von am 13. November 2014
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Die Stadtteilmutter Emine Erdogan (r.) mit Sevda, die wegen der Einschulung ihres Sohnes Unterstützung sucht. (Foto: Marina Strauß)

Sie besuchen Migrantenfamilien, vermitteln Deutschkurse und begleiten Eltern beim Behördengang oder zu Kitas: Neuköllns Stadtteilmütter. Doch weil das Modellprojekt „Bürgerarbeit“ der Bundesagentur für Arbeit Ende Oktober ausgelaufen ist, musste die Hälfte der 94 Frauen gehen. Emine Erdogan gehört zu denen, die weitermachen dürfen. Für sie ist Stadtteilmuttersein kein Job, sondern eine Berufung.

Von Marina Strauß

Sie trägt ihren roten Schal – das Erkennungszeichen der Stadtteilmütter – locker um den Hals geschlungen. Emine Erdogan sitzt in einem türkischen Café in der Karl-Marx-Straße. Draußen huschen an diesem novembergrauen Tag Passanten vorbei, doch drinnen ist es schön heimelig. Türkische und deutsche Sprachfetzen vermischen sich. Vor Emine aufgetürmt liegt Informationsmaterial über die Stadtteilmütter. Mit ihr am Tisch sitzt die türkischstämmige Sevda, die momentan nicht so recht weiter weiß. Denn ihr fast fünfjähriger Sohn soll nächstes Jahr in die Schule kommen. Doch eigentlich findet sie, dass er noch nicht dafür bereit ist, und würde ihn gern zurückstellen lassen. Sevda trifft sich nun schon zum wiederholten Male mit Emine, die ihr dabei hilft, den Bürokratie-Wirrwarr zu durchblicken.

Erste Schritte

Emine Erdogan kam 2010 zu den Stadtteilmüttern. Im ersten Jahr arbeitete sie über eine Maßnahme der Bundesagentur für Arbeit, dann als Honorarkraft, jetzt beschäftigt der Träger des Projekts, das Diakoniewerk Simeon, sie auf Minijobbasis. Vor vier Jahren betreute eine Freundin Emines Familie und ermutigte sie, auch Stadtteilmutter zu werden. „Ich hatte am Anfang Angst, nicht alles zu verstehen und weitergeben zu können“, sagt sie. Doch dann meldete sie sich, nachdem das Jobcenter grünes Licht gegeben hatte, für den sechsmonatigen Kurs an.

Stadtteilmutter werden

In dieser Zeit drückte die angehende Stadtteilmutter zweimal die Woche für je vier Stunden wieder die Schulbank. Eine Gruppenkoordinatorin bildeten sie und ihre Kolleginnen in zehn Themenbereichen aus. Verschiedene Experten, wie zum Beispiel aus dem Kinderschutzzentrum, unterstützen die Qualifizierungen. Die Frauen besuchen außerdem etwa das Jugendamt und die Bibliothek, um vor Ort sowohl die Einrichtung als auch die MitarbeiterInnen kennenzulernen. Zu den Themen der Schulung gehören beispielsweise gesunde Ernährung, das Schulsystem, Sucht, Sexualität und Medien. „Das war ein sehr schöner Moment, als ich das Zertifikat in den Händen hielt“, berichtet Emine. „Das Gefühl, es geschafft zu haben.“ Auch jetzt macht sie noch regelmäßig Fortbildungen oder sie geht mit anderen Stadtteilmüttern zu bestimmten Themen ins Kino und diskutiert dann während der wöchentlich stattfindenden Treffen darüber.

In Deutschland ankommen

Alle Stadtteilmütter haben einen Migrationshintergrund. Sie sprechen türkisch, arabisch, aber auch ungarisch oder polnisch. Emine ist in der Türkei aufgewachsen. Nach ihrem Realschulabschluss besuchte sie eine zweijährige Computerschule und arbeitete dann in einem Büro. Ihr Lehramtsstudium brach sie nach kurzer Zeit ab, weil sie ihrem Mann vor 20 Jahren nach Deutschland folgte. In Berlin angekommen, versuchte sie, schnell Deutsch zu lernen. Danach begann sie auch eine Ausbildung zur Bürokauffrau. Doch dann kamen ihre Kinder. Ihre Tochter ist heute 16, die beiden Söhne 13 und neun Jahre alt. „Und jetzt mit 45 ist es nicht mehr so leicht, etwas Neues anzufangen“, sagt Emine.

