von am 22. März 2017
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Die filmArche ist eine selbstorganisierte Schule, bei der es weniger auf Vorqualifikationen als auf die Leidenschaft fürs Filmemachen ankommt.

Es ist die größte selbstorganisierte Filmschule Europas: die filmArche, im Süden Neuköllns gelegen. Hier gibt es keine Lehrer, keine Noten und keine Deadlines. Die Schüler bestimmen, was sie lernen wollen. Staatlich anerkannt ist ein Abschluss zwar nicht, aber wer das Studium durchzieht, kann viel lernen. Vor allem: Selbstständigkeit.

Text und Fotos: Marion Rukavina

Februar, ein Industriegelände in Südneukölln: die filmArche lädt zum Infotag. Fast zwei Dutzend potenzieller Bewerber haben sich eingefunden, durch das Programm führen Aylin und Azin, die selbst Schüler sind. Die Stimmung ist entspannt, aber geschäftig, ein Kleinkind krabbelt vergnügt auf dem Boden, im Raum nebenan wird ein Film geschnitten. Die filmArche wurde 2002 in Kreuzberg gegründet. Viel mehr weiß man über die Entstehung nicht. Da gab es wohl ein paar „nerdy filmschool-Typen“, die lieber alles selber machen und experimentieren wollten, statt sich in ein striktes Lernprogramm pressen zu lassen. Mit den Jahren hat sich dieser Gedanke und damit auch die Filmschule professionalisiert.

Selbstorganisation ist alles

Während der dreijährigen Ausbildung in den Bereichen Drehbuch, Kamera, Regie, Produktion, Schnitt oder DokuRegie steht autodidaktisches Arbeiten und das gemeinsame Filmeproduzieren im Vordergrund. Pro Schuljahr macht jede Klasse einen Übungsfilm. Selbstorganisation ist dabei die wichtigste Fähigkeit, die man als Schüler mitbringen sollte. Schließlich gibt es niemanden, der einem sagt, was als nächstes zu tun ist, keinen Druck und keine Deadline. Eine Klasse besteht aus acht bis 15 Schülern. Die Departments Regie und DokuRegie gehören zu den beliebtesten Lehrgängen. Laut Aileen sollte man mit etwa 20 Stunden pro Woche rechnen, die man an der Schule verbringt. Ein regelmäßiges Erscheinen sei wichtig, denn, so Azin: „Sonst gehen die Dinge hier kaputt.“

Die filmArche lebt von ihren Schülern und deren Einsatz, auch in finanzieller Hinsicht. Die filmArche ist ein Verein und als Schüler ist man automatisch Mitglied. Der Vereinsbeitrag liegt bei 70 Euro pro Monat. Damit decken sich alle Kosten – von der Raummiete bis zum Kameraequipment. Die Schule erhält keine institutionellen Förderungen. Momentan hat sie 400 Mitglieder, von denen etwa 200 aktiv sind.

Jeder hat eine Stimme

Am Anfang des Studiums stehen den angehenden Filmemachern Mentoren aus den älteren Semestern mit Rat und Tat zur Seite. Sie berichten über ihre Erfahrungen und geben Tipps. „Manchmal redeten wir drei oder vier Stunden nur über Organisatorisches und wie wir was machen wollen“, sagt Aylin. „Das war schon ein bisschen nervig, aber wir sind nun mal eine selbstorganisierte Schule.“ Zur Orientierung hat die Schule ein Curriculum – also eine Art Leitfaden – verfasst, das allerdings nicht bindend ist. Entscheidet die Klasse, den Unterricht abweichend vom Curriculum zu gestalten, ist das okay. Hier ist nichts in Stein gemeißelt, Entscheidungen werden basisdemokratisch getroffen. „Wenn mir etwas nicht gefällt, spreche ich mit meinen Klassenkameraden darüber“, meint auch Aylin. Letzten Endes ist es ganz einfach: Hat die Klasse erstmal eine Organisationsstruktur aufgebaut, bleibt mehr Zeit zum Studieren und Filmemachen. Und manchmal auch für ein bisschen Abwechslung; jeden Freitag wird gekocht.

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Wie funktioniert die Arche? Am 25. März veranstaltet die filmArche einen weiteren Infotag für interessierte Bewerberinnen und Bewerber.

Liebe dein Komitee

Ein bisschen „Muss“ gibt es dann aber doch: Jeder Schüler muss sich aktiv an einem Komitee beteiligen. Zur Auswahl stehen etwa PR, Workshop, Fundraising oder Diversity. Neue Schüler entscheiden sich beim Einführungstag im Spätsommer, bei welchem Komitee sie mitmachen möchten. Es empfiehlt sich, bereits in der Bewerbung bestimmte Fähigkeiten, die sich für ein Komitee eignen, zu erwähnen.

Schüler werden Lehrer

Und wie sieht der Unterricht in so einem freien Kontext dann aus? Die Schüler entscheiden selbst über den Stoff, teilen die Unterrichtsthemen untereinander auf. Aus Schülern werden Lehrer. „Damit kann jeder den Unterricht aktiv mitgestalten“, so Azin. Kommt die Klasse bei einem Thema nicht weiter, kann sie sich an die Schulleitung wenden, die etwa einen ehemaligen Schüler als Lehrer empfiehlt.

Im zweiten Studienjahr bekommt jede Klasse ein Budget von 400 Euro, wovon externe Dozenten eingeladen und bezahlt werden können. Da die Arche aber unter Filmschaffenden bekannt ist und viele Unterstützer hat, gibt es auch immer wieder Menschen, die einen Workshop unentgeltlich anbieten.

Keine Konkurrenz

Seit dem 15. März 2017 kann man sich online bewerben. Je nach dem, für welches Department man sich bewirbt, reicht man einen Kurzfilm ein, eine Filmanalyse oder ein Konzept für einen Dokumentarfilm. Bewerbungssprache ist in der Regel Deutsch, aber ab diesem Jahr soll es auch möglich sein, sich auf Englisch zu bewerben. Die Bewerbungsfrist endet im Juni. Die Auswahlgespräche finden im Juli und August statt, aus denen sich dann die jeweiligen Klassen bilden.

Laut Azin sind die Bewerber keine Konkurrenten. Beim Auswahlverfahren gehe es nicht um Perfektionismus, sondern um die Bildung von Teams. Ein Team, das während der dreijährigen Ausbildung funktioniert. Die Zusammensetzung der Teams soll heterogen und hinsichtlich der jeweiligen persönlichen Eigenschaften und Fähigkeiten ergänzend sein. So kann eine gute Selbstorganisation fehlende Filmerfahrung wettmachen. Motivation ist das Wichtigste. Einen guten Bewerbungsfilm einzureichen, ist kein Muss, wenn man andere, für die Arche wichtige Qualitäten mitbringt. Es soll verhindert werden, dass sich Klassen mit der Zeit einfach wieder auflösen, wie es in der Vergangenheit gelegentlich vorkam. Was die filmArche ihnen geben kann, das haben die Schüler letzten Endes selbst in der Hand.

Am 25. März veranstaltet die filmArche einen weiteren Infotag: „filmArche – Machs dir selbst“. Hier geht es zum Facebook-Event.

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