von am 26. April 2017

Im Dezember 2019 sollen die Container wieder abgebaut werden. (Foto: Emmanuele Contini)

Gerade entsteht ein Containerdorf für Geflüchtete am Rande des Tempelhofer Felds. Bezirkspolitiker halten die sogenannten Tempohomes für notwendig, Bürger finden gute Argumente dagegen.

Seit Februar dieses Jahres rollen Bagger über das Tempelhofer Feld. Nach und nach füllt sich die Fläche neben dem Vorplatz der Hangars mit grauen Containern, bis zum Sommer werden es 976 sein. Als Tempohomes sind sie dann das Zuhause von etwa 1.100 geflüchteten Menschen – vornehmlich für die, die zurzeit noch in Notunterkünften leben.

Die Kosten für den Bau des Container-Dorfes schätzt der Senat auf rund 16,2 Millionen Euro. Bewohnt werden die Unterkünfte aber lediglich bis zum 31. Dezember 2019, bis dahin sollen alle Container wieder verschwunden sein. Scharfe Kritik an den Baumaßnahmen üben der Verein „100% Tempelhofer Feld“, verschiedene Flüchtlinsinitiativen und Anwohner. Zum einen musste das Gesetz zum Erhalt des Tempelhofer Feldes (ThF-Gesetz), dass eine Bebauung des Feldes untersagt, für das Vorhaben geändert werden. Hier vermutet die Initiative, dass der Bau der Tempohomes nur ein Vorwand des Senats sei, um sich langfristig weitere Baumaßnahmen zu „erschleichen“. Zum anderen wird die Unterbringung von Menschen in eingezäunten Container-Wohnungen beanstandet.

Warum Tempohomes auf dem Tempelhofer Feld?

Um die Bürger über den Stand der Bauarbeiten und die Tempohomes zu informieren, lud die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales im März 2017 in den Neuköllner Heimathafen zu einer Bürgerversammlung ein. Eine der ersten Fragen, die sich stellt: Warum wird überhaupt auf dem Feld gebaut? „Es ist problematisch Grundstücke zu finden“, erklärt Margaretha Sudhof (SPD), Staatssekretärin der Senatsverwaltung für Finanzen. Aufgrund des Grundstückmangels hätten eben auch Tempohomes auf dem Tempelhofer Feld gebaut werden müssen. Es wir zum ersten Mal laut im Saal: „Ferienwohnungen“, „Eigentumswohnungen“, „Leerstand“, ruft das Publikum.

Um die Tempohomes aufzustellen, musste das ThF-Gesetz geändert werden. (Foto: Emmanuele Contini)

„Ferienwohnungen zu beschlagnahmen, um Geflüchtete unterzubringen, das war auch meine Idee“, sagt die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Hermann (Grüne), und erntet zunächst Beifall. In der Praxis sei sie aber belehrt worden, dass das nicht so einfach gehe und häufig auch nicht rechtmäßig sei. Auch in Sachen Leerstand tue die Politik was sie könne: „Aber das sind alles nur Tröpfchen auf dem heißen Stein“, erklärt die Bürgermeisterin. Zudem gäbe es keine gleichmäßige Verteilung der Geflüchteten auf die Bezirke, so Staatsekretärin Sudhof. Monika Hermann stimmt zu: „Bezirke wie Zehlendorf und Reinickendorf wehren sich mit Händen und Füßen gegen die Unterbringung geflüchteter Menschen. Der Senat muss hier Druck aufbauen, damit sich alle Bezirke einbringen. Müller muss sich kümmern.“

Warum müssen Menschen in Containern wohnen?

Neben der Bebauung des Feldes steht auch die Unterbringung von Menschen in Containern – statt in Wohnungen – in der Kritik. Eine Mitarbeiterin der AG Wohnungssuche fragt, warum es Menschen, die Geflüchtete dabei unterstützen, richtige Wohnungen zu finden, so schwer gemacht werde: „Wir finden tatsächlich Wohnungen, aber die Ehrenamtlichen müssen dann persönlich bürgen und teilweise die Kaution übernehmen. Unterstützen Sie uns doch dabei!“ Auch Georg Classen vom Flüchtlingsrat Berlin hat Zweifel: „Warum wird so viel Geld in den Bau von Containern gesteckt, die in zwei Jahren nicht mehr genutzt werden? Warum werden nicht bestehende Unterkünfte, wie die im ehemaligen C&A-Gebäude in der Karl-Marx-Straße, ausgebessert? Zudem würden die Hangars gar nicht geschlossen werden, sondern in Ankunftslager umgewandelt. „Meine Forderung ist ganz klar: Wohnungen statt Lager“, so Classen.

Tempohomes sind Zwischenlösung

„Ich stimme zu, ‚Schöner Wohnen‘ sieht anders aus, aber in den Tempohomes haben die Menschen wenigsten eine Tür, die sie hinter sich schließen können, sie können kochen was sie möchten und eigene Sanitäranlagen nutzen“, erklärt Elke Breitenbach (Linke), Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales. Nur bis zu vier Personen würden jeweils in einer Unterkunft wohnen. Monika Herrmann (Grüne) sieht das ähnlich: „Die Hangars sind die Hölle, das ist der schlimmste Ort, den wir im Bezirk haben.“ Erstes Ziel sei, dass Menschen nicht mehr in solchen Unterkünften leben müssen.