Mehr Berufung als Job

Wenn Emine von den Stadtteilmüttern spricht, leuchten ihre blauen Augen. Ihre Stimme klingt dann ganz ruhig, aber bestimmt. Ihr Deutsch ist fast akzentfrei, manchmal sucht sie nach einem Wort. Jeden Monat betreut sie zehn Stunden pro Woche zwei Familien. Sie trifft die Mütter im Café und schaut regelmäßig direkt bei den Familien vorbei. Es gibt auch Momente, in denen sie nicht viel ausrichten kann. Einige wenige Eltern interessieren sich nicht dafür, was Emine weiterzugeben hat. Doch die positiven Momente überwiegen für sie bei Weitem. Einmal kümmerte sie sich um einen Anwalt und rettete eine Familie davor nach einer angedrohten Mieterhöhung auf der Straße zu landen. Und auch die schulischen Probleme eines Mädchens konnte sie zusammen mit einer Schulpädagogin lösen. „Sie hat sehr viel Erfahrung und verfügt über ein großes Netzwerk“, sagt Sevda und strahlt Emine dabei an. „Für uns ist sie fast wie eine Mutter. Sie motiviert Eltern, Deutsch zu lernen. Und sie macht Müttern Mut, nicht aufzugeben.“

Türöffnerin

Medien sprechen von den Stadtteilmüttern oft als „Türöffner“. Manche Eltern haben zum Beispiel sprachliche Schwierigkeiten, was in der Kita oder in der Schule zu Missverständnissen führen kann. Emine versucht dann zu vermitteln. Es kommt auch schon mal vor, dass eine Mutter sie noch um Mitternacht anruft und darum bittet, sie am nächsten Morgen in die Kita zu begleiten. Denn selbst zu vielen Familien, die Emine nicht mehr direkt betreut, hat sie noch Kontakt und vor allem ein offenes Ohr, wenn sie mit einem Problem zu ihr kommen. „Ich helfe gern und ich lerne jeden Tag etwas Neues dazu“, sagt sie.

Erfahrung geht verloren

Erst vor wenigen Tagen demonstrierte Emine mit, weil mehr als die Hälfte ihrer Kolleginnen nun nicht mehr als Stadtteilmutter arbeiten kann. Zwar laufen aktuell parallel zwei Stadtteilmütterkurse, aber diese enden erst im März. Und mit den anderen Frauen gehen ein enormer Erfahrungsschatz, persönliche Kontakte und Netzwerke verloren. Emine hat sich ihren momentanen Minijob hart erkämpft. Ein Leben ohne ihre Arbeit könnte sie sich gar nicht mehr vorstellen: „Ich wäre sehr traurig, wenn ich nicht mehr Stadtteilmutter sein könnte“, sagt sie. „Ich liebe meinen Job“.

Mehr über die Stadtteilmütter:
www.stadtteilmuetter.de

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2 Kommentare:

  • Roona sagt:

    Kann man den Artikel kommentieren?

  • Cela sagt:

    „Ihr Deutsch ist fast akzentfrei, manchmal sucht sie nach einem Wort.“ Dass die guten Deutschkenntnisse von Migranten immer wieder betont werden müssen…dieser Satz bereichert den Artikel wohl kaum.

    Insgesamt schön, dass über die Stadtteilmütter berichtet wird. Allerdings werde ich den Eindruck nicht los, dass es hier vordergründig nicht nur um eben jene geht, sondern vor allem um die Migrantin, die seit 20 Jahren in Deutschland lebt, in Berlin schnell „versuchte“ (?) Deutsch zu lernen, ihre Ausbildung zur Bürokauffrau durch ihre Schwangerschaften abbrechen musste und es jetzt immerhin noch zur „24/7-Mutter für alle Bedürftigen“ geschafft hat.
    Schade, dass sie nicht einfach nur EMINE heißen kann und einen guten Job macht!!!

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