „Die überwiegende Mehrheit der Türken in diesem Land spricht Deutsch – diese Menschen zeigen, dass es möglich ist, die Sprache zu lernen.“ Ein paar Dutzend Geflüchtete lauschen nachdenklich der arabischen Übersetzung, gerahmt von einem raumfüllenden, türkisblauen Gebetsteppich und den kaligraphisch verzierten Wölbungen der Moscheedecke.

„Es liegt noch viel Arbeit vor uns“

Am späten Nachmittag endet das Willkommensfest. Im strahlenden Sonnenschein kehren die Gäste zu ihren Unterkünften zurück. Einige schlendern hinüber zum Tempelhofer Feld, wo ein anderes Willkommenspicknick weitergeht. Glücklich, aber auch erschöpft, sitzt eine junge Helferin auf einer Klappbank vor der Moschee. Sie sinniert, dass die Sprache doch eine große Barriere darstelle. „Wir sind eine türkische Gemeinde, aber viele der Geflüchteten sprechen Arabisch. Es liegt noch viel Arbeit vor uns, aber wir haben schon weitere Veranstaltungen geplant. Freitags wollen wir die Geflüchteten zum Gebet einladen und mit ihnen essen.“ Sie lächelt: „Und viele von uns lernen außerdem Arabisch.“ Vor der Teestube legt nun auch der Zuckerwattendreher seine Schürze ab, und schließt sich den anderen Jugendlichen an, die bereits in einem großen Kreis zusammenstehen. „Wir haben es geschafft!“, rufen sie, und Ender Cetin gratuliert zu der gelungenen Veranstaltung.

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