Die Tempohomes am Rande des Tempelhofer Felds werden derzeit aufgestellt. (Foto: Emmanuele Contini)

Die 550 Personen, die jetzt noch in den Hangars wohnen, sollen so schnell wie möglich in die Container umziehen. „Die Tempohomes sind eine gute Lösung, eigene Wohnungen sind der nächste logische Schritt“, erklärt Claudia Langeheine, Präsidentin des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten und Angelika Schöttler (SPD), Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg weist auf die zentrale Lage des Feldes hin: „Die Menschen sollen nicht so weit wegziehen. Es gibt teilweise Umzüge von Steglitz nach Marzahn, das ist nicht günstig. Grundstücke am Stadtrand, wo man 20 Minuten zum nächsten Bus braucht, das stelle ich mir nicht unter Integration vor.“

Warum werden die Container nicht auf dem Vorplatz aufgestellt?

Die dringendste Frage der Bürger an dem Abend ist, warum die Tempohomes nicht einfach auf dem asphaltierten Vorplatz der Hangars aufgestellt werden. Im Januar 2016 wurde das ThF-Gesetz von der damaligen Regierung unter CDU und SPD für geändert. Damals hieß es, dass die Hangars und das Vorfeld nicht ausreichten, um alle Geflüchteten unterzubringen. Allerdings wird das Vorfeld, das circa 22, 5 Hektar groß ist, aktuell nicht genutzt. Im Sommer soll dort sogar ein Formel E Rennen stattfinden. Würden die Container auf dem Vorplatz aufgestellt, hätte das ThF-Gesetz nicht geändert werden müssen, da die Hangars und der Vorplatz nicht unter das Gesetz fallen. Eine konkrete Antwort bleibt das gesamte Podium den Bürgern – trotz mehrfacher Nachfrage – bis zum Ende der Veranstaltung schuldig. Das sorgt für großen Unmut und den Vorwurf, dass Linke und Grüne, die sich im Wahlkampf klar gegen die Bebauung des Tempelhofer Feldes aussprachen, ihre Versprechen nicht halten würden.

Dazu erklärt Senatorin Breitenbach (Linke) die neue Regierung sei nun einmal eine Koalition, was bedeute, dass Kompromisse eingegangen werden müssen. Zumal von einer permanenten Bebauung nicht die Rede sein könne, da die Container Ende 2019 wieder abgebaut würden: „Da müssen die Wähler uns vertrauen. Letztendlich ist es eine Glaubensfrage.“ Moritz Wittler Sprecher der Linken in Neukölln sieht das anders:„Elke, wie kannst du dich vor dieses Projekt der SPD stellen? Ich erwarte von der Regierung, dass sie sich mit den Mächtigen der Stadt anlegt!“ Katina Schubert, Landesvorsitzende der Linken, versucht zu vermitteln: „Wir wollen die Container auch nicht, aber wir konnten uns an diesem Punkt einfach nicht durchsetzen.“ Es sei nicht hilfreich Haltungsnoten zu verteilen, wichtiger sei es, dass bei den Geflüchteten nicht ankäme, dass sie nicht gewollt seien. Wie die neusten Anschläge zeigten, sei Neukölln weiterhin eine Hochburg der Neofaschisten.

Fragen der zukünftigen Bewohner

Auch Bewohner der Hangars, die zukünftig in den Tempohomes leben werden, sind zur Bürgerversammlung gekommen. Sie möchten wissen, ob die Container im Winter warm genug sind, ob sie Besuch empfangen dürfen – in den Hangars war das nicht möglich –, ob es Waschmaschinen geben wird und was mit Familien passiert, die aus mehr als vier Personen bestehen. Eine ehernamtliche Mitarbeitern, teilt stellvertretend die Bedenken eines Kindes mit, das zurzeit in den Hangars lebt. Der Junge fragt, ob die Verantwortlichen glauben, dass es eine gute Idee sei, Menschen hinter einem Zaun leben zu lassen. Er habe Angst, dass er von Joggern, Inline-Skatern oder Spaziergängern angestarrte würde. Wie ein Tier im Zoo.

Senatorin Elke Breitenbach (Linke) erklärt, dass die Tempohomes im Winter beheizt würden und damit warm genug seien. Besuch könnten die Bewohner selbstverständlich empfangen, zum Beispiel in den Gemeinschaftsräumen, allerdings blieben die Ausweiskontrollen bestehen. „Auch Waschmaschinen werden zur Verfügung gestellt und große Familien beziehen zwei Tempohomes. Es werden keine Familien gemischt, lieber bleiben mal zwei Betten frei“, so die Senatorin. Nur die Sorge um den Zaun können die Politikerinnen nicht nehmen: „Den Zaun hält die Polizei für notwendig, um rassistische Angriffe zu verhindern“, sagt Elke Breitenbach und Margaretha Sudhoff ergänzt: „In Berlin gibt es leider immer wieder Übergriffe auf Geflüchtete. Das ist peinlich.“

